Shirley-Jaffe-Schau in Paris

Mit Lanze und Schwert

Von Ulf Erdmann Ziegler
21.05.2022
, 14:58
Matisse und Pop-Art, doch auch ganz Jaffe: „Hawley“, 2011
Jahrzehntelang nur fünf Meter Malraum: Shirley Jaffe wird im Centre Pompidou kanonisiert und danach im Matisse-Museum von Nizza und in Basel gezeigt. Das hat die lange kaum bekannte Künstlerin verdient.
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Gegen Ende ihres Lebens war Shirley Jaffe ein Mythos geworden, die letzte amerikanische Nachkriegskünstlerin in Paris. Nun wird sie mit einer großen Ausstellung im dortigen Centre Pompidou kanonisiert. Es braucht ein geschultes Auge, um ihr Werk zu entschlüsseln, aber nicht, um den Zugang dazu zu finden. Für die Kinder unter den Besuchern sind ihre tanzenden, flackernden, sich schlängelnden Farbfelder ein Spiel.

Ihr Triumph war das Spätwerk, beginnend um 1980. Trotz des mäßigen Erfolgs beim großen Format geblieben, gelang ihr in diesem Jahr „Hollywood“, für die Retrospektive ausgeliehen vom Pariser Musée d’art moderne. Es wirkt wie ein Puzzle, das jemand von den Rändern begonnen hat zusammenzusetzen und dann vergessen. In der Mitte ein fahles dottergelbes Farbfeld, auf dem vereinzelte Formen liegen geblieben sind wie Duplo-Steine von Lego. Die gedämpften, aber dennoch lebhaften Farben scheinen sämtlich aus Südamerika geliehen zu sein.

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Intuitiv zugängliche Werke

Geliehen, zitiert, auf links gedreht: Dieses erstaunliche Werk kommt ausschließlich über Umwege ans Ziel. Das Ziel ist eine harmonische Komposition, die beim Betrachten Unruhe auslöst. Man möchte intuitiv teilnehmen an dem großen, intellektuellen Symposium, das der Schöpfung vorausgegangen sein muss. Der Anteil dessen, was ein Bild zeigt, ist verschwindend im Vergleich zu dem, was es verbirgt.

In den Diptychen verdoppelt sie die Wirkung. Die linke Hälfte von „All Together“ (1993), dominiert von tiefblauen schwebenden Formen, gehört zur Welt der Kontemplation; die rechte sieht aus wie Matisse als Popposter, alles Jahrmarkt und Show. Ihre besten Werke machen sich lustig über das Miteinander – „all together“ – und brillieren stattdessen in Gleichzeitigkeit.

Jeder Zufall war von langer Hand geplant: Eine Vitrine zeigt etwa postkartengroße Kartons, auf denen sie die Formen und ihre Lage grob skizziert; auch den Titel des zukünftigen Gemäldes. Welche Farbe die Formen haben werden, schreibt sie dazu, auf Französisch. Ändert sie die Farbe, streicht sie das Wort auf der Karte aus und setzt ein neues darunter. Während das Protokoll von Idee und Ausführung unleserlich wird, ein Palimpsest, wächst das Gemälde in die pure Visualität. Es ist auch ein Prozess des Verlernens, notiert der Kurator Frédéric Paul im Katalog.

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Shirley Sternstein, 1923 geboren in New Jersey, aufgewachsen in Brooklyn, kam 1949 als Mrs. Jaffe nach Paris. Die Ehe überstand das europäische Abenteuer nicht. Die junge Malerin blieb. 1969 mietete sie eine Wohnung in der Rue Saint-Victor Nr. 8 im vierten Stock. Diese hatte zwei Fenster zur Straße. Zwischen den Wänden waren fünf Meter Abstand. Die unfertigen Gemälde standen rechts, die fertigen links. Als sie im Herbst 2016 starb, fanden sich im Hinterstübchen unverkaufte Bilder aus den fünfziger Jahren, frisch wie gestern gemalt. Ihr eigentliches Geheimnis blieb, wie man so ein Leben aushält.

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Der Zwiespalt des Expressionismus

Die Ausstellung zeichnet dieses Künstlerleben in Formen nach. Erst die frühen Bilder, changierende Felder leibhaftig applizierter Farben. Hier als Buschfeuer, dort als Inseln im Eis. Klar, es sollte „Abstrakter Expressionismus“ sein, der Stil der Zeit, die Währung der Stunde, aber tatsächlich war sie eklektisch unterwegs zwischen Claude Monet und Willem de Kooning, in einem buchstäblichen Sinne suchend. Dann vereinfachte sie die Farben, gab ihnen Gestalt. Zwischen 1970 und 1972 stapelte sie rein monochrome Felder zu geradezu unverschämt anmutenden vertikalen Bildern, ein minimalistischer Exzess. Die Paradoxie klopft an. Einige Jahre später zeigt sich ein Weiß, auf dem die Formen zu schwimmen scheinen. Je leichter das Gerüst, desto ernster das Unterfangen.

Titelloses Ölgemälde Shirley Jaffes aus dem Jahr 1963
Titelloses Ölgemälde Shirley Jaffes aus dem Jahr 1963 Bild: Centre Pompidou/Adagp, Paris, 2022

Die Ausstellung mit „Une Américaine à Paris“ zu untertiteln, muss eine späte Eingebung gewesen sein, denn der äußerst elegant hergestellte, zweisprachige Katalog heißt simpel „Shirley Jaffe“. Selbstverständlich liefert die Konkurrenz der Kunststädte Paris und New York ein großartiges Klischee, auf dem man fast alles abbilden kann. Wirklich wichtig für Jaffe war aber ihr Aufenthalt in Westberlin, auf Einladung der Ford Foundation 1963/64, zusammen mit den Komponisten Elliott Carter und Iannis Xenakis. In diesem Jahr erkennt sie den Auftrag des Abstrakten Expressionismus, aus sich selbst zu schöpfen, als obsolet. Der Abschied vom Geniegedanken setzt Kräfte frei.

Eine eigene Realität

Noch viele Jahre wird ihre Rezeption in Paris überschattet werden von der Joan Mitchells, die bei der expressiven Formel bleibt, im ganz großen Format. Der frühe Tod der Freundin und Konkurrentin (die von der Galerie Jean Fournier vertreten wurde) gibt den Blick frei auf Jaffes kühnes, strukturalistisches Werk der Spätzeit. Sie wechselt zur Galerie von Nathalie Obadia, plötzlich unter lauter jungen Künstlern. Auch in New York wurde sie seit 1999 ausgestellt, bei Tibor Nagy.

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Warum Shirley Jaffe nicht zurückkehren konnte nach Amerika, bleibt letztlich ein Rätsel, so wie ihre Kunst. Sie sprang von Scholle zu Scholle; von der Idee zum Material, vom Material in die Praxis, von der Praxis in die Wirklichkeit. Das wollte sie mit ihrer Malerei erreichen, eine eigene Wirklichkeit, etwas unausweichlich Zeitgenössisches, und sie hat es erreicht. Sie war eine würdige, eigensinnige Jeanne d’Arc der Kunstwelt, eine Malerin mit Lanze und Schwert.

Shirley Jaffe. Eine Amerikanerin in Paris. Centre Pompidou, Paris, bis 29. August. Danach im Musée Matisse, Nizza, sowie im Kunst­museum Basel. Der Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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