Potsdamer Moderne

Das Sanssouci der Kommunisten

Von Claudius Seidl
22.09.2022
, 22:09
Das Gebäude des ehemaligen Potsdamer Terrassenrestaurants „Minsk“, erbaut 1977 im Stil der Ostmoderne, ist zum MUseum geworden. Im Hintergrund ein Turm der ehemaligen Kriegsschule
Das „Café Minsk“, einer der besten Bauten des Sozialismus in Potsdam wurde gerettet – ausgerechnet vom Kapitalisten Hasso Plattner.
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Das beste Exponat im „Minsk“, Potsdams neuestem Museum, einem Haus, das bis vor kurzem, lang nachdem die Gastronomie dichtgemacht hatte und der Bau langsam zur Ruine wurde, „Café Minsk“ hieß, jetzt aber mit vollem Namen „Das Minsk“ genannt werden soll, damit die Marke sich auch einprägt – das beste Exponat hier sind die verglasten Wände, durch welche man, weil das Haus am Hügel steht, einen freien Blick über halb Potsdam hat. Der Himmel, auch wenn er nicht bedeckt ist, erinnert an das melancholische Grau von Lotte Laserstein. Die Nikolaikirche ragt so selbstbewusst aus den Dächern heraus, als wollte sie schon darauf weisen, dass demnächst auch der Turm der Garnisonkirche sich wie ein Mittelfinger hier ausstrecken wird. Im Vordergrund steht ein Schwimmbad, dahinter gleich der Hauptbahnhof – und beides sind Gebäude von so banaler Eckigkeit, so trostloser ästhetischer An­spruchslosigkeit, so plump und zugleich unverschämt, dass, wenn man sie nur als perfekte Ausdrucksformen des Kapitalismus betrachtete, man die kapitalistischen Verhältnisse sofort umstürzen müsste.

Haben Häuser eine Ideologie?

Was Unsinn ist – aber nach dieser Methode, nur in die andere Richtung ge­wissermaßen, hat man in Potsdam über die Bauten des Sozialismus geurteilt. Was unter dessen Herrschaft gebaut wurde, kann nur Ausdruck der falschen Ideologie sein, unfrei, menschenverachtend, brutal. So sahen das zwar nicht alle in Potsdam; aber die, die es so sahen, haben sich durchgesetzt. Selbst Olaf Scholz, Sozialdemokrat und damals noch Kanzlerkandidat, sprach im Wahlkampf von Potsdams Mitte, die wiedergewonnen werden müsse nach der sozialistischen Barbarei. Und so wachsen jetzt, wo der elegante Bau der Fachhochschule niedergerissen wurde, die ersten Häuser im preußischen Pseudobarock. Der Staudenhof, ein moderner Wohnblock an prominenter Stelle, wird nicht mehr lange stehen. Das Rechenzentrum, schlicht, mo­dernistisch, mit einem wundervollen Mo­saik im Erdgeschoss, ist dem Wiederaufbau der Garnisonkirche im Weg.

Durch die gläsernen Wände schaut man auf die Bausünden des Kapitalismus
Durch die gläsernen Wände schaut man auf die Bausünden des Kapitalismus Bild: Picture Alliance

Insofern ist es eine gute Nachricht, dass Hasso Plattner das „Minsk“ gerettet hat. Ausgerechnet Plattner, der einer der reichsten und mächtigsten Männer Potsdams ist. Und den man, bis er die Ruine des „Minsk“ kaufte, zu den Leuten ge­rechnet hätte, die sich Potsdam als ein neubarockes Prussialand erträumen. Das Barberini, den Nachbau eines Barockpalais, das selbst schon ein Nachbau war, hat er allein finanziert; seine Stiftung betreibt darin ein Museum. Bevor daraus allerdings etwas wurde, hatte Plattner den Plan, eine Kunsthalle neben den Lustgarten zu stellen. Dem hätte allerdings ein Hotelhochhaus aus DDR-Zeiten im Weg gestanden. Als der Widerstand gegen dessen Abriss unüberhörbar wurde, gab Plattner die Pläne auf, und es sah aus, als sei er damals ein wenig beleidigt mit seiner Lieblingsstadt gewesen.

