Geburtstag Bruce Nauman

Räume, völlig desinteressiert an uns

Von Karlheinz Lüdeking
06.12.2021
, 04:46
Bruce Naumans „Selbstporträt als Springbrunnen“
Bruce Nauman hat über Jahrzehnte die Haltung des extraterrestrischen Verhaltensforschers kultiviert und zur Kunst gemacht. Heute züchtet er Pferde in New Mexico und wird achtzig.
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Bruce Nauman ist der Pionier und der unbestrittene Meister der künstle- rischen Verhaltensforschung. Sein bevorzugtes Medium ist die Versuchsanordnung. Nauman überträgt Vorrichtungen, die sich der Psychologe Burrhus Frederic Skinner für seine Laborexperimente hätte ausdenken können, ins Atelier und in die Galerie. Er inszeniert Situationen, stellt die erforderlichen materiellen Bedingungen zur Verfügung und suggeriert Handlungsmöglichkeiten, um dann mit dem eiskalten Blick eines extraterrestrischen Besuchers zu verfolgen, was geschieht.

Zu Beginn seiner Performances war er selbst die Versuchsperson. Auf Videobändern von jeweils einer Stunde dokumentiert er zum Beispiel, wie er seinen Oberkörper mit verschiedenen Sorten von Schminke bedeckt oder wie er sich immer wieder nach hinten in eine Zimmerecke fallen lässt, um anschließend wieder nach vorn zu federn. Wenig später nötigt er auch die Betrachterinnen und Betrachter zu solchen Exerzitien. Er konstruiert beispielsweise Korridore, in die man hineingehen kann, um zu sehen, wie man dort auf Ausweglosigkeit und Beklemmung reagiert.

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Den Irrsinn des Lebens künstlerisch auf die Spitze treiben

Eine besonders eindrückliche Installation findet man im Hamburger Bahnhof in Berlin, wo sie, wie es derzeit aussieht, zum Glück auch in Zukunft bleiben wird. Hier kreuzen sich drei Korridore wie im Zentrum eines dreidimensionalen Koordinatenkreuzes, und wer sich dorthin begibt, versteht sofort, warum der Künstler seinem Werk den folgenden Titel gegeben hat: „Room With My Soul Left Out, Room That Does Not Care“. Ähnliche Charakterisierungen lassen sich auf den größten Teil dessen anwenden, was Nauman im Laufe der Zeit geschaffen hat. Die Seele spielt nie eine Rolle, und auf sorgsamen Umgang darf auch niemand rechnen.

Das heißt nun aber keineswegs, dass Nauman selbst für eine gnadenlose Welt eintritt, eine Welt, in der Auschwitz noch einmal möglich wäre. Nauman konfrontiert uns, ähnlich wie Beckett, mit seinen düsteren Visionen, weil er davon überzeugt ist, dass man dem Irrsinn des Lebens am besten entgegentritt, indem man ihn in der Kunst auf die Spitze treibt. Deshalb baut er Pyramiden von toten Tieren, und 1992 zeigt er bei der Documenta IX einen Menschenkopf, der auf dem Kopf steht, rastlos rotiert und unablässig Worte ausstößt wie: „Help me! Hurt me! Sociology!“

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Solche Extreme hat Nauman später vermieden, um sich eher den Rätseln des Alltags zu widmen. Doch auch dabei behält er seine Attitüde der unbeteiligten Beobachtung bei, in der alles so seltsam und unverständ­lich scheint wie aus der Sicht eines Marsmenschen. Als reale Person lebt ­Nauman in Galisteo, New Mexico, und züchtet Pferde. Heute vollendet sich sein achtzigstes Jahr auf dieser Erde.

Quelle: F.A.Z.
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