Ausstellung in Venedig

Standbein, Stehbein, Gehbein

Von Karlheinz Lüdeking, Venedig
29.10.2021
, 15:10
Studien zum aufrechten Gang: Das Foto links stammt von Étienne-Jules Marey, die Zeichnung (Mitte) von Regnault, die Aufnahmen rechts von Bruce Nauman.
Da geht was: Die Fußgänger-Stadt Venedig zeigt die ambulatorischen Exerzitien von Bruce Nauman. Als Besucher der Ausstellung geht man gar bis zur Hinterfragung des routinierten Bewegungsablaufs.
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Das Gehen ist eine Fertigkeit, die von den meisten Menschen ab dem zweiten Lebensjahr pro­blemlos beherrscht wird. Was man daran hat, bemerkt man gewöhnlich erst dann, wenn das Gehen nicht mehr so gut geht. Der aufrechte Gang unterscheidet den Menschen vom Tier, und deshalb ist es auch kein Zufall, dass Philosophen wie Gassendi und Hobbes dem Cartesianischen Cogito einen anderen, auf den Leib bezogenen Grundsatz entgegenhielten: „ambulo, ergo sum“. 1680 erläuterte Giovanni Borelli mit zahlreichen Kupferstichen erstmals das Zusammenspiel von Knochen, Muskeln und Sehnen beim Gehen, doch die weitere Forschung hat ihre Hochkonjunktur erst im 19. Jahrhundert. 1837 erscheint die grundlegende Abhandlung der Brüder Wilhelm und Eduard Weber über die Mechanik der menschlichen Gehwerkzeuge, und kurz zuvor zeigt Honoré de Balzac in seiner „Theorie de la démarche“, dass man den menschlichen Gang nicht nur naturwissenschaftlich betrachten sollte, weil sich seine vielfältigen Varianten auch aus psychischen Besonderheiten und sozialen Konventionen erklären. Die Momentfotografien von Étienne-Jules Marey und Eadweard Muybridge enthüllen dann noch die kleinsten Details des Gehvorgangs, und ein Mediziner namens Regnault empfiehlt in seiner (zusammen mit einem Hauptmann der französischen Armee verfassten) Studie „Comment on marche“ eine Gangart, in der Soldaten schneller und kräftesparender marschieren können.

In der Kunst hat sich vor allem Bruce Nauman mit dem Gehen befasst. Eine sehenswerte Auswahl diesbezüglicher Werke ist bis zum 9. Januar in Venedig zu sehen, einer Stadt der Fußgänger. Das Thema interessiert Nauman seit den Sechzigerjahren. Damals mietete er nach dem Abschluss seines Studiums ein Atelier in San Francisco, wusste aber nicht recht, was er dort anfangen sollte. Schließlich kam ihm die folgende Einsicht: „Wenn ich ein Künstler bin und mich in einem Atelier befinde, dann muss alles, was ich dort mache, Kunst sein.“

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Die praktische Umsetzung des Kontraposts

Das ist zwar Unfug, aber der Sinn dieses Axioms lag ohnehin nicht in seinem Inhalt, sondern in seiner praktischen Funktion. Sie machte es möglich, die Kunst nicht mehr nur als Produkt zu sehen, sondern als Prozess. Dementsprechend begann Nauman, in seinem Atelier allerlei mehr oder weniger definierte Handlungen auszuführen, die er mit einem jener neuen Videorekorder aufzeichnete, die gerade auf den Markt gekommen waren. Eines dieser Videos trägt den Titel „Walk with Contrapposto“. Es zeigt, wie der Künstler mit hoch erhobenen und hinter dem Kopf verschränkten Armen zwischen zwei Stellwänden hin und her geht, wobei er seine Hüfte bei jedem Schritt in einem theatralisch übertriebenen Kontrapost schrägstellt.

