Horst Bredekamp wird 70

Glühen als Methode

Von Jürgen Kaube
29.04.2017
, 09:08
Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp
Was man mit Bildern tun kann: In seinen Schriften hat Horst Bredekamp nahezu alle Möglichkeiten einer entgrenzten Kunstgeschichte ausgeschöpft. Nun wird der Kunsthistoriker siebzig Jahre alt.
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Unter allen geisteswissenschaftlichen Fächern in Deutschland hatte die Kunstgeschichte in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht die höchste Leistungsdichte. Beispielhaft muss man nur Namen wie Max Imdahl, Martin Warnke, Hans Belting, Wolfgang Kemp oder Gottfried Böhm nennen. Neben dem absolvierten Pflichtprogramm eines extensiven historischen Wissens – Kunsthistoriker, die nur zu einer Epoche arbeiten, sind seltener als Philologen, die das tun – fällt an diesen Forschern ein ausgeprägter Sinn für Grundbegriffe und Theoriefragen ihres Faches auf. Ob es sich um die Figur des Künstlers selbst, um den der Schönheit oder der Farbe, um den Wettstreit zwischen den Künsten oder den Begriff des Bildes handelt, stets waren die bedeutenden Beiträge der Disziplin solche, die weit über Einzelanalysen und die Mehrung historischer Kenntnis hinausführten.

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Horst Bredekamp, der heute siebzig Jahre alt wird, gehört nicht nur zu dieser Gruppe philosophisch forschender Kunsthistoriker. Er hat in seinen Schriften zwischen 1975 und heute geradezu alle Möglichkeiten einer entgrenzten Kunstgeschichte ausprobiert, die sich mitunter zur Behauptung steigert, eine Schlüsseldiziplin für Erkenntnis überhaupt zu sein. Der Anhang seiner Dissertation über Bilderstürmer, der von den Hussiten zu revolutionären Bewegungen in Asien führt, lässt ahnen, um welchen politischen Einsatz es dem Autor damals ging. Dass Kunst gewaltig und nicht selten gewalttätigerweise mehr als Kunst ist, fesselte auch später, als der Brandgeruch von 1968 verzogen war, Bredekamps Interesse.

Der Künstler als Verbrecher, der Fürst als Künstler, die Kunst des Kampfsports, die Zuschreibung magischer Eigenschaften auf Bilder, der Physiker und der Biologe als Zeichner, die Welt als Kunstkammer und Naturtheater, schließlich die Staatsphilosophie und mit ihr der Staat selbst als bildbedürftige Tatbestände – wann immer Bredekamp ein neues Thema für sich entdeckt hatte, durften die Leser eines weiteren glanzvollen Beweises sicher sein, dass von allen Energien die Bildenergie die bei weitem größte ist. Entsprechend glühen bei Bredekamp stets die Drähte zwischen Werk und Betrachter, und wann immer er sich einem Künstler oder Intellektuellen zugewendet hatte, stand dieser danach verlässlich als Kraftwerk da.

Das Risiko dieses methodischen Enthusiasmus hat Bredekamp erfahren, als Teile seiner Galilei-Studien einer Buchfälschung zum Opfer fielen. Die Reserve, etwas – beispielsweise der Gedanke, alles könne von einem Augenblick, einem Werk, einem Individuum abhängen – sei zu schön, um wahr zu sein, ist kein Motto des Kunsthistorikers, der die Kunst noch ernster nimmt als die Historie. Was nicht heißt, dass Geduld und die Arbeit des Begriffs ihm fremd wären. Das Ausmaß seiner Geduld ist allein schon durch die seit Kinderzeiten treue Anhänglichkeit an Holstein Kiel belegt. Was die Arbeit des Begriffs angeht, so zeigt die „Theorie des Bildakts“, die Bredekamp im Jahr 2010 vorgelegt hat, was er darunter versteht: eine überreiche, auf jeder Seite stimulierende, von Anregungen, Assoziationen und eigenen Einfällen fast heimgesuchte Denkbewegung darüber, was man mit Bildern tun kann. Bredekamps Antwort: alles.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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