Stararchitekt Calatrava

Weißer Zauber

Von Matthias Alexander
28.07.2021
, 10:42
Das Palau de les Arts Reina Sofía ist das Opernhaus in Valencia.
Santiago Calatravas Bauten erinnern an Dinosaurierskelette. Viel Beton, viel weiß und viel Stahl: Jetzt wird der Architekt siebzig Jahre alt. Ist seine große Zeit vorbei?

Der Tag wird kommen, an dem man den alten weißen Mann vermisst. Ein Tag, an dem deutlich wird, dass dieser Typus nicht nur für alle Missstände in der Welt verantwortlich ist, sondern in seiner Selbstherrlichkeit auch ein paar gelungene Dinge in sie hineingesetzt hat. So weit ist es aber längst noch nicht. Und das ist eine schlechte Nachricht für einen wie Santiago Calatrava. Für die verschwenderischen Exaltationen in Beton und Stahl, die er ersonnen hat, dürfte das letzte Stündlein geschlagen haben. Zumindest in seiner europäischen Heimat, wo Beton manchen aus ökologischen Gründen neuerdings als Teufelszeug gilt.

Auch ein Projekt wie der Umbau des Olympiastadions von Athen, in dem 85 Prozent des verbauten Stahls dafür verwendet wurden, das Eigengewicht des Daches zu tragen, das sich dann auch noch als zu schmal geschnitten erwiesen hat, ist kaum noch zu rechtfertigen. Seine kühnen, mitunter die Grenzen des statisch Machbaren auslotenden Bögen für Sportstätten, Bahnhöfe, Flughäfen, Brücken und Konzerthäuser stattdessen mit Holz zu schlagen dürfte selbst dem bedeutendsten lebenden Magier unter den Bauingenieuren schwerfallen.

Frühwerk: der Bahnhof Stadelhofen in Zürich
Frühwerk: der Bahnhof Stadelhofen in Zürich Bild: Laif

Der Rest der Welt ist allerdings groß, und dort wird immer mehr gebaut, und zwar in Stahl und Beton, unbeeindruckt von hiesigen Skrupeln. Tatsächlich fällt beim Blick auf die Projektliste Calatravas auf, dass der Rastlose vermehrt in Asien und der arabischen Welt unterwegs ist, deren markenbewusste Machthaber seit jeher für architektonische Auffälligkeiten aller Art zu haben sind. In Dubai beispielsweise hat er einen extrem schmalen, von einem Geflecht aus Stahlseilen gehaltenen Turm mit weltrekordverdächtiger Höhe geplant.

Santiago Calatravas Bauwerke finden sich überall auf der Welt verteilt. Heute wird er 70 Jahre alt.
Santiago Calatravas Bauwerke finden sich überall auf der Welt verteilt. Heute wird er 70 Jahre alt. Bild: dpa

Calatravas fertiggestellte Gebäude stehen dagegen fast ausschließlich in westlichen Ländern, die man als lupenreine Demokratien bezeichnen kann, ohne rot zu werden oder Gerhard Schröder zu heißen. Über die Gründe für seine langjährige frühere Absenz in China, Russland und der arabischen Welt lässt sich nur spekulieren. Symmetrie, seit jeher ein Zeichen von Affirmation, kommt bei Calatrava vorwiegend in gebrochener Form vor. Seine Gebäude, die zumeist Stätten der Begegnung und der Bewegung sind, strahlen zudem eine existenzielle Spannung aus: Ihr helles Erscheinungsbild und ihre lebensbejahende Dynamik vermitteln Optimismus, doch die offenliegende Konstruktion, die oft genug an Skelette erinnert, ist in ihrer zur Schau gestellten kühnen Zerbrechlichkeit immer auch ein Memento mori.

Biomorph und technizistisch zugleich, repetitiv und filigran im Detail, aber solitär und monumental im Gesamtbild – diese Ambivalenzen machen den Reiz der Entwürfe von Calatrava aus. Mehr noch als die Bauwerke aller anderen Weltstars der Architektur sind jene des Spaniers, der inzwischen vor allem in Zürich und New York daheim ist, für jedermann wiedererkennbar. Auch das hat zu seiner enormen Popularität beigetragen (und zu einer von Neid angekränkelten Ablehnung unter Kollegen).

