Dani Karavan zum Neunzigsten

Mit Säulen in die Vergangenheit, durch Felsen zum Meer

Von Stefan Trinks
07.12.2020
, 11:54
Nachdenklicher Skulpteur von Geschichte: Dani Karavan 2013 in Berlin.
Die Irrwege des zwanzigsten Jahrhunderts als begehbare Skulpturen: Dem israelischen Bildhauer und Land-Art-Künstler Dani Karavan zum neunzigsten Geburtstag.
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An kaum einem anderen Werk ist derzeit die Debatte über die Systemrelevanz von Kunst - geflissentlich mit ihrer Indienstnahme durch die Politik verwechselt - besser zu klären als an Dani Karavans „Straße der Menschenrechte“ vor dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Es war kein Zufall, dass man in der Stadt der Reichsparteitage wie auch der Nürnberger Prozesse einen israelischen Bildhauer mit der Visualisierung der hehren, aber abstrakten und unveräußerlichen Menschenrechte beauftragte.

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Karavan wartete mit der überzeugendsten Lösung auf: einer langen Kolonnade aus beidseitig beschrifteten Säulen, der zum Eingang jenes Museon geleitet, das ausgerechnet der germanischen Kunst gewidmet ist. Das Tausende Jahre alte Bild der Säule mit ihren menschlichen Proportionen, untrennbar mit griechischer Demokratie und Stoa-Philosophie verbunden, führt zu der Museumsgründung des frühliberalen Hans von Aufseß, die seit 1852 in bester Absicht aufklärerisch wirken sollte.

Aber auch die Gestaltung des gesamten Neupfarrplatzes in Regensburg zeichnete mit Säulenstümpfen in der für Karavan charakteristischen Fragmentierung den Grundriß der einstigen Synagoge der Stadt nach, die im Pogrom von 1519 geschleift wurde. Ebenso hochpolitisch ist das im Oktober 2012 im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des Bundespräsidenten Joachim Gauck eingeweihte Denkmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Roma und Sinti im Berliner Tiergarten, südlich des Reichstags. Wenngleich um das kreisrunde Wasserbecken im Herzen des Mahnmals das Gedicht „Auschwitz“ des italienischen Rom Santino Spinelli läuft, wird man angesichts des tiefschwarzen Wassers auch an Paul Celans „Schwarze Milch der Frühe“ erinnert.

Das rettende Spanien zum Greifen nah: Der nach einem Werk Walter Benjamins benannte Gedenkort „Passagen“ ist ein 1994 eröffnetes Denkmal für den Philosophen in dessen Sterbeort Portbou, welches der Künstler Dani Karavan geschaffen hat.
Das rettende Spanien zum Greifen nah: Der nach einem Werk Walter Benjamins benannte Gedenkort „Passagen“ ist ein 1994 eröffnetes Denkmal für den Philosophen in dessen Sterbeort Portbou, welches der Künstler Dani Karavan geschaffen hat. Bild: Picture-Alliance

Sind viele von Karavans späteren skulpturalen Gestaltungen innerstädtisch, ist seine wohl eindrücklichste Arbeit eine der Land Art, zudem in einer klassischen Übergangszone. In Portbou, Grenzort zwischen spanischer Costa Brava und Frankreich, steht sein Monument „Passagen“ für den hier bestatteten Philosophen Walter Benjamin, das 1994 nach vierjähriger Bauzeit eröffnet werden konnte. Den Eingang auf der einen Seite bildet eine klaustrophobisch enge, in den Untergrund gesenkte Schrägtür, von der aus ein Korridor aus rostrotem Cortenstahl quer durch den Felsen auf das offene Meer führt. Benjamin hätte es, von Marseille aus vor den nationalsozialistischen Häschern fliehend, fast in den sicheren Hafen Spanien geschafft.

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Mit dieser Annäherung an die Freiheit verheißende Weite des azurblauen Meers schafft Karavan eine genial unsentimental-sentimentalische Würdigung eines der anregendsten Denker des zwanzigsten Jahrhundert, der hier in Portbou, kurz vor geglückter Flucht nicht weitergelangte und in seiner Verzweiflung Selbstmord beging. Heute wird Dani Karavan, der 1930 in Tel Aviv geboren wurde und viele Verwerfungen des langen zwanzigsten Jahrhunderts in unvergessliche Skulpturen transformiert hat, neunzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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