Fotograf F. C. Gundlach tot

Es spricht nichts gegen Denkanstöße

Von Freddy Langer
25.07.2021
, 12:27
Der Fotograf Franz Christian Gundlach, im November 2009 bei der Ausstellung F.C. Gundlach - Das fotografische Werk“ im Martin-Gropius-Bau vor seinem Bild „Den ganzen Tag am Strand“ aus dem Jahr 1966.
Als Modefotograf war er dem braven Bild verpflichtet, und setzte doch mutige Akzente. Als Sammler war er ein Rebell: Zum Tod von F. C. Gundlach.

Es sei ein verregneter Tag im November ’61 gewesen, erzählte F. C. Gundlach bei Gelegenheit, als er allein in seinem Hamburger Atelier ein wenig aufräumte und plötzlich das Telefon klingelte. Es war Romy Schneider. Sie sei in der Stadt und fühle sich nicht wohl. Weshalb er ihr vorschlug vorbeizukommen. Dann begann er sie zu fotografieren. In verschiedenen Kostümen zunächst. Am Ende aber ganz unaufgeregt. Ohne Effekte, ohne Aufwand, sogar ohne Maske. Nicht länger Star, sondern nur noch eine junge Frau, die sich ihm ganz offen zeigte, die immer nachdenklicher wurde und sehr verletzlich wirkte, als sich ein Moment tiefster Traurigkeit über ihr Gesicht zog. Da hatte ich mit einem Mal, sagte F. C. Gundlach, Rosemarie Albach vor der Kamera gehabt. So hieß Romy Schneider mit bürgerlichem Namen.

Das Porträt ist vielleicht die schönste Aufnahme aus Gundlachs kaum überschaubaren Œuvre einer fast vier Jahrzehnte währenden Karriere als Fotograf. Seine berühmteste ist sie nicht. Das dürfte ein Modebild sein, das er fünf Jahre später mit zwei Mannequins aufnahm. Sie tragen Badehauben mit Mustern im Stil der Op-Art und schauen skeptisch Richtung Horizont, nicht jedoch am Strand, sondern inmitten der Wüste. Im Hintergrund ragt eine der Pyramiden von Gizeh in den Himmel.

Melancholie: Romy Schneider, fotografiert von F. C. Gundlach, 1961
Melancholie: Romy Schneider, fotografiert von F. C. Gundlach, 1961 Bild: F.C. Gundlach

Hier die Lust an der surrealen Verfremdung, dort das aufrichtige Interesse am Wesen eines Menschen: Damit ließen sich bei anderen Fotografen wunderbar die Eckpfeiler eines Werks setzen. Aber so leicht hat es einem Friedrich Christian Gundlach, den alle nur F. C. nannten und der auch von sich selbst so sprach, nicht gemacht. Ihm genügte nicht einmal die Rolle des Fotografen. Als Unternehmer, Galerist und Lehrer, Sammler, Kurator und Museumsdirektor, Gründer des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen sowie Stifter und Mäzen hat er wesentlich dazu beigetragen, die Fotografie in der Gegenwartskunst zu verankern und Hamburg zu einem ihrer Zentren zu machen. Er bezeichnete das als moralische Verpflichtung. Dabei hielt er seine Leidenschaft für das Medium meist hinter einer hanseatischen Kühle versteckt – die er sich anerzogen haben muss, denn er kam 1926 als Sohn eines Gastwirts in Nordhessen zur Welt –, äußerlich untermauert durch den stets blauen Blazer mit goldenen Knöpfen und Ein­stecktuch. Gespräche begann er gern mit den Worten „Ach, wissen sie“, bevor sie dann schnell in einen Vortrag mündeten.

Mit zehn Jahren die erste Kamera

Mit zehn Jahren hatte Gundlach seine erste Kamera bekommen. Sein erstes Foto, aufgenommen mit Selbstauslöser, zeigt ihn mit seinem Bruder und einem Freund auf einer Leiter, er selbst auf der untersten Sprosse, weil er ja noch hinlaufen musste. Später nahm er stets zwei Stufen auf einmal. Studium in Kassel 1946, dann Praktikum in Paris, Anfang der fünfziger Jahre selbstverordnete Nachhilfestunden im Amerikahaus in Stuttgart, in dem er im Lesesaal „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ nach Anregungen durchblätterte und sich nicht scheute, heimlich Seiten mit Bildern etwa von Richard Avedon und Irving Penn herauszureißen, mit deren Bildideen er die eigenen Arbeiten unterfütterte.

