Georgia O'Keeffe in Paris

Zuhause in der Wüste

Von Bettina Wohlfarth
12.09.2021
, 20:43
Atemzüge eines Sommers: Georgia O’Keeffes „My Front Yard, Summer, 1941“
Sie ist in Europa nur selten zu sehen: Das Centre Pompidou in Paris zeigt eine Retrospektive der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe.

Georgia O’Keeffe nimmt nicht nur mit ihrem Werk, sondern auch als Künstlerpersönlichkeit eine singuläre Position in der Moderne ein. Bis zu ihrem Tod 1986 mit fast hundert Jahren erlebte sie alle Kunstbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts, ohne je einer einzigen nahezustehen. Ihre suggestiven Blüten, oft als makrofotografische Ausschnitte gemalt, oder die kargen Landschaften Neu Mexikos mit Felsformationen wie pantheistische Naturkörper, dann wieder strenge, minimalistische Farmgebäude oder fast metaphysische New Yorker Bauten, die sich wie Menhire gen Himmel strecken, sind vornehmlich in der Figuration verankert. Bisweilen spielen sie mit den Grenzen zur Abstraktion.

Dass ihre Malerei die Darstellung gegebenenfalls zur Auflösung treibt oder auf elementare Linien und Formen reduziert, bleibt für O’Keeffe ein Ausdrucksmittel, kein programmatisches Ziel. Selbst wenn Gemälde den Namen „Abstraction“ tragen, wurzeln sie doch in einer spürbar sinnlichen Erfahrung des Realen. O’Keeffe ist eine Pionierin der amerikanischen Moderne, indem sie die in ihren jungen Jahren durchweg europäischen Vorbilder der Avant­garden aufnimmt und verarbeitet, ih­re Malerei jedoch zutiefst mit ihrem inneren Seinsgefühl, das heißt auch: mit einer amerikanischen Identität prägt.

Aufbruch der amerikanischen Moderne

Obwohl O’Keeffe zu den bedeutendsten amerikanischen Malerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gehört – sie ist die erste weibliche Künstlerin, der es gelang, sich bei der Kritik, am Kunstmarkt und in den Mu­seen durchzusetzen, und hat sogar einen Platz an der mythischen Tafel von Judy Chicagos „Dinner Party“ –, gab es lange Zeit kaum Gelegenheit, ihr Werk in Europa zu sehen. Der Großteil ihrer Arbeiten hängt in nordamerikanischen Sammlungen, von dort stammen auch die meisten Leihgaben für die Retrospektive im Cen­tre Pompidou. Die europäischen Mu­seen, die Werke O’Keeffes besitzen, lassen sich an einer Hand abzählen, darunter das Lenbachhaus in München. Im vergangenen Jahrzehnt richteten endlich die Münchner Kunsthalle (2012) und dann die Londoner Tate Modern gemeinsam mit dem Kunstforum in Wien (2016/2017) Retrospektiven aus. In Frankreich gab es bislang nur eine thematische Schau, die im Jahr 2015 den Einfluss der Fotografie auf O’Keeffes Werk unter die Lupe nahm.

Die Rolle des für den Aufbruch der amerikanischen Moderne wohl bedeutendsten Fotografen und einflussreichen Galeristen Alfred Stieglitz für den Werdegang von Georgia O’Keeffe ist entscheidend, sie bildet den Auftakt der von Didier Ottinger ausgerichteten Ausstellung. Vom Jahr 1905 an zeigte Stieglitz in den Räumen seiner Galerie 291 in der Fifth Avenue als Erster und lange Zeit Einziger die Künstler der europäischen Moderne. Er stellte die erotischen Aktzeichnungen Auguste Rodins aus, dann Paul Cézanne („der Vater von uns allen“, wie Picasso sagte) und Henri Matisse, später Picasso, Picabia und Brancusi. Georgia O’Keeffe besuchte die Galerie zum ersten Mal 1908. In den folgenden Jahren ging sie gewissermaßen durch die stieglitzsche Ausstellungsschule. Vor allem entdeckte sie in der Galerie 291 das Werk von Wassily Kandinsky und las enthusiastisch dessen gerade erschienene Schrift „Über das Geistige in der Kunst“.

