Schau Wilhelm Sasnal Warschau

Die verlorene Unschuld von Kohlköpfen

Von Alexandra Wach, Warschau
21.09.2021
, 23:00
Widerständig: Der 1921 in Hannover als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geborene Herschel Grynszpan in der Sicht  Wilhelm Sasnals
Wilhelm Sasnal zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlern Polens. Im Warschauer Museum Polin spürt er den sichtbaren und unsichtbaren Abgründen der polnischen Landschaft nach.

Die malerische Geste entstammt der Pop-Art, umso mehr schockiert das Motiv: Eine Frau schaut aus einem Auto heraus mit aufgewühltem Blick auf die Tore des Vernichtungslagers Auschwitz, im Außenspiegel schimmern sattgrüne Wiesen. Sie gehört nicht zu den Millionen Besuchern, die jedes Jahr zu der Gedenkstätte pilgern. Als Krakauerin kommt sie gelegentlich auf dem Heimweg an diesem historisch aufgeladenen Ort vorbei, wie einmal nach einer Silvesterparty, die sie mit ihrem Mann Wilhelm Sasnal besucht hatte. Der weltbekannte Maler und Filmemacher verwendete den fotografisch eingefangenen Moment für eines seiner neuesten Gemälde, das jetzt im Warschauer Museum Polin zu sehen ist.

Das Gewicht der polnischen Landschaft zieht sich durch sein Werk wie ein blutbefleckter roter Faden. Der Achtundvierzigjährige setzt sich seit zwei Jahrzehnten mit der Vergangenheit auseinander, was auch daran liegen mag, dass Teile der polnischen Gesellschaft, darunter die gegenwärtige Regierung, einen selektiven Blick auf ihre eigene Rolle pflegen. Wie schwer es für manche immer noch ist anzuerkennen, dass das Land einerseits Opfer von Nazideutschland wurde, es aber andererseits nicht wenige Polen gab, die sich an der Ausplünderung und Ermordung der polnischen Juden beteiligten, davon handeln die rund sechzig Gemälde und Zeichnungen in der Ausstellung „Solch eine Landschaft“.

Der Schrecken fährt mit: Wilhelm Sasnals „First of January (back)“, 2021.
Der Schrecken fährt mit: Wilhelm Sasnals „First of January (back)“, 2021. Bild: Courtesy of the artist and Foksal Gallery

Sasnals letzte Einzelausstellung in Polen in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta ist vierzehn Jahre her. Dass er jetzt die lange Phase der Abwesenheit im Polin beendet, dem Museum der Geschichte der polnischen Juden im Herzen des ehemaligen jüdischen Viertels und des späteren Ghettos, darf man getrost als Kampfansage an alle Leugner und Relativierer deuten. Denn nichts ist in dieser Ausstellung so, wie es scheint, nicht die Bahngleise, die quer durch die Landschaft verlaufen, nicht der Haufen Kohlköpfe, eigentlich ein harmloses, beinahe abstraktes Stillleben, das in der Nachbarschaft zu den anderen Gemälden zu einem Schädelberg in einem Massengrab gerät.

Unschuld vom Lande? Sasnals Kohlköpfe aus dem Jahr 2021.
Unschuld vom Lande? Sasnals Kohlköpfe aus dem Jahr 2021. Bild: Courtesy of the artist and Foksal Gallery

Sein Interesse an jüdischen Themen komme von einem unbewussten Gefühl der Abwesenheit, sagt Sasnal. „Oder vielleicht wegen der Schuld, die ich trage, ein Pole zu sein, der in der christlichen Tradition erzogen wurde.“ Deshalb sind auch die Menschen auf den Porträts natürlich nicht zufällig ausgewählt. Da wäre der „braune Bischof“ Alois Hudal, der NS-Verbrechern nach dem Krieg zur Flucht verhalf. Oder Pater Trzeciak, einer der führenden Ideologen des Vorkriegs-Antisemitismus, flankiert vom französischen Maler Edgar Degas, einem heftigen Judenhasser, der den Bogen zum europäischen Antisemitismus des neunzehnten Jahrhunderts spannt. Gleich mehrere Akteure tauchen wenige Schritte weiter in der monumentalen Chronik „Die Synagoge in Mościce“ auf. Mit schwarzer Tinte lässt Sasnal darin die Geschichte seines Heimatbezirks Tarnów Revue passieren, bis in die fiktionale Zukunft von 2028, in der eine modernistische Synagoge erbaut worden ist. Die alternative Vision hat es in sich, denn der Holocaust hat hier nie stattgefunden, und in Polen und Deutschland wurden Anfang der Vierzigerjahre Kibbuzim statt Konzentrationslagern errichtet.

