Sanierung Deutsches Museum

Im Süden was Neues

Von Ulf von Rauchhaupt
07.07.2022
, 07:38
Kontraste: Die von einem modernen Maishäcksler bedrohte Almhütte steht in der Schau Landwirtschaft und Ernährung sinnbildlich für „Idyll gegen Realität“.
Melkroboter, E-Gitarren und künstliche Gelenke: Im Deutschen Museum in München eröffnen heute etliche zum Teil neu konzipierte Dauerausstellungen. Doch der schwierigere Teil der Modernisierung steht dem Haus noch bevor.
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Noch einmal blicken wir uns um zum Zweimaster Maria und dem Schlepper Enzo hinter ihr, beide umschwirrt von hautflügeligen Gestellen aus der Frühzeit der Fliegerei. Zuvor hatten wir die große Halle hinter dem bisherigen Eingangsbereich des Deutschen Museums ein letztes Mal durchschritten, wo Schiffsmodelle von der Trireme bis zum Supertanker die Eroberung der Meere durch Technik nacherzählen, inklusive sehr vieler grauer Schlachtkreuzer im Untergeschoss.

Doch vorbei. Seit dem 29. Juni ist die Schifffahrtshalle geschlossen, ebenso die der Kraftmaschinen mit ihrem Geruch nach Stahl und Schmieröl. Tags zuvor zuckten zum letzten Mal Blitze über den Besuchern der Hochspannungsvorführung. Auch das Bergwerk im Bauch der Isarinsel wird bis mindestens 2027 nicht mehr zugänglich sein. Der gesamte nördliche Teil des Museums wird bausaniert. Dem südlichen ist das bereits widerfahren. Die dort beheimateten Ausstellungen, darunter Drucktechnik, Chemie, Landtechnik oder Musikinstrumente, wurden teils schon vor Jahren geschlossen. Am heutigen 7. Juli werden sie wiedereröffnet. Und die Kuratoren haben alles daran gesetzt, ihr Haus dort nicht nur beim Brandschutz auf den neuesten Stand zu bringen.

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Elemente eines Präsentationskonzepts

Im neuen Eingangsbereich ist das schon mal gelungen. Licht und luftig wirkt der neue Weg von Süden in den Tempel der Technik. Fast ein wenig schade, dass dieses Entree nur ein Provisorium ist. „Wir machen hier eine Operation am offenen Herzen“, sagt Helmuth Trischler, der Forschungsdirektor des Deutschen Museums. Aber das 1925 eingeweihte Gebäude – im Krieg zu achtzig Prozent zerstört, 1948 wiedereröffnet und infolge der Lage inmitten des Flusses von in die Kellermagazine eindringendem Wasser bedroht – musste komplett überholt werden. Sechshundertsechzig Millionen Euro aus den Kassen des Bundes und des Freistaats wurden dafür lockergemacht sowie fünfzig Millionen Spenden und weitere vierzig Millionen aus dem regulären Budget, bestätigt Trischler und hofft, dass das angesichts der zurzeit stark steigenden Kosten für Bauvorhaben reicht. „Wir hätten das natürlich auf einmal sanieren können. Aber dann wären wir wohl über zehn Jahre hinweg komplett geschlossen gewesen.“ Für das Stammhaus des meistbesuchten Museums in Deutschland und eine der wichtigsten Attraktionen Münchens war das keine Option.

Robert Moog (1934–2005) entwickelte den Synthesizer „Moog IIIp“ im Jahr 1968.
Robert Moog (1934–2005) entwickelte den Synthesizer „Moog IIIp“ im Jahr 1968. Bild: Reinhard Krause

Indem man mit der Südhälfte begann und Sektionen wie Schifffahrt oder das Bergwerk erst einmal unangetastet ließ, war es sicher einfacher, die andere große Sanierungsaufgabe anzugehen: die Ausstellung inhaltlich und präsentationstechnisch fit für das 21. Jahrhundert zu machen. Zwar wurden viele der Dauerausstellungen immer wieder grunderneuert, insbesondere, wo es galt, auf der Höhe der Wissenschaft zu bleiben. Doch hier und dort hielten sich hartnäckig Elemente eines Präsentationskonzepts, wie es bis vorige Woche in der Schiffshalle zu sehen war. Selbst bei den Musikinstrumenten. „Unsere alte Ausstellung umfasste 750 Objekte, die systematisch sortiert waren“, sagt die Kuratorin Silke Berdux. Mit dem Ergebnis, dass die Besucher zum Beispiel vor einer Vitrine mit zwanzig Oboen standen, die ihnen eine Entwicklung zeigten, als sei die nur von innerer technischer Logik getrieben, unabhängig von zeithistorischen und gesellschaftlichen Kontexten.

