Deutsche Botschaftsgebäude

Die Botschaft ist die Botschaft

Von Ulf Meyer
27.07.2021
, 12:08
Transparent die Form und kreisförmig die Auffahrt: Egon Eiermanns Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Washington, 1964
Aushängeschilder des Landes: Christiane Fülscher studiert den deutsch-deutschen Bau von Auslandsvertretungen. Während anfänglich schüchterne Verwaltungsbauten dominierten, wurden die Architekten von den sechziger Jahren an selbstbewusster.

Botschaftsbauten sind interessante architektonische Symbole. Das Buch von Christiane Fülscher nimmt den deutsch-deutschen Botschaftsbau in den ersten Nachkriegsjahrzehnten erstmalig im Detail unter die (architekturhistorische) Lupe. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Bauwerken, die bis zur gegenseitigen Anerkennung der beiden Länder 1972 entstanden. Die Anfänge des Botschaftsbaus nach dem Zweiten Weltkrieg waren bescheiden, weil es zunächst keine eigenständige Außenpolitik Deutschlands gab. Erst 1950 konnte die Bundesrepublik in einigen Städten Konsulate eröffnen, die später zu Botschaften wurden. Ab den Siebzigerjahren ging es dann Schlag auf Schlag: Bis zur Wiedervereinigung war die Zahl deutscher Botschaften in aller Welt auf 214 gestiegen, mehr als es Länder in der Welt gab, denn in vielen Hauptstädten hatten beide deutsche Staaten Botschaften bauen lassen.

Botschaften sind Aushängeschilder des Landes: Ausdruck von politischen Ambitionen und architektonische Visitenkarten. Als „Symbol einer offenen Gesellschaft“ wollen deutsche Botschaften heute verstanden werden. Eine architektonische Perlenkette sind die deutschen Bauten der Diplomatie jedoch nicht, nur wenige sind von architektonischer Relevanz.

„Spiegel deutscher Kultur und Wirtschaftskraft“

Die ersten baulichen Auftritte Deutschlands nach dem Krieg waren auf Bescheidenheit bedacht. Während die junge Bundesrepublik bereits ab 1950 Botschaften errichten durfte – Neu Delhi, Rio und Tokio waren die ersten Stationen –, musste die DDR noch um diplomatische Anerkennung kämpfen. Vorbild für die ersten Neubauten der Bundesrepublik waren die amerikanischen Generalkonsulate. Die ersten Neubauten in Canberra und Ottawa waren noch schüchterne Verwaltungsbauten, ein Export westdeutscher Biederkeit. Erst mit Beginn der Sechzigerjahre emanzipierten sich Architekten von diesem Muster und entwickelten Bauten, „die das neue Selbstverständnis in zurückhaltende, transparente Formen übertrugen“, wie Fülscher schreibt.

Christiane Fülscher: „Deutsche Botschaften“. Zwischen Anpassung und Abgrenzung.
Christiane Fülscher: „Deutsche Botschaften“. Zwischen Anpassung und Abgrenzung. Bild: Jovis Verlag

Schon mit dem Bau der Vertretung in Rio de Janeiro hatte die Botschaftsarchitektur der Bundesrepublik zu Ausdruckskraft gefunden, und in Brasiliens neuer Hauptstadt Brasília gelang Hans Scharoun ein ebenso bahnbrechender Bau wie bald darauf Egon Eiermann in Washington. Seine Botschaft im Stil eines modernen Konzernsitzes wurde zum „Spiegel deutscher Kultur und Wirtschaftskraft“.

Denkmalschutz greift bei Auslandsbauten nicht

Die Diplomatie der DDR war personell und materiell schlecht ausgestattet und baute zunächst nur Handelsvertretungen. Ein Flop wurde gleich der erste geplante Bau einer Botschaft in Warschau: Man wollte „ihrem Inhalt nach sozialistisch und ihrer Form nach national“ bauen – als Abgrenzung zur Architektur der Bundesrepublik und in Anlehnung an die Sowjetarchitektur. In Polen kam das Projekt nicht gut an, der Entwurf wurde nicht realisiert; und die Botschaften in Pjöngjang und Bagdad gingen nicht in die Architekturgeschichte ein. Aber Heinz Graffunder, später Architekt des Palastes der Republik, hatte die Lehre aus dem „Warschauer Debakel“ gezogen, als er die Botschaft in Budapest 1968 als ersten Botschafts-Neubau der DDR einweihte.

Die Autorin beschreibt diesen Politarchitektur-Krimi im Stil einer Kunsthistorikerin, die Gebäudekunde dominiert. Wendungen wie „Das über die Fassadengestaltung abgegebene Außenbild . . .“ liest man nicht gerne. Pleonasmen wie „ebenerdiges Erdgeschoss“ oder „Eingangs-Foyer“ sind dem Lektorat entgangen. Bisweilen erliegt Fülscher der Versuchung, beiläufig den Aufbau des diplomatischen Dienstes und die Architekturgeschichte der Moderne gleich mit zu erläutern. Illustriert ist das Buch überwiegend mit kleinen Schwarz-Weiß-Fotos, womit es wirkt wie aus der Zeit, über die es berichtet.

Pointiert beschreibt Fülscher hingegen den Abriss der Botschaften in Tokio, Wien und Kairo. Dem „Auswärtigen Amt sind seine Nachkriegsgebäude nicht mehr genehm“, bemerkt sie lapidar, Denkmalschutz greift bei Auslandsbauten nicht. Auch die teils unrühmliche Geschichte des Staates als Bauherr berührt Fülscher: Unter seinem ersten Leiter Karl Badberger – in der NS-Zeit für Bauten der Waffen-SS und Konzentrationslager verantwortlich – verhinderte die Bundesbaudirektion immer wieder offene Wettbewerbe oder ignorierte deren Ergebnisse, um stattdessen zweitklassige Entwürfe aus dem eigenen Haus umzusetzen. Von den 36 Botschaften bis 1972 basieren nur fünfzehn – darunter mit Wien, Washington und Brasília die drei interessantesten – auf den Entwürfen freier Architekten.

Keines der von Fülscher betrachteten Bauwerke existiert übrigens heute noch im ursprünglichen Zustand. Sanierungen und die massive Fortifikation haben die noch nicht abgerissenen Gebäude deutlich verändert.

Christiane Fülscher: „Deutsche Botschaften“. Zwischen Anpassung und Abgrenzung. Jovis Verlag, Berlin 2021. 536 S., Abb., br., 55,– €.

Quelle: F.A.Z.
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