Die Auswahl der Werke hat kein Geringerer als Adam Szymczyk getroffen. Unter der Regie des polnischen Kurators diente Kunst auf der Documenta 14 noch als Brennglas der Weltkonflikte und als kostspieliges Instrument der Destabilisierung einer Institution, die zum ersten Mal ihren Spielort bis nach Athen ausweitete. Der politische Anspruch ist auch in Warschau allgegenwärtig, wagt sich doch Szymczyk inmitten einer silbern glitzernden Architektur neben dem Schrecken des Holocausts auf das lange tabuisierte Terrain des polnischen Antisemitismus. Die ältesten Werke wurden von den „Maus“-Büchern des Karikaturisten Art Spiegelman inspiriert. Die jüngsten sind 2021 speziell für die Ausstellung entstanden.

Doppelt schuldbeladene Landschaft

Wenn etwa eine imaginäre Karte Polens an Israel grenzt und damit an die lange Koexistenz erinnert, dann ist das ein kurzer Moment des Aufatmens in einer Flut der Weltaneignung, die schwer verdaubare Dinge in eine schnell gemalte Essenz packt. Wie etwa auf dem Gemälde „Bez tytułu (Strach) von 2008, auf dem sich Strach, das polnische Wort für Angst, in Großbuchstaben auf einem See spiegelt – womit keine Gefühlslage gemeint ist, sondern der Buchtitel „Angst“, den der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross nach dem berühmten Vorgänger „Nachbarn“ veröffentlicht hat, einem Meilenstein der Aufarbeitung des von Polen begangenen Pogroms in Jedwabne von 1941.

Neben der Erinnerung an konkrete Ereignisse artikuliert Sasnal hier eine kollektive Furcht, das Image einer Opfer-Nation zu verlieren, die, über jeden Fehltritt erhaben, auf heroischen Schlachtfeldern ihr Blut vergossen habe, was von Generationen von Romantikern in Literatur, Kunst und Kino eines Andrzej Wajda zum Mythos konserviert wurde, von der komplexeren Realität Lichtjahre entrückt, ähnlich wie die Verschleierungen der Dolmetscherin, die im Film „Shoah“ die Fragen des Dokumentarfilmers Claude Lanzmann an die Zeugen des Holocausts übersetzte. Dass sie die Antworten zugunsten der polnischen Täter ausglättete, ist für Szymczyk Grund genug, ihr verwischtes Gesicht gleich mehrfach zu zeigen, als müsste man ihre Geschichte immer wieder erzählen, um das Bewusstsein für die schmerzhafte Wahrheit zu schärfen.

Und Szymczyk wäre nicht Szymczyk, wenn er das Thema der doppelt schuldbeladenen Landschaft nicht um das postkoloniale Kapitel erweitern würde, etwa mit dem Verweis auf den vor Stereotypen strotzenden polnischen Kinderbuchklassiker „Murzynek Bambo“ („Negerlein Bambo“) – womit er den Finger in die Wunde der heutigen Fremdenfeindlichkeit in Polen legt.

Nach Auschwitz ist es barbarisch, eine Rauchfahne zu malen? Die tränenartigen Verlaufsspuren im Acker und der abrupte Abbruch des Feldes auf Wilhelm Sasnals „Cracow – Warsaw“ deuten jedenfalls auf tendenzielle Unmalbarkeit hin.
Nach Auschwitz ist es barbarisch, eine Rauchfahne zu malen? Die tränenartigen Verlaufsspuren im Acker und der abrupte Abbruch des Feldes auf Wilhelm Sasnals „Cracow – Warsaw“ deuten jedenfalls auf tendenzielle Unmalbarkeit hin. Bild: Courtesy of the artist and Foksal Gallery

Eine Besonderheit ist der von Sasnal erstellte Führer mit Zeichnungen, Fotografien und Quellenmaterialien. Auf diese Weise bekommt man die Möglichkeit, in sein Atelier zu treten, um den Entstehungsprozess zu erleben. Auch wenn er den gesellschaftlichen Status quo in düsteren Farben einfängt, ist Sasnal kein Pessimist. Das Zusatzwissen im Hinterkopf vorausgesetzt, besticht sein trockener Ernst in dem Beharren auf einer anderen Politik des Erinnerns. Gut vorstellbar, dass er seine über den nationalen Kontext hinausreichende Schule des Sehens nie zum Abschluss bringen wird, schließlich ist die Banalität des Bösen eine ewige Konstante der Menschheit – das polnische Kapitel ist mit dieser gründlich aufräumenden Ausstellung jedenfalls um einige Blickwinkel angewachsen.

Wilhelm Sasnal – Solch eine Landschaft. Im Polin, Warschau, bis zum 10. Januar 2022. Ein Ausstellungsführer liegt gratis aus.

Quelle: F.A.Z.
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