Darmstädter Welterbe-Bewerbung

Im Magnetfeld künstlerischer Energien

Von Matthias Alexander
23.07.2021
, 16:53
Blick auf die Mathildenhöhe mit Hochzeitsturm, Ausstellungsgebäude und Russischer Kirche.
Mit der Künstlerkolonie hat Darmstadt die Lebensreformbewegung entscheidend geprägt, jetzt soll sie Weltkulturerbe werden. Am 24. Juli fällt die Entscheidung.

Es ist erstaunlich, wie umstandslos Planungen selbst in Deutschland verändert werden können, wenn nur der politische Wille da ist. In Darmstadt hatte man einen Hauch von Missfallen unter den Experten der UNESCO gespürt, was den Standort und die Größe des geplanten Besucherzentrums für die Künstlerkolonie Mathildenhöhe angeht. Und weil man sich in der südhessischen Stadt große Hoffnungen macht, mit dem Jugendstil-Ensemble in den Kreis der Welterbestätten aufgenommen zu werden, wurde kurzerhand beschlossen, dass der Bau ein ganzes Stück weiter hangabwärts und damit außerhalb der Kernzone errichtet wird. Bei der Gelegenheit wurde auch die Kubatur deutlich verkleinert.

Um den ursprünglichen Entwurf des derzeit besonders angesagten Büros Marte.Marte aus Österreich ist es wahrlich nicht schade, es handelt sich um einen jener Beton-Glas-Pavillons samt weit auskragendem Flachdach, mit denen man hierzulande immer noch nahezu jede Wettbewerbsjury herumkriegt. Was den Entwurf dazu qualifizierte, auf die Besichtigung herausragender Bauten von Jahrhundertarchitekten wie Joseph Maria Olbrich und Peter Behrens einzustimmen, wird auf immer das Geheimnis der Jury bleiben.

Die Planungen für das Besucherzen­trum zeigen, wie ambivalent der Welterbestatus sein kann. Weil die UNESCO in durchaus berechtigtem Selbstbewusstsein annimmt, dass der von ihr verliehene Titel zu einem starken Anstieg der Besucherzahlen führt, müssen die Bewerber einen Plan vorlegen, wie sie mit dem Andrang umzugehen gedenken. Damit aber werden Eingriffe in das Erscheinungsbild des zu schützenden Ensembles beinahe unvermeidlich. Man könnte fast auf die Idee kommen, der Darmstädter Bewerbung einen Misserfolg zu wünschen, damit das Besucherzentrum überflüssig wird.

Positive Gutachten

Ein Fehlschlag des Antrags gilt in Fachkreisen allerdings als unwahrscheinlich. Die Bewerbung ist von der Stadt und dem hessischen Landesamt für Denkmalpflege überaus aufwendig und professionell vorbereitet worden, etwa mit Symposien und Expertenhearings. Man hat auch nicht vergessen, unter den Bürgern für die Sache zu werben. Wie inzwischen üblich, haben die Bewerbungsunterlagen den Umfang einer geisteswissenschaftlichen Habilitationsschrift. In die Sanierung der Gebäude fließen erhebliche Summen, schon länger präsentiert sich die Mathildenhöhe als Baustelle. Zu den hochgestimmten Erwartungen gibt aber vor allem eines Anlass: Die Gutachten der beiden ausländischen Experten sind sehr positiv ausgefallen. Deren Bedeutung in der Welt der höheren internationalen Denkmaldiplomatiebehörden ist kaum zu überschätzen.

Die Bewerbung Darmstadts folgt der Lückendoktrin der UNESCO, wonach die auf der Welterbeliste ohnehin überrepräsentierten westlichen Staaten möglichst nur noch dann zum Zuge kommen sollen, wenn die vorgeschlagenen Stätten für bisher vernachlässigte Regionen, Epochen oder Themen stehen. Während die Architektur der klassischen Moderne in Deutschland mit dem Bauhaus in Dessau, den Berliner Wohnsiedlungen und den beiden Häusern von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gut vertreten ist, zielt Darmstadt mit seinem Antrag auf den künstlerischen und architektonischen Aufbruch in die Moderne zwischen Jahrhundertwende und Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Idealismus und Wirtschaftsförderung

Im Jahr 1899 hatte der junge Großherzog Ernst Ludwig, der durch die britische Arts-and-Crafts-Bewegung geprägt war und sehr kritisch auf den reaktionären Dünkel im Umfeld von Kaiser Wilhelm II. blickte, Olbrich aus Wien in die hessische Residenzstadt Darmstadt gelockt. Hier sollte der Architekt seine weitreichenden Vorstellungen endlich verwirklichen: Er wollte städtebauliche, architektonische, gartenbauliche und künstlerische Fragen aus einem einheitlichen Geist behandeln und mit einem großen Lebensgestaltungsentwurf beantworten. Bei allem Idealismus ging es dem Großherzog nicht zuletzt um Wirtschaftsförderung: aus den Entwürfen von Kunsthandwerkern und Künstlern sollten Produkte werden, mit denen sich im Großherzogtum Arbeitsplätze schaffen und sichern ließen.