Die junge Amerikanerin empfand eine tiefe Verwandtschaft mit der Ästhetik des russischen Malers, seinem Spiritualismus und Naturalismus, die in der Tradition der deutschen Romantik gründeten. Wie Kandinsky, für den zwei Wege in die Moderne führen – „Matisse – Farbe, Pi­cas­so – Form“ –, entschied sich O’Keeffe ge­gen den Formalismus der analytischen Re­fle­xion und für das Prinzip einer inneren Notwendigkeit, einer spirituellen, aber durchaus farbsinnlich vibrierenden, aus der Emp­findung entspringenden Auffassung von Malerei.

Als im Jahr 1916 eine befreundete Künstlerin Stieglitz eine Reihe von vornehmlich abstrakten Kohlezeichnungen O’Keeffes zukommen ließ, soll der Galerist ausgerufen haben: „Endlich eine Frau auf Papier!“ Er stellte die Arbeiten sofort aus. Als sich die beiden einige Zeit später persönlich begegnen, trifft sie ein veritabler Coup de Foudre, der zum Anfang einer künstlerisch extrem fruchtbaren Liebesbeziehung (und Ehe) wird. Die Inspiration funktioniert gegenseitig. Die mehr als dreihundert Aktfotografien, die Stieglitz fasziniert von seiner Geliebten machte, reduzieren O’Keeffe keineswegs zum erotischen Mo­dell. Im Gegenteil, sie trugen, selbstbewusst feminin, zu ihrem wachsenden Ruhm bei. Vom Jahr 1918 an zeigte die Galerie jedes Jahr ihre neuesten Werke, die Stieglitz geschickt vermarktete. Die sinnliche, se­xuel­le Dimension ihrer berühmten Blütenserien wie „Jack-in-the-Pulpit“ oder „Jimson Weed/White Flower“, mit suggestiven Close-ups in die Blütenstände, aber auch in Gemälden wie „Abstraction White“ oder „Black abstraction“ mit Falten, Spalten und samtigen Rundungen, muss als Resonanz der intensiven Beziehung erscheinen.

Grey, Blue and Black – Pink Circle, 1929
Grey, Blue and Black – Pink Circle, 1929 Bild: Dallas Museum of Art

Die Retrospektive mit etwa hundert Gemälden und Zeichnungen führt in ei­nem offen gestalteten Parcours chronologisch durch O’Keeffes Werk. In den Zwanzigerjahren lebte sie zwischen New York und einer Farm am Lake George. Dort entstanden die Stadtansichten mit Wolkenkratzern, die sich wie beseeltes Gestein einem Nachthimmel als transzendentaler Dimension entgegenstrecken, dann in sich ruhende Landschaften und Scheunen, denen nichts zu mangeln scheint – schon gar nicht der Mensch. Auf den Spuren des englischen Schriftstellers D. H. Lawrence entdeckte die Malerin Neu-Mexiko. Wie in der spirituell geladenen, erotisierten Natur seiner Romane findet O’Keeffe in den kargen Felsformationen der Wüstengebiete bei Santa Fe eine Gegend, in der sie sich wie nirgendwo zuvor zu Hause fühlt.

Nach Stieglitz’ Tod kaufte sie bei Abi­quiú eine Ranch, deren schwarze Eingangstür – wie eine Pforte zu einem anderen Sein – zum Thema einer fast abstrakten, minimalistischen Gemäldeserie wird. Berge, Hügel und Täler beleben sich unter ihrem Pinsel zu geologischen Körpern: Am erstaunlichsten ist das kleine Gemälde „Black Hills with Cedar“, das, 1941 gemalt, eine erotische Landschaft zeigt, die an Courbets „Ursprung der Welt“ erinnert. „Wenn ich an den Tod denke“, schreibt Georgia O’Keeffe, „bedauere ich nur, dass ich diese schöne Landschaft nicht mehr werde betrachten können – es sei denn, die Indianer haben recht, und mein Geist wird dann noch hier umher­gehen.“

Georgia O’Keeffe. Centre Pompidou, bis zum 6. Dezember 2021, danach vom 23. Januar bis zum 22. Mai 2022 in der Fondation Beyeler in Basel. Der französische Katalog kostet 42 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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