Deutsch-russische Kunstschau

Ausstellung von Putins Gnaden?

EIN KOMMENTAR Von Kerstin Holm
04.10.2021
, 12:18
Geborstene Träume: Maxim Worobjow malte die „vom Blitz gespaltene Eiche“ 1842.
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Der Putinfreund und Milliardär Alischer Usmanow fördert die umstrittene deutsch-russische Romantikschau, die nun in Dresden läuft. Was sehen wir da? Ist das ein Skandal?
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In Russland werden historische Epochen nie erledigt und schon gar nicht bewältigt, weshalb Geschichte dort immer frisch bleibt. Als im vergangenen Frühjahr die deutsch-russische Ro­mantik-Ausstellung „Träume von Freiheit”, die jetzt nach Dresden kam, in der Moskauer Tretjakow-Galerie eröffnet wurde – inmitten der bis heute anhaltenden Repressionswelle gegen friedliche Kritiker des Putin-Regimes –, wirkte die in Auseinandersetzung mit politischer Reaktion entstandene Kunst auf Kreative und Intellektuelle dort höchst aktuell.

Schon dass die Schau mit dem Drama der Dekabristen begann, je­ner gebildeten Offiziere, die 1825 von dem neuen Zaren Nikolai I. eine Verfassung verlangten und dafür hingerichtet oder verbannt wurden, wirk­te wie ein Signal. Das Bild des Hofmalers Adolphe Ladurner von dem Ereignis zeigt eine Menschenmauer von Gardesoldaten mit aufgepflanzten Gewehren, die den Aufständischen auf dem Petersburger Se­­natsplatz entgegentraten – was Be­­sucher an die Sonderpolizistenformationen denken ließ, die die Frühjahrsproteste niederschlugen, sagte der Kurator auf russischer Seite, Sergej Fofanow, der bekennt, er sei re­gelrecht in die Kultur „emigriert“. Der oppositionelle Rapper Iwan Alexejew mit Künstlernamen Noize MC, der, oft mit Auftrittsverboten belegt, in der Tretjakow-Galerie ein Konzert mit Mandelstam-Versen gab, be­kannte sich gar zum „rebellischen Romantismus“, den er in der Schau verherrlicht sah.

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Putin und der Patriarch von rebellischer Kunst begeistert

In der deutschen Presse meldeten sich jedoch Stimmen, die die größtenteils vom Auswärtigen Amt finanzierte Koproduktion illegitim fanden, weil die Leiterin der Tretjakow-Galerie, Selfira Tregulowa, im Kulturrat von Präsident Putin sitzt und außerdem zur Arbeitsgruppe gehörte, die an den Verfassungsänderungen mitarbeitete, die es Putin de facