Videokünstler Jonas Englert

Kunst zieht Kreise

Von Ursula Scheer
18.09.2021
, 12:21
Eine einzige Perspektive ist nie genug: Jonas Englert in seinem Atelier.
Wenn Bilder beim politischen Denken helfen: In seinen Videoarbeiten präsentiert der Künstler Jonas Englert Geschichte zum Anfassen – und kommentiert die Gegenwart.

Handschläge, Küsse und Umarmungen: Kleine Berührungen drehen das große Rad der Geschichte. Der Videokünstler Jonas Englert zeigt es in seiner Arbeit „Circles I“ auf eindrückliche Weise. Da ertastet die taubblinde Schriftstellerin Helen Keller 1953 das Gesicht des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower, der 1944 im befreiten Paris als General die Hand von General George C. Marshall schüttelt. Der Schöpfer des Marshallplans wiederum erhält mit einem Händedruck von Gunnar Jahn 1953 den Friedensnobelpreis, den der Vorsitzende des Nobelkomitees 1964 mit nämlicher Geste Martin Luther King überreicht. Der Bürgerrechtler seinerseits schüttelt im selben Jahr Lyndon B. Johnson die Hand, als der Präsident den Civil Rights Act unterzeichnet. Die Rechte, die dabei die Feder führt, verbindet 1967 per Shakehands Johnson mit dem pakistanischen Präsidenten Ayub Khan, den John F. Kennedy 1961 in Washington begrüßt – wo JFK sich auch von Helen Keller Worte mit dem Fingeralphabet in die Handfläche schreiben lässt.

Ein Kreis der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist geschlossen, aufgezeichnet neben sechs weiteren in der Grafik „Circles II“. Sieben ohne Ton in Endlosschleife laufende Collagen aus Archivmaterial, arrangiert in Form eines Bandes auf dem Bildschirm, zeigen als „Circles I“ im Film die öffentlich ausgestellten Kontakte, meist sogar Hautkontakte, von Mensch zu Mensch auf der politischen Bühne: eine Choreografie der Macht, eine Folge von Inszenierungen, aber auch eine soziale Kettenreaktion, die Personen zu Reigen arrangiert und immer neue Kreise formt. Sichtbar werden diese erst in der Retrospektive. Dann ergeben sich mögliche Ansichten der Historie. So machen wir uns ein Bild von der Vergangenheit.

Für den 1989 geborenen Jonas Englert ist der Blick zurück kein nostalgischer, sondern ein Teil seines aktuellen künstlerischen Forschens. In seinem Egelsbacher Atelier, einem Flachbau aus den Siebzigerjahren, sitzt er zwischen Fernsehmonitoren, Laptop und einer Glasfront, die den Blick ins Grüne wie ein gigantischer Bildschirm rahmt. Im Schnelldurchlauf lässt er Teile sein neuesten, noch unveröffentlichten Projekts über einen Screen laufen: eine filmische Interpretation klassischer und neuer Musik, die mit vorgefundenem und eigenem Material den Bogen spannt von der biologischen Genesis bis zur Entgrenzung des Humanen im All. Viel mehr mag und kann Englert noch nicht verraten oder zeigen. Auch was das Thema der philosophischen Dissertation betrifft, an der er arbeitet, bleibt er lieber im Ungefähren: Es geht um Historiografie.

Wie wird man ein „Zoon Politicon“?

Worum auch sonst, möchte man sagen, wenn man ein anderes, seit 2015 laufendes Projekt von ihm vor Augen hat: „Zoon Politikon“ heißt es und fragt danach, was es heute hierzulande heißen könnte, ein politisches Wesen zu sein, das gesellschaftliche Umwälzungen erlebt und mitgestaltet hat. Es geht darum, wie man ein solcher Mensch wird – und wie man sich selbst sein eigenes Werden und Verändertwerden erklärt. Das bedeutet: wie man sich und anderen davon erzählt.

Daniel Cohn-Bendit beginnt nicht etwa mit seiner Politisierung im zeitlichen Vorfeld von 1968, sondern in nuce mit seiner Zeugung, die erst die Landung der Alliierten in der Normandie ermöglicht hatte. Rita Süssmuth erzählt dagegen nüchtern von einem Anruf aus dem Kanzleramt aufs Zugtelefon, der sie aus der Wissenschaft in die Runde der Bundesminister umlenkte. Der inzwischen verstorbene, langjährige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann berichtet, wie er als Fallschirmspringer den Schritt in die Waffen-SS umging und 1944 in Kriegsgefangenschaft geriet – in der Normandie.

