Mendelssohn-Schau in Berlin

Der preußische Moses

Von Andreas Kilb
12.05.2022
, 14:40
Eine Lichtgestalt der Aufklärung: Moses Mendelssohn, porträtiert von Johann Christoph Frisch im Jahr 1783
Er war neben Friedrich dem Großen der meistporträtierte Preuße seiner Zeit: Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin ehrt den Philosophen Moses Mendelssohn.
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Niemand wird ernsthaft be­haup­ten, Moses Mendelssohn sei vergessen. Aber selbst akademische Experten tun sich schwer, aus dem Stegreif den Titel eines seiner Bücher zu nennen. Dabei hat Mendelssohn in seinen „Briefen über die Empfindungen“ als einer der Ersten in Deutschland ei­ne philosophisch begründete Ästhetik entwickelt und in „Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele“ die platonische Ideenwelt mit monotheistischen Jenseitsvorstellungen zu versöhnen versucht. Mendelssohns Denken schlägt eine Brücke zwischen dem Sensualismus von Locke und Hume und der Systemphilosophie Kants, dem er noch 1763 den Preis der Preußischen Akademie der Wissenschaften wegschnappte. Doch über diese Brücke fließt kein geistesgeschichtlicher Verkehr mehr. Man weiß, wer Mendelssohn war, ohne noch sagen zu können, was er gedacht hat.

In der Ausstellung, die das Jüdische Mu­seum Berlin dem deutsch-jüdischen Aufklärer widmet, sind zahlreiche seiner Schriften als aufgeschlagene Originalbände zu sehen – der „Phädon“ ebenso wie das religionsphilosophische Opus magnum „Morgenstunden“, die kunsttheoretischen „Be­trach­tun­gen über die Quellen und die Verbindungen der schönen Künste und Wissenschaften“ oder der nachgelassene Essay „An die Freunde Lessings“, in dem der schwerkranke Mendelssohn den toten Autor des „Nathan“ so gewitzt wie elegant gegen den Atheismusvorwurf eines christlichen Eiferers verteidigt. Über den Inhalt all dieser Werke und der un­erschöpflichen Briefwechsel, die sie begleitet haben, er­fährt man allerdings we­nig. Die Kuratoren Inka Bertz und Thomas Lackmann ha­ben sich stattdessen dafür entschieden, den Menschen Moses Mendelssohn ins Zentrum der Ausstellung zu rücken. Diese Perspektive kommt dem eingeschränkten Erkenntnisinteresse der Gegenwart entgegen. Sie ge­rät aber rasch an ihre Grenzen.

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Mit Pferdegewieher und Rädergeratter

Die Frage, wie man philosophisches Denken in die Zeichensprache von Mu­se­ums­vi­tri­nen übersetzen kann, hat schon die Diskussion über die Hannah-Arendt-Ausstellung im Deutschen Historischen Mu­se­um vor zwei Jahren geprägt. Im Jüdischen Museum wird sie dadurch beantwortet, dass ein Lautsprecher im ersten Ausstellungsraum mit Pferdegewieher und Rädergeratter die Geräuschkulisse der Re­si­denz­stadt Berlin simuliert, das der vierzehnjährige Mo­ses, Sohn eines Gemeindeschreibers aus Dessau, 1743 nach fünftägigem Fußmarsch er­reicht. Dann folgt die Wandprojektion einer historischen Stadtkarte, auf der Mendelssohns Wohnhaus, sein Ar­beitsplatz in ei­ner Seidenfabrik und die Wohnungen und Villen seiner Freunde, Ärzte und Mä­ze­ne erscheinen. Ein Monitor zeichnet die europäischen Spuren der Vorfahren von Mendelssohns Mutter nach, die einer bekannten Familie aschkenasischer Rabbiner und Talmudisten entstammte.

Die Medienfixiertheit der Ausstellung hat den Vorteil, dass man nur den Bildern und Hörstationen folgen muss, um wie auf einem Rollband durch die preußische Aufklärung zu reisen. Der Nachteil besteht darin, dass man auf diese Weise nur an der Oberfläche der Dinge entlangfährt, von denen die Ausstellung handelt. In den Au­dio-Installationen wird der Besucher mit Clips von höchstens zwei Minuten Länge abgespeist, sodass selbst das titelgebende Briefzitat, in dem sich der späte Mendelssohn beklagt, dass sein Traum „von nichts als Aufklärung“ und vom Sieg der Vernunft über die „Schwärmerey“ ausgeträumt sei, in seiner Dramatik verpufft. „Wie wir se­hen, steiget schon, von der andern Seite des Horizonts, die Nacht mit allen ihren Ge­spens­tern wieder empor.“ Wen meint er? Wer waren die deutschen Nachtgespenster? Die Frage verhallt im Museumsraum.