Dann öffnet sich auch bei ihm die verschwenderische Fülle eines Chiffon-Abendkleids, oder es präsentieren Damen mit herausforderndem Blick und in gestelzten Posen einen Ozelotmantel. So brachte Gundlach die große Welt in die Enge der mit Nierentisch und Rohrsesseln eingerichteten deutschen Wohnzimmer. Nicht zuletzt, um mit Eleganz und Lebenslust die Erlebnisse an der Front und die Nöte der Nachkriegszeit aus dem Gedächtnis zu löschen, auch dem eigenen.

Die pure Lebensfreude; „Mudra Afrique“, 1980.
Die pure Lebensfreude; „Mudra Afrique“, 1980. Bild: F.C. Gundlach

Es war ein kühler, glamouröser Stil, mit dem er von „Film und Frau“ über die „Quick“ bis zum „Stern“ den deutschen Illustriertenmarkt bediente, mit Bildern der Stars des Kinos, aber auch mit Reportagen von Reisen in aberwitzig ferne Länder, bevor er von 1963 an exklusiv für die „Brigitte“ arbeitete.

Seine Modelle ließ er über die Tragfläche eines Flugzeugs balancieren, über die Schwellen endloser Gleise stöckeln oder legte sie im geblümten Kleid in eine Blumenwiese, so dass sie darin verschwanden. Ein ums andere Mal gelang es ihm dabei mit raffinierten Einfällen die Vorgabe der Redaktion zu unterlaufen, die in überzeugter Spießigkeit festgelegt hatte: „Brigitte ist ein braves Mädchen.“ Das konnte ein Fleck weißer Haut sein, eine Narbe auf der Schulter, auch zwei Berge, die am Horizont spitz wie Brüste in den Himmel ragten – zu einer Zeit freilich, als die internationale Modefotografie längst von der aggressiven Erotik Guy Bourdins oder Helmut Newtons beherrscht wurde.

Op Art Muster auf Badeanzug von F. C. Gundlach
Vortex: Op Art auf dem Badeanzug, 1966 Bild: Stiftung F.C. Gundlach

Mag sein, dass dies für Gundlach zum Antrieb wurde, Zuflucht in der Kunst zu suchen und die Linien der neuen Mode in der Ästhetik aktueller Strömungen von Op-Art über Pop Art bis zu den Mustern der Hippie-Kultur zu präsentieren. Nicht ausgeschlossen auch, dass er seine Fotografiesammlung, die zu den größten, besten und außergewöhnlichsten Privatsammlungen in Deutschland zählt, als eine Art Ventil verstand.

„Die Einengung des künstlerischen Mediums öffnen“

Seine Absicht, erklärte er, sei es, „die Einengung des künstlerischen Mediums zu öffnen“. Von Polke und Klauke bis Bonvie und Milan Kunc trug er zusammen, was den herkömmlichen Begriff von Fotografie förmlich sprengt. Unscharf, brutal und meist sämtliche Kompositionsprinzipien über den Haufen werfend, entwickelten die teils wandfüllenden Abzüge bei ihrer ersten Präsentation Ende der achtziger Jahre im Hamburger Kunstverein eine solche Explosivkraft, dass viele Besucher sie als Anschlag auf die Augen empfanden. „Je größer das Format ist“, hatte Gundlach dem Katalog den rotzfrechen Satz von Martin Kippenberger und Albert Oehlen vorangestellt, „desto weniger Platz bleibt für abweichende Meinungen.“ Eine solche Schärfe hätte damals nicht jedermann Gundlach zugetraut. Aber der Titel der Ausstellung, „Das Medium der Fotografie ist berechtigt, Denkanstöße zu geben“ gab eine Ahnung davon, was zeitlebens in ihm rumort haben muss.

Modefotografie von F. C. Gundlach
Keck: Mannequins in Brasilien, sechziger Jahre Bild: F.C. Gundlach

Am vorigen Freitag ist F. C. Gundlach wenige Tage nach seinem fünfundneunzigsten Geburtstag gestorben. Niedergelegt wird er in einem Mausoleum, das er schon vor vielen Jahren auf dem Ohlsdorfer Friedhof hat errichten lassen und mit dem er für nicht wenig Unruhe in Hamburg gesorgt hatte. „Ich wollte nie unter der Erde liegen“, war seine Begründung für den Kubus. Auf einer Seite sind die beiden Mannequins mit den Bademützen in den Beton gefräst, samt der Pyramide im Hintergrund. Auch eine Grabstätte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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