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OP-Roboter und Biontechs Corona-Impfstoff

„Jetzt haben wir ein völlig neues Konzept“, so Berdux. „Aus den zweitausend Instrumenten unserer Sammlung haben wir Highlights herausgesucht und um diese zwölf Themen definiert.“ Eines zeigt etwa Instrumente wie eine in einen Spazierstock integrierte Geige oder eine Orphica, ein tragbares Hammerklavier. Sie stammen aus der Zeit um 1800, als die Trennung von Arbeit und Freizeit einsetzte und man hinaus in die Natur ging, um auch dort zu musizieren. Ein anderes Thema ist das Aufkommen elektrischer Musikinstrumente, die das Deutsche Museum seinerzeit gleich ankaufte und so heute über eine der bedeutendsten Sammlungen aus der Frühzeit der Elektroinstrumente verfügt. Für die neue Ausstellung kamen weitere Glanzstücke dazu, darunter der erste nach Deutschland gelangte Moog-Synthesizer.

Der Weltraum, unendliche Weiten: Im Deutschen Museum kann man sich anschauen, mit welchen Geräten die Reise ins All möglich ist.
Der Weltraum, unendliche Weiten: Im Deutschen Museum kann man sich anschauen, mit welchen Geräten die Reise ins All möglich ist. Bild: dpa

Radikaler noch wurden Ausstellungen wie die Druck- oder die Agrartechnik umgekrempelt. So sind in ersterer von einem Wald von Maschinen zur Inszenierung der Linie von Gutenberg bis zum Computersatz nur einige Starobjekte wie eine Linotype-Setzmaschine geblieben. Aus der Drucktechnik wurde „Bild Schrift Codes“. Aber auch die Agrartechnik ist keine Mähdrescherparade mehr. Vielmehr findet sich der Besucher zunächst zwischen einer Almhütte und einem monströsen Maishäcksler wieder. Ohne Brechung kann man die moderne Agrartechnik, zu der eben auch Legebatterien und Melkroboter gehören, heute nicht mehr ausstellen. „Es geht uns aber nicht darum, etwas anzuprangern, sondern darum, zu zeigen, wie es gemacht wird“, sagt die Kuratorin Sabine Gerber, wohl ahnend, dass wohl manche Kritiker heutiger Nahrungsmittelproduktion auch ihrer neuen Ausstellung noch nicht das richtige politische Bewusstsein bescheinigen werden.

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Ein riesiges Entsorgungsproblem

Von der Landwirtschaft ist es dank des neue Konzepts, das Museum räumlich in thematischen Clustern zu organisieren, nur noch ein kurzer Weg zur Gesundheits- und Medizintechnik, wo sich auf einer Mikroskala durchaus noch lineare Erzählungen finden. Denn natürlich bleibt interessant, was es da vor den modernen Hörgeräten, Zahnimplantaten und künstlichen Gelenken gab. Trotzdem ist dieser Saal, obwohl einem hier auch noch OP-Roboter und Biontechs Corona-Impfstoff begegnen, ein besonders schönes Beispiel für die neue Übersichtlichkeit, die man im durchsanierten Deutschen Museum offenbar anstrebt.

Container und Fliegenpilz, Heuschrecke und Käse: Über den Medientisch kann man sich Informationen zu allen ausgestellten Objekten im Lebensmittelregal anzeigen lassen.
Container und Fliegenpilz, Heuschrecke und Käse: Über den Medientisch kann man sich Informationen zu allen ausgestellten Objekten im Lebensmittelregal anzeigen lassen. Bild: Christian Illing

Und doch blieben Befürchtungen des Besuchers nicht gänzlich unbegründet, es könnte irgendwo auch etwas von dem weggefallen sein, was das Deutsche Museum einzigartig unter den Naturwissenschafts- und Technikmuseen machte: Die Stationen in der Chemieausstellung, an denen sich auf Knopfdruck Reaktionen zwischen realen Reagenzien auslösen ließen, sie gibt es nicht mehr. „Unsere Besucherforschung hat ergeben, dass ein guter Teil der Leute gar nicht abgewartet hat, bis die Reaktion passiert“, erklärt Helmuth Trischler. Vor allem aber sei dieses Element neuen Vorschriften im Umgang mit den Reaktionsprodukten zum Opfer gefallen. „Man hat damit ein riesiges Entsorgungsproblem, unter heutigen Bedingungen kann man das nicht mehr betreiben.“

Vieles andere, was Besucher der alten Ausstellungen schnell lieb gewinnen konnten, blieb indes erhalten. Die historischen Chemielabore etwa, praktisch die gesamte Luft- und Raumfahrt in erweiterter und zeitgeschichtlich kontextualisierter Form – und die Nebelkammer in der historischen Physikabteilung. Eine systematische Ausstellung zur modernen Physik wird es auch geben, aber erst mit dem zweiten Sanierungsabschnitt. Diesem allerdings könnten eingefleischte Fans des Hauses mit etwas größerem Bangen entgegensehen als dem ersten. In zwei Punkten kann Helmuth Trischler sie beruhigen: „Bergwerk und Kraftmaschinenhalle stehen sozusagen unter Bestandsschutz. Die sind als historische Ensembles so weit wie möglich zu erhalten.“ Anderswo aber muss das Haus eben darauf achten, auch bei bisherigen Publikumsmagneten nicht zum Museum seiner selbst zu werden. Damit lässt der Blick zurück in die Schiffshalle durchaus etwas Melancholie aufsteigen. Aber nach dem Gang durch die neuen Ausstellungen im Südteil auch große Vorfreude auf den neuen Norden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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