Sein Handwerkszeug: Mendelssohns Lesebrille mit Etui
Sein Handwerkszeug: Mendelssohns Lesebrille mit Etui Bild: Leo Baeck Institute, New York

Etwas Ähnliches gilt für die visuelle Gliederung der Ausstellung. Ein Raum steht unter dem Motto „Dialog und Netzwerk“, ein anderer behandelt „Ästhetik und Freundschaft“. Wenn man bedenkt, dass für Mendelssohn Netzwerke und Freundschaften ineinandergriffen, dass er in Cafés und Gartenlauben Ge­sprä­che über Ästhetik und Religion führte, hätte man beide Aspekte auch zu­sam­men­legen können. Eine Abbildung zeigt den „Freundschaftstempel“ – zwei Zimmer mit Porträts von Männern und Frauen – im Haus des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Gleim, ein Freund Lessings und Mendelssohns, war im Siebenjährigen Krieg durch Lobgesänge auf preußische Schlachtensiege be­kannt geworden. Die Pointe der preußischen Aufklärung, die Thomas Lackmann in einem Katalogessay als „Hoffnungsfenster“ auf ein Reich der Toleranz bezeichnet, lag darin, dass sie mit der Verherrlichung des ab­so­lu­tis­ti­schen Königtums einherging. Von Mendelssohn ist keine Kritik am Alten Fritz überliefert.

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Dabei hat der Kö­nig, der Juden nur als Objekte fiskalischer Abschöpfung akzeptierte, seine Aufnahme in die Berliner Akademie verhindert, und als Mendelssohn nach Potsdam kam, weil ein sächsischer Minister, der ihn bewunderte, um ein Treffen gebeten hatte, ging Friedrich ihm aus dem Weg. Die frei erfundene Begegnung zwischen dem Philosophen und dem roi philosophe fand dennoch Eingang in preußische An­ek­doten­samm­lungen. Sie passte einfach zu gut ins Selbstbild einer Zeit, die mit dem Ba­stillesturm in der Kulisse versank.

Philosophischer Erpressungsversuch: Mendelssohn wird von Lavater zur Konversion gedrängt. Lessing betrachtet die Szene, Mendelssohns Frau bringt Tee.
Philosophischer Erpressungsversuch: Mendelssohn wird von Lavater zur Konversion gedrängt. Lessing betrachtet die Szene, Mendelssohns Frau bringt Tee. Bild: Bancroft Library, UC Berkeley

So stößt man, sobald man hinter die Rhetorik der Bilder schaut, in vielen Ecken der Ausstellung auf Abgründe. Einige davon leuchten auch die Kuratoren aus. Ein 1856 entstandenes Gemälde von Mo­ritz Daniel Oppenheim zeigt Mendelssohn an einem Tisch mit Lessing und dem Schweizer Theologen und Physiognomiker Lavater. Zu Op­pen­heims Zeit war das dargestellte Geschehen bereits legendär. Lavater hatte Mendelssohn aufgefordert, das Christentum entweder zu widerlegen oder zu ihm überzutreten. Mendelssohn verteidigte sich in mehreren öffentlichen Briefen. Gegen Lavaters pietistischen Missionseifer setzte er das Menschenrecht auf Religionsfreiheit.

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Es war der entscheidende Moment der Haskala, der jüdischen Aufklärung in Deutschland, über die in der Ausstellung leider wenig zu erfahren ist. Dabei stellt gerade sie die zwingendste Verbindung zur Gegenwart her. Im neunzehnten Jahrhundert geriet Mendelssohn ins Visier assimilationsfeindlicher Zionisten. Im zwanzigsten verdächtigte ihn Carl Schmitt der „Aushöhlung“ der staatlichen Macht. Mendelssohns Talmud-Übersetzung ist unter orthodoxen Juden bis heute umstritten. Seine Einsicht, dass Religion und Gesellschaft getrennte Sphären sind, hat nichts von ihrer Aktualität verloren.

Neben Friedrich dem Großen war Mendelssohn der meistporträtierte Preuße seiner Zeit. Sein Bild war immer auch ein Sinnbild: für die Emanzipation der Juden wie für ihre Selbstbehauptung. Die Kuratoren tun ihm deshalb nicht unrecht, wenn sie neben den wenigen Zeugnissen seines privaten Lebens (etwa der Lesebrille) die ikonischen Darstellungen von Graff, Chodowiecki, Frisch und anderen in den Mittelpunkt rücken. Aber eine Folge von Porträts ist noch kein Porträt. Wenn man sich vorstellt, nicht Zeichnungen und Gemälde, sondern Bücher und Zitate hingen an den Wänden, bekommt man eine Ahnung davon, was im Jüdischen Museum noch möglich gewesen wäre. In sieben Jahren steht mit dem dreihundertsten Geburtstag das nächste große Mendelssohn-Jubiläum an. Das wäre die Gelegenheit, sein Bild für die Nachwelt zu vervollständigen.

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„Wir träumten von nichts als Aufklärung“. Moses Mendelssohn. Jüdisches Museum Berlin, bis 11. September. Der Katalog kostet 29,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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