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Erinnerungen an Weißrussland

Aber Plattner wäre nicht so reich, wenn er nicht fähig wäre dazuzulernen. Und deshalb darf man ihm schon glauben, dass er meinte, was er sagte, als er vor ein paar Jahren das komplett verwahrloste und teils schon verfallene „Café Minsk“ kaufte und versprach, es renovieren zu lassen: Dass er großen Respekt habe vor den Erinnerungen der Potsdamer, die sich mit dem „Café Minsk“ verbinden – und denen er hier einen Ort wiedergeben möchte. Und dass er ebenso großen Respekt habe vor der Architektur des Baus; was der Architekt Karl Heinz Birkholz da um die Mitte der Siebziger auf den Brauhausberg gestellt habe, sei kein bisschen schlechter als zum Beispiel die westdeutsche Architektur von Egon Eiermann. Allerdings war das „Minsk“ nie als Solitär gedacht. Oben auf dem Hügel steht seit 1902 die ehemalige Kriegsschule – und als ob sie diesen grimmigen, düsteren Klotz mit maximaler Modernität bekämpfen wollte, hatte die DDR darunter eine Stadtlandschaft eingerichtet, die wahrscheinlich das Heiterste war, was unter sozialistischer Herrschaft und einem preußischen Himmel nur denkbar ist.

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Neben dem „Minsk“ stand die Schwimmhalle, der fast noch kühnere Bau mit einem erstaunlichen Hängedach. Und dazwischen führten Treppen, Stufen und Terrassen, von Springbrunnen ge­säumt, hinunter zum Havelufer. Die weißrussische Architekturhistorikerin Oxa­na Gouronivitch, die zur Zeit eine Ausstellung über die Beziehung zwischen dem „Café Minsk“ und der Stadt Minsk vorbereitet, glaubt in dieser sozialistischen Stadtplanung auch eine Anspielung auf die Terrassen von Sanssouci zu erkennen. Und genau so ist das „Minsk“ zu seinem Namen gekommen: Es war ein weißrussisches Spezialitätenrestaurant. Und es war als Schauplatz für Bekundungen der belorussisch-deutschen Freundschaft gedacht, mit einer Innenausstattung, die nicht einfach folkloristisch war, sondern den Sieg der Sowjetunion und insbesondere der weißrussischen SSR über Deutschland feierte und daran erinnerte, dass schon deshalb diese Freundschaft nicht selbstverständlich war.

Der Himmel über Potsdam

Davon ist nichts geblieben. Das „Minsk“ heißt so, weil es schon immer so hieß, und ist zum allergrößten Teil ein Neubau. Zu marode sei nach fast dreißig Jahren der Verwahrlosung die Substanz gewesen, sagen jetzt die Leute vom Mu­seum. Von außen sieht es aus wie das Original: sehr offen, transparent, auf allen Seiten von Terrassen umgeben. Innen hat man die geschwungene Treppe ins Obergeschoss nachgebaut. Und die neue Bar steht da, wo auch die alte stand. Besucher dürfen hier sitzen, essen, trinken und sich an der Aussicht freuen, ohne dass sie ein Ticket kaufen müssten. Fast wie im Sozialismus.

Dass das alles jetzt das Privateigentum eines Kapitalisten ist, stört in Potsdam viele. Potsdam hat es aber nicht anders verdient. Das Volk, in Gestalt seiner ge­wählten Vertreter, hat das Haus erst verfallen lassen. Und als es so aussah, als ob es nicht mehr zu retten wäre, war der Abriss so gut wie beschlossen. Die Schwimmhalle ist längst verschwunden, und als ein Investor, der hier Wohnungen bauen wollte, viel Geld fürs Grundstück bot, wenn er nur das Minsk auch abreißen dürfte, gab es kaum jemanden, der dem Angebot widerstehen wollte. Hasso Plattner hat ein jetzt ein neues, schickes Museum, und dass dessen Terrassen und Treppenhaus allen offenstehen, ist mäzenatische Gnade und nicht das gute Recht der Leute. Da die Alternative das Ende des „Minsk“ gewesen wäre, muss man ihm, zähneknirschend vielleicht, dafür dankbar sein.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
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