Daraus machten der Fürst und sein Architekt ein gesellschaftsreformerisches Programm. Gewerbekunst sei nicht nur ein ästhetischer Gewinn, sondern auch eine soziale Errungenschaft, die allen Menschen das „Recht auf das Schöne“ zugestehe, so Olbrich. Und: „Kunst soll kein Vorrecht sein, nichts Aristokratisches und nichts Demokratisches, sondern ein Allgemeines, wie Luft und Licht.“ Die Praxis sah allerdings zunächst ziemlich elitär aus, erst kurz vor seinem frühen Tod im Jahr 1908 wandte sich Olbrich der Aufgabe zu, Kleinwohnbauten zu entwerfen.

Künstlerhaus: Das Haus Behrens, das Peter Behrens im Jahr 1901 erbaut hat, ist Teil der Künstlerkolonie Mathildenhöhe Darmstadt.
Künstlerhaus: Das Haus Behrens, das Peter Behrens im Jahr 1901 erbaut hat, ist Teil der Künstlerkolonie Mathildenhöhe Darmstadt. Bild: dpa

Der Architekturhistoriker Werner Durth hat die schöne Wendung geprägt vom Magnetfeld künstlerischer Energien, als das sich ein früher, aquarellierter Lageplan Olbrichs für die Mathildenhöhe lesen lässt. Er entwarf nicht nur den stadtbildprägenden Hochzeitsturm und das benachbarte Ausstellungshaus für freie Kunst, sondern auch das Ernst-Ludwig-Haus, das als Gemeinschaftsatelier diente. Es präsentiert sich auf der Bergseite als Fabrikgebäude und auf der Talseite als repräsentativer Portalbau. Freude am Ornament verband sich bei Olbrich organisch mit dem Bekenntnis zum Funktionalismus. Fenster beispielsweise setzte er auch in seinen Wohnhäusern nicht mehr nach den althergebrachten Regeln der Symmetrie, sondern gemäß praktischen Überlegungen – ein Prinzip, das über die international beachteten Ausstellungen weite Verbreitung fand.

Die Mischung aus künstlerischem Anspruch und Befreiung von Konventionen macht die Mathildenhöhe zum Teil der Lebensreformbewegung, deren Propheten und Anhänger sich in verschiedenen Gartenstädten, Künstlerkolonien und Landkommunen versammelten, etwa auf dem Monte Verità bei Ascona im Tessin, in Hellerau bei Dresden, in Worpswede, in Wien und im ungarischen Gödöllö. Die durchaus naheliegende Idee, dass sich diese Orte der Lebensreform zu einer gemeinsamen Welterbe-Bewerbung zusammentun, wurde jedoch nicht verfolgt. Mit einem solchen Leitgedanken hätte man auch eine Brücke in die Gegenwart schlagen können, in der die sich zuspitzende ökologische Krise nach Änderungen in der Baukultur, in der Ernährung und überhaupt in der Lebensweise verlangt, also nach einer neuen Lebensreformbewegung.

Von der Mathildenhöhe lassen sich Entwicklungslinien zur weiteren Entwicklung der Moderne ziehen. Olbrich und Behrens waren 1907 an der Gründung des Werkbunds beteiligt, persönliche Verbindungen und programmatische Kontinuitäten führen zum Bauhaus und weiter zur Aufbaumoderne nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Darmstadt zunächst eine führende Rolle einnahm. Auch aus diesem Traditionsstrang bezieht die Bewerbung ihre Legitimation. Allerdings auch ihre Schwäche. Die Mathildenhöhe ist nach 1945 an ihren Rändern in allen Größen, Ausprägungen und Qualitätsstufen so dicht bebaut worden, dass das ursprüngliche Ensemble aus vielen Blickwinkeln visuell arg beeinträchtigt ist. Was immerhin als Argument für das geplante Besucherzen­trum verwendet werden könnte. Auf einen Sündenfall mehr oder weniger kommt es nicht mehr an.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.
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