Den Kontrapost hatten griechische Bildhauer der Antike als ein Mittel entdeckt, ihren Statuen mehr Lebendigkeit zu verleihen. Bei Nauman wirkt der ständige Wechsel von Standbein und Spielbein dagegen nur noch befremdlich. Der Gang verliert seine Kontinuität. Er zerfällt in eine Serie erstarrter Posen. Aus eigenem Antrieb wird kaum jemand in einer so affektierten Weise herumstolzieren. Deshalb hat man den Eindruck, dass Nauman einer unbekannten Anweisung folgt, deren Ausführung von der Kamera überwacht wird. Er bewegt sich wie ein Tier im Käfig eines Versuchslabors. Fast fünfzig Jahre später kommt Nauman noch einmal auf diese Arbeit zurück. In seinen Contrapposto-Studies sieht man wieder, wie der Künstler, inzwischen gealtert und durch eine Krebsoperation geschwächt, ruckartig voranschreitet, wobei er seine Hüfte abwechselnd rechts und links nach unten kippen lässt. Ursprünglich wurde diese Aktion ganz unspektakulär aufgezeichnet, mit einer starren Kamera auf Schulterhöhe, ohne Schwenk, ohne Zoom und ohne Schnitt, sechzig Minuten, bis das Band voll war. Nun sieht man Nauman mehrfach nebeneinander, was an die Fotografien von Muybridge und Marey erinnert. Dabei werden die einzelnen Bewegungsphasen aber nicht durch fixierte Einzelbilder dargestellt, sondern durch kurze Filmfragmente. Überdies zerteilt Nauman die Abbilder seines Körpers in fünf oder auch sieben waagerechte Schichten, die er gegeneinander verschiebt, manchmal auch leer lässt oder seitenverkehrt einsetzt, wobei sich zum Beispiel das Knie nach rechts und der Unterschenkel nach links ausrichten kann.

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Im Gehen den Blick fürs Gehen schärfen

Trotz dieser radikalen optischen Zerlegung entstehen letzten Endes aber wieder Gestalten von verblüffender Kohärenz. Das Ganze ist offensichtlich mehr als die Summe aller Teile. Zugleich wird auch klar, dass sich die Integrität der Person nur als eine Fiktion der Einbildungskraft ergibt. Insofern bleibt Nauman seiner – an Beckett und Wittgenstein geschulten – Auffassung treu, wonach die menschliche Identität nicht aus einem autonomen inneren Kern erwächst. Sie formt sich aus den Restriktionen der Umgebung. Naumans Beschäftigung mit dem Gehen resultiert, wie seine Kunst ganz generell, in der Bemühung, unter dem stummen Zwang widriger Umstände eine menschliche Haltung und einen aufrechten Gang zu bewahren.

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Restriktionen erlebt man auch beim Besuch der Ausstellung. Am Anfang kommt man, nach einem kurzen Vorspiel, in einen großen und hohen Saal mit der Installation der Contrapposto-Studien, und hierhin kehrt man am Ende, ein Stockwerk höher, zurück, um auf einer Treppe wieder zum Erdgeschoss herabzusteigen. Auf dieser Treppe könnte man naturgemäß auch schon zu Beginn nach oben gehen, doch das ist, wie ein Schild in drei Sprachen erklärt, „verboten“. Man wird also genötigt, einem festgelegten Parcours zu folgen, was durchaus sinnvoll ist, denn dabei betritt man zum Beispiel den Saal 5 an einer Stelle, wo man sofort einer Phalanx von acht Monitoren gegenübersteht, und in Raum 17 sieht man in einer Glasscheibe die Spiegelung der eigenen Schuhe, die nun als Abwandlung der zuvor gesehenen Fragmente in Naumans Video-Tableau erscheint. Dabei wird aber auch deutlich, dass wir uns in einer ähnlichen Situation befinden wie der Künstler in seinem Atelier. Wir bewegen uns, so wie er, nach vorher festgelegten Vorgaben. Wenn Nauman zeigt, wie er in seinem Atelier herumgeht, dann schärft das also unseren Blick für die Bedingungen, denen wir selbst bei unserem Gang durch die Ausstellung unterliegen, und womöglich fragen wir uns, während wir dort herumgehen, am Ende sogar, was das überhaupt ist: Gehen.

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Bruce Nauman. Contrapposto Studies. Punta della Dogana, Venedig; bis zum 27. November 2022. Der Katalog kostet 60 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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