Verkehrskathedrale: U-Bahnhof „Oculus“ des One World Trade Center
Verkehrskathedrale: U-Bahnhof „Oculus“ des One World Trade Center Bild: imago/Rupert Oberhäuser

Vor allem aber erklärt sich die Beliebtheit unter Laien, die mit einem gewissen Widerwillen auch von manchen Kritikern geteilt wird, aus den Assoziationsangeboten, die sie machen. Vor jedem Bauwerk Calatravas fühlt sich der Betrachter ermuntert, in seinem Bildgedächtnis nach Analogien zu suchen. Man nehme nur den Palau de les Arts, das riesige Opernhaus in seiner Heimatstadt Valencia, das Kernstück der von ihm entworfenen „Stadt der Wissenschaften und Künste“. Je nach Blickwinkel sieht es aus wie ein Auge, ein Helm, ein Wal, ein Käfer oder ein Ozeandampfer. So sorgt man dafür, dass die eigenen Bauwerke im Gespräch bleiben. Und ins Bild kommen: Calatravas fotogene Bauten sind Wallfahrtsorte für Hobbyfotografen, die auf Instagram und anderen Plattformen den Ruhm des Urhebers mehren.

Beinahe dezent: Turning Torso in Malmö
Beinahe dezent: Turning Torso in Malmö Bild: REUTERS

In Deutschland, wo man sich mit großer Show- und Überwältigungsarchitektur schwerer tut als in anderen Ländern, ist Calatrava nur wenig präsent. Er musste zusehen, wie sich Norman Foster seine Wettbewerbsidee, das Reichstagsgebäude mit einer Glaskuppel zu versehen, mit dem Segen der Politik aneignete. Gewissermaßen als Trostpreis erhielt Calatrava den Auftrag für die nahe gelegene Kronprinzenbrücke über die Spree. Mit dem eleganten Bau konnte er seinen Kritikern beweisen, dass er auch die kleine Form beherrscht – im Prinzip zumindest, in der Praxis hat das Bauwerk Schwächen. Die Konstruktion ist so zerbrechlich, dass sie mit einem hässlichen Schutzschild gegen den möglichen fatalen Aufprall eines Ausflugsschiffs geschützt werden muss. Andere Details der Brücke ziehen Vandalen geradezu magisch an, was den Unterhalt teuer macht.

Inwieweit man Architekten einen Vorwurf aus dem unsachgemäßen Gebrauch ihrer Werke machen kann, ist ein alter Streit. Die juristischen Auseinandersetzungen, die Calatrava mit seinen Bauherren ausfechten muss, sind jedenfalls Legion. Manches ist darauf zurückzuführen, dass der visuelle Effekt für den Architekten über allem steht. So musste der gläserne Boden einer Brücke in Bilbao mit Gummimatten rutschfest gemacht werden. Viele Vorwürfe darf man jedoch getrost dem üblichen „Blame Game“ unter den vielen Baubeteiligten zurechnen, in dem Architekten seit jeher schlechte Karten haben. Gerade an Großprojekten wirken so viele Prüfingenieure, Controller und Prozessoptimierer mit, dass es vor allem ihr Versagen ist, wenn die Kosten aus dem Ruder laufen und Baumängel übersehen werden. Wer einen Virtuosen wie Calatrava beschäftigt, muss zusehen, dass er ihm die richtigen Handwerker zur Seite stellt.

Wie es gefällt: die Frauenbrücke in Buenos Aires
Wie es gefällt: die Frauenbrücke in Buenos Aires Bild: Bloomberg

Der entwaffnend liebenswürdige und selbstbewusste Optimist Calatrava hat ohnehin für sich beschlossen, die Vorwürfe an sich abperlen zu lassen. Der anhaltende Erfolg gibt ihm recht. Heute feiert Calatrava seinen siebzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton.
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