Zukunftspläne: Irgendwann will der Videokünstler Jonas Englert einen Spielfilm drehen.
Zukunftspläne: Irgendwann will der Videokünstler Jonas Englert einen Spielfilm drehen. Bild: Frank Röth

Wie in „Circles“ ergeben sich unerwartete Berührungen zwischen den erinnernd abgeschrittenen Lebenswegen. Knapp eine Stunde dauert jeder der Selbstzeugnis-Monologe, von denen Englert schon vierzehn aufgezeichnet und geschnitten hat und am Ende dreiunddreißig versammeln will. Natürlich hat er auch Alexander Kluge angefragt, aber der hat ihm einen Korb gegeben – erst einmal. Wer weiß. Die Videos für „Zoon Politikon“ sind das Gegenteil dessen, was auf Instagram, Youtube oder TikTok massenhaft stattfindet. Englert sucht hier Gesprächsbereite mit einer gewissen Überparteilichkeit, die nicht nach 1945 geboren worden sein sollen.

Er entschleunigt, auch in anderen seiner Arbeiten. Ein Bach-Präludium etwa hat er fast bis zum Stillstand verlangsamt und zeigt dazu Hände und Gesicht des Pianisten in Zeitlupe („Praeludium“). Auch für „Zoon Politikon“ muss man sich Zeit nehmen. Wer zuhört und hinsieht, der bekommt Antworten auf Fragen, die nie gestellt wurden, und erkennt: Jeder dieser Solitäre steht nur scheinbar für sich. Und die eine Erzählung, die gibt es nicht.

Den eigenen Standpunkt hinterfragen

„Es geht um das Infragestellen des eigenen Standpunkts“, sagt Englert und blickt, wie immer, wenn er sich schweigend Zeit nimmt, um den nächsten Gedanken in Worte zu fassen, durch seine dunkel gerahmte Brille beiseite in die Ferne. „Alles andere ist Ideologie.“ Inspiriert sei er von den Schriften des Soziologen Erving Goffman. Englert präsentiert Individuen auf eine Weise, die dem in sozialen Medien gewinnbringend optimierten Individualismus diametral entgegensteht. Auch eine historiografisch wirkende Arbeit kann ein Kommentar zur Gegenwart sein.

Das Bewegtbild als Medium für sich entdeckte Englert an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, wo er bei Heiner Blum, Rotraut Pape und Alexander Oppermann studierte. Found Footage, vorzugsweise Filmmaterial aus vordigitalen Zeiten, verarbeitete er in seinen Arbeiten erst mal fürs Theater. Seit 2014 schafft er regelmäßig Videoinstallationen für Inszenierungen, ob Schillers „Don Karlos“ oder Philip K. Dicks „Zeit aus den Fugen“. Mit der Regisseurin Laura Linnenbaum hat er unter anderem am Staatstheater Hannover, am Berliner Ensemble und am Staatsschauspiel Dresden gearbeitet. „Der Wechsel zwischen der Arbeit allein für mich und im Team am Theater tut gut“, sagt Englert. Wenn eine Reihe von Preisen, neue Aufträge und die Tatsache, dass er in zwei amerikanischen Museen sowie Privatsammlungen vertreten ist, dafür ein Indikator sind, macht er alles richtig.

Wie es weitergeht? Sich als Dokumentarfilmer versuchen? Eine zu große Einschränkung der Kunstfreiheit. Stattdessen will Jonas Englert irgendwann einen Spielfilm drehen, zu dem er das Skript schreibt. In näherer Zukunft kann er vielleicht wieder buchstäblich im Vorbeijoggen einen weiteren Beiträger zum „Zoon Politikon“-Projekt gewinnen. Das habe tatsächlich schon einmal geklappt, erzählt Englert und lacht. Wer es war? Die Soziologin Frigga Haug? Der Kunstkritiker Peter Iden? Der ZKM-Chef Peter Weibel? Wird nicht erzählt. Kunst kommt nicht ohne Geheimnisse aus. Und nicht ohne Ernst, sagt Englert. Ein Handschlag zum Abschied, dann ist er wieder bei seinen Bildschirmen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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