Das Meer in der Kunst

Ausländische Fischer töten anders

Von Stefan Trinks, Bergen
30.08.2021
, 08:34
Was aussieht wie das Relikt eines griechischen Tempels, ist der Überrest eines Wasserwerks.
Das Meer im norwegischen Bergen scheint vor allem wegen des Lachses interessant. Eine Gruppenausstellung zeigt, wie eng wir mit den Ozeanen verbunden sind.
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Eines der bekanntesten Embleme in Aby Warburg Mnemosyne-Atlas ist das fischtragende Mädchen im weißen Kleid am Arm seiner Mutter, Walter Riemers Buchgestaltung des „Seefisch-Kochbuchs“ von 1927. Wie das Werbebild um die Welt ging und sich dem Bildgedächtnis einprägte, so ging auch ein einfacher Fischträger aus dem norwegischen Bergen als Bild um die Welt, und zwar im Wortsinn: Das Bild des Hardi Felgenhauer aus dem achtzehnten Jahrhundert war als Touristen-Andenken noch hundert Jahre später so präsent, dass der amerikanische Industrielle Scott es ab 1884 als Lebertran-Etikett millionenfach verbreitete. Als von italienischen Handwerkern aus zweiundzwanzigtausend Tesserae gefertigtes Mosaik von neun Metern Höhe und dreißig Tonnen Gewicht zierte es die Fabrik von „Scott’s Pure Cod Liver Oil“ bei London. Im Jahr 2007 wurde das bunte Steinbild von dort zurück an seinen Ursprung gebracht, wo es weithin sichtbar neben der Notfallaufnahme der Klinik hängt.

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Derartige weltmeerhaltige Bilder und die damit verknüpften Fragen sind ab heute in der „Kunsthall“ des beschaulichen Bergen zu sehen respektive an verschiedenen Außenstationen wie dem „Bilderfahrzeug“ Mosaik. Die riesige Gruppenausstellung „The Ocean“ mit ihren 27 Künstlern könnte trotz des globalen Themas von lediglich regionaler Bedeutung sein – Bergen, die alte Kapitale und heute noch zweitgrößte Stadt des Landes, auf halbem Weg zwischen den immensen Fischgründen Nordnordwegens und dem europäischen Festland als willigem Proteinabnehmer gelegen, lebte immer schon vom Meer, dem Handel auf diesem, neuerdings mit der nahen Erdölförderung in Stavanger auch von den Schätzen unter der Meeresoberfläche. Doch in der Kunsthall bleibt nichts lokal begrenzt. Ihr aus Stuttgart stammender Direktor Axel Wieder, selbst global erfahrener Kurator, weiß nur zu gut um die Vernetztheit dieses Weltreichs Ozean, das sieben Zehntel der Erde bedeckt. Während etwa in Deutschland der Sommer verregnet war, litt Bergens sonst regengetränkte Natur unter ungewöhnlicher Trockenheit, weil der Golfstrom permanent die Buchten und Fjorde der Stadt aufheizte, was sie auch im Winter deutlich wärmer macht als das Inland. Aber wehe, der Golfstrom kippte künftig wirklich. Nicht nur für Fischbestände wie Lachs wäre dies fatal.

Forcierte Vorreiter erneuerbarer Energien

Gleich mehrere Künstler setzen sich mit den riesigen Zuchtstationen für den global gefragten Lachs um Bergen herum aus­einander, ist es doch keine Legende, dass Lachs-Sushi als Inbegriff der japanischen Küche eine norwegische Erfindung ist. Der Japaner Ei Arakawa wiederum stellt im Meer vor Fukushima in PET-Flaschen gefülltes und so etikettiertes Wasser samt Fotos als „Collecting water in Fukushima“ aus, um mit dem noch immer strahlenden Lebensquell symbolstark auf die immense und eben nicht an Landesgrenzen haltmachende Gefahr der Verseuchung der Meere hinzuweisen. Auch DDT als hochgiftiges Pestizid mag zwar in Europa verboten sein, in Afrika jedoch wird es unverändert eingesetzt, in die Meere gespült und gelangt über die Nahrungskette bis in die Muttermilch von Inuit und Samen hoch im Norden der Erde. Wie entscheidend es ist, dass die Kunsthall all diese Problematiken nicht mit dem didaktischen Nudelholz ausbreitet, sondern in starken oder betörenden Bildern, die gerade ob ihrer Schönheit stutzig werden lassen, zeigt die Arbeit „Sun (set) provisioning“ von Yuri Pattison: Ein Bilderbuch-Sonnenuntergang ist da zu sehen, der dennoch rein digital aus Sensordaten draußen im Meer erstellt wird; paradoxerweise wird der Untergang aber umso malerischer, je stärker die gemessene Luftverschmutzung ist.

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Dass der Mensch aus dem Meer stammt, ist eine Banalität. Dass die Menschheit künftig nur durch die Ozeane wird überleben können, ist es schon nicht mehr. Wenn die Meeresgründe überfischt sein werden, wird ein Großteil der dann auf acht und mehr Milliarden angewachsenen Weltbevölkerung auf Nahrungsderivate etwa aus Algen angewiesen sein. Auch das führt Norwegens durch das absehbare Ende des Erdölreichtums grundalarmierte Wirtschaft exemplarisch vor: Die Ölfirmen des Landes sind die forciertesten Vorreiter erneuerbarer Energien, und das nicht aus Menschenliebe; die Fischfangindustrie stellt sich jetzt bereits auf ihre Konversion in Algenproduzenten um.

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Gezeitenkraftwerke galten lange als große Hoffnung

In der Kunsthall widmen sich der aquatisch-volatilen Skulptur Seetang vor allem Kåre Grundvåg und Trond Ansten. Inzwischen wird selbst Bier und „Algohol“ aus Algen hergestellt, in ihrem „Intertidal Shelter part I and II“ aber nutzen die beiden Künstler ein Verfahren, das der Architekt Wolfgang Hilbertz metabolistisch in den Siebzigern entwickelte. Mittels Gleichstrom sollten Schwebeteilchen angezogen werden und so künstliche „Biorock“-Korallenriffe und im Endeffekt See-Städte entstehen. Bei Grundvåg und Ansten wird nun mit Niedervoltstrom im Ozean vor Bergen Schlamm und Tang auf Graphit gezogen, um bizarre Skulpturen entstehen zu lassen, wie das Meer mit seinen Korallenplastiken und Riffs ohnehin seit jeher Lehrmeisterin der Künstler und Kunstkammern war. Eher abstrakt, aber politisch auf den Punkt gebracht sind die auf dem Boden der Kunsthall drapierten Unterseekabel Nina Canells. Mit deutlichen Spuren ihrer Benutzung verweisen diese „Umbilical Cables“ mit ihren Glasfaser-Innereien wie Nabelschnüre und Tiefsee-Arterien auf die lebenswichtige unterseeische Versorgung mit Information. Tatsächlich sehen Canells Kabeleien aufgeschnitten wie vielschichtige Zellen mit Mitochondrien aus.

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Ähnlichen Utopien im Leben mit dem Meer spürt Giulia Mangione etwa in Bezug auf zukunftsträchtige Energie nach: Gezeitenkraftwerke galten lange als große Hoffnung, sind aber stark reparaturanfällig. Mangiones Fotografie der Ruine eines solchen Kraftwerks auf Granitfelsen nahe Bergen, das den enormen Kräften der Natur nicht standhielt und mit seiner übrig gebliebenen Arkatur wie der kümmerliche Überrest eines antiken Tempels wirkt, lässt schlagbildartig klar werden, dass der Mensch das Meer mit seiner unbändigen Kraft niemals beherrschen wird.

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Algen-Rigs als wässrige Futterkrippen der Zukunft

Die todbringende Gefahr symbolisiert gerade Wolfgang Tillmans’ trügerisch ruhige Meeresoberfläche von „The State We’re In“ aus dem Jahr 2015. Tillmans’ „Ruhe vor dem Sturm“-Ozean brannte sich so nicht nur als Anti-Brexit-Plakat ein; derart totenstill ruhende Meere können heute kaum mehr ohne Gedanken an die Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer und Bilder ertrunkener Kinder betrachtet werden.

Der Seehandel war naturgemäß stets weltmeerüberspannend, somit aber auch immer mit globalen Ungerechtigkeiten verbunden, wie es sich seit über sechshundert Jahren im Bergener Weltkulturerbe „Bryggen“ mit seinen bunt angemalten Kaufmannshäusern und Lagern manifestiert: Isoliert wie in einem Ghetto, durften die dortigen Kaufleute aus Bremen, Hamburg und anderen Hansestädten nicht in Norwegen einheiraten. Das Kollektiv VUMA verfolgt derartige maritim-merkantile Ungerechtigkeiten bis in unsere Zeit, etwa wenn sich Jørgen Thormøhlen als größter Reeder Norwegens im siebzehnten Jahrhundert, Bergener Mäzen und Straßen- und Stadtteilbenenner, als kalter Profiteur des Sklavenhandels entpuppt. Und Peter Fend, der schon zur diesjährigen europäischen Manifesta in Marseille mit leonardesken Zeichnungen und Diagrammen zu den völlig unbekannten Wegen von Information über und unter Wasser per Internettiefseekabel aufwartete, die exakt den kolonialen Handelsrouten folgen, überrascht auch in Bergen wieder mit seiner Mischung aus klassischer Konzeptkunst und radikaler Land Art: Seine verbildlichte Forderung ist, die Besitzverhältnisse zu überdenken, beispielsweise riesige Algen-Rigs als wässrige Futterkrippen der Zukunft gerechter auf nördliche und südliche Hemisphäre aufzuteilen.

Überhaupt Nord und Süd – zwar trifft bei Norwegen als nordischem Staat und einem der reichsten Länder der Erde das starke innereuropäische Nord-Süd-Wohlstandsgefälle zu, innerhalb des Landes kehrt es sich jedoch vollständig um, waren doch diejenigen, die Bergens enormen Wohlstand durch Stockfisch erarbeiteten, bitterarme Samen aus dem hohen Norden. Wie um diese Ironie noch zu steigern, sind heutzutage die wenigsten Fischer des Landes Norweger, sondern Portugiesen oder andere deutlich südeuropäischere „Gastarbeiter“ auf den Fangschiffen. Dass sich darüber auch die Art des Tötens der Fische, ja des Fischens selbst grundlegend ändert, dazu braucht es „Künstler“ wie den Bergener Begründer der „New Fjordic Cuisine“, Christopher Haatuft, der wie die Kunsthall und gleich neben ihr mit seinem Restaurant gelegen, genau solche Fragen aufwirft.

The Ocean. In der Kunsthall, Bergen; bis zum 31. Oktober. Statt eines Katalogs liegt eine hundertseitige Zeitung des Kollektivs BAS aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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