Bruce Nauman in Amsterdam

Jahrmarkt der Grausamkeiten

Von Alexandra Wach, Amsterdam
27.06.2021
, 21:10
Rotieren ist nicht von gestern: Das Amsterdamer Stedelijk Museum widmet dem amerikanischen Künstler Bruce Nauman eine sehr aktuelle Retrospektive.
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Es soll Zeiten gegeben haben, in denen das wiederholte Waschen von Händen als Ausdruck eines übertriebenen Reinheitswahns galt. „Washing Hands Abnormal“ nannte etwa der Amerikaner Bruce Nauman 1996 eine Videoarbeit, der man jetzt in seiner Retrospektive im Amsterdamer Stedelijk Museum mehr Aufmerksamkeit schenkt, als man es vor der Corona-Krise getan hätte. Eine Stunde lang möchte man zwar nicht vor den zwei übereinander gestapelten Monitoren ausharren, um Nauman beim rituellen Kneten von Seife zu assistieren. Aber als Entree hätte man sich kein anderes Werk wünschen können, fasziniert über den Perspektivwechsel, den eine lange unter Neuroseverdacht stehende Kulturtechnik erfahren konnte.

Entstanden ist die fünfzig Schaffensjahre umfassende Schau in Kooperation mit der Londoner Tate Modern. Im winterlichen Lockdown haben wohl nur wenige Glückliche diese über vierzig Werke zählende Feier zeitloser Konzeptkunst zu Gesicht bekommen. In Amsterdam strahlt sie umso mehr, greift sie doch genau die Befindlichkeiten auf, denen man seit einer gefühlten Pandemieewigkeit nicht mehr entkommen konnte: Isolation, Frustration und Langeweile. Wenn der junge Nauman Ende der sechziger Jahre in seinen Schwarz-Weiß-Videos gegen Wände anrennt und sich über ein von ihm auf dem Boden gezeichnetes Quadrat vortastet, weiß man, die Häutung zu einem der innovativsten Nachkriegskünstler ist ihm gewiss, auch wenn der Rückzug ins Innere bereits sonderbare Eigenarten zeitigt.

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Eine zirkusreife Manege des Todes

Geradezu ein klaustrophobisches Déjà-vu ist beim Betreten von „Get Out of My Head, Get Out of This Room“ von (1968) spürbar. Der Künstler knurrt immer wieder den Satz aus dem Titel. Er möchte unter sich bleiben. Die postpandemische Verunsicherung hätte man doch gerne am Beispiel eines weniger toxischen Isolators erfahren. Selbst ein Klassiker wie der Neonschriftzug „The true artist helps the world by revealing mystic truths“ von 1967 rührt mit seinem spiralförmigen Heilsversprechen an, meint man aus ihm doch nicht mehr den Zeitgeist der drogenumnebelten Sixties zu hören, sondern das Angebot zur existentiellen Reflexion – und die ist nur zum Preis der Anstrengung einer sich dem Kreisen der Schrift anpassenden Halswirbelsäule zu haben, eine Übung, die jedem Geschädigten des verordneten Home Office zu empfehlen sei.

Ein Werbeschild, das zum Denken aufruft – nur eines von unzähligen Aperçus, die der heute Neunundsiebzigjährige mit Vorliebe in unerwartete mediale Konstellationen gießt, von Performances über Skulptur bis zu Klangarbeiten und textbasierten Installationen. Mit dem Stedelijk verbindet den Pionier in all diesen Disziplinen, bis auf die Malerei, die er links liegen ließ, die Teilnahme an der legendären Gruppenausstellung „Op losse schroeven“ von 1969.

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„Bruce Nauman“ hat einige Schnittmengen mit der drei Jahre zurückliegenden, erheblich größeren Retrospektive im Baseler Schaulager. Und doch ist diesmal etwas anders. Nicht, weil hier eine Chronologie fehlt. Es scheint, als hätte Naumans unerbittlicher Blick auf das Dasein unter dem Eindruck des globalen Covid19-Desasters aus dem kunsthistorischen Kanon-Loop herausgefunden, in dem er allmählich seine Schärfe zu verlieren drohte.

„Mein Werk kommt aus der Enttäuschung über die conditio humana“

Geradezu verstörend erinnert das raumgreifende „Carousel“ von 1988 an die Schlachthofnachrichten zu Anfang der Pandemie. Ausgestopfte Tierkadaver hängen jämmerlich von den Kranseilen einer kreisenden Maschine herunter, eine zirkusreife Manege des Todes. In der Ursprungsversion schleiften die haarlosen Tiere über den Boden. Im Stedelijk schweben sie auf Anordnung des Kunstmuseums Den Haag, das sich als Besitzer um die Abnutzung Sorgen machte, nun darüber – eine zweifelhafte Entscheidung, denn die Missachtung des Lebensrechts der Tiere manifestierte sich doch gerade in ihrer brutalen Behandlung. Immerhin, aus den Nebenräumen hallt die passende Geräuschkulisse: wahnsinniges Gelächter und hilflose Schreie.

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Bekanntlich ergeht es in Naumans Kosmos menschlichen Kreaturen nicht besser. Der Versuch, mit anderen in Kontakt zu treten, erweist sich als Urgrund immer weiterer Probleme. Das Neon-Wechselbild „Hanged Man“ von 1985 steigert etwa die Dichotomie von Eros und Thanatos zu einer makabren Jahrmarktbelustigung. Rot und grün leuchtende Striche formen sich in dieser bizarren Version des Spiels „Hangman“ zu einem Gehängten, dessen Penis bei der Prozedur des Aufhängens erigiert. Andere berühmte Neonarbeiten aus dem Jahrzehnt zeigen den Menschen als seinen Trieben mechanisch ausgelieferten Homo eroticus, stets bereit zu einem aus der endlosen Schleife befreienden Gewaltausbruch.

„Mein Werk kommt aus der Enttäuschung über die conditio humana“, so Nauman 1996 in einem seiner wenigen Interviews. „Es frustriert mich, dass Menschen sich weigern, andere Menschen zu verstehen, und dass sie so grausam zueinander sein können. Nicht, dass ich denke, ich könne daran etwas ändern. Aber das ist wirklich ein frustrierender Aspekt der Menschheitsgeschichte.“ Geradezu prophetisch die Trump-Jahre vorwegzunehmen, scheint rückblickend die tragikomische Videoinstallation „Clown Torture“ von 1987. In einem dunklen Raum schreit ein Clown auf mehreren Projektionen um sein Leben, scheinbar einen Quälgeist abwehrend, mal eitel mit seiner äußeren Erscheinung beschäftigt, mal erschöpft auf der Toilette kauernd, als wäre ihm der „Spaß“ an der erniedrigenden Performance aus den massigen Gliedern gewichen. Dass der Albtraum kein Ende findet, passt zu einem Grundmotiv in Naumans Weltbild, der Rotation, die sich wie ein beckettsches Mantra durch die Gänge zieht.

Der Terror kommt auf lärmenden Sohlen? Nicht bei den 32 schwarzen Blöcken aus poliertem Marmor nebenan. Man könnte sie in ihrer kreuzförmigen Anordnung mit einer religiösen Ruhezone verwechseln, wäre da nicht das von Leuchtstoffröhren erzeugte gelbe Deckenlicht, das die gemarterte Seele sogleich in eine weitere Kältefront taucht. Dass zum Abschied mit „Double Steel Cage Piece“ (1974) der Aufenthalt in einem Drahtkäfig empfohlen wird, folgt konsequent Naumans speziellem Humor. Der Körper der Besucher muss Abbitte leisten, gezwungen zu winzigen Schritten, ohne die Möglichkeit des Rückzugs – vielleicht nicht die unausweichliche Permanenz des Schreckens. Aber doch eine Mutprobe im Fluss der täglichen Zumutungen.

Bruce Nauman, Im Stedelijk Museum Amsterdam, bis zum 24. Oktober. Der Katalog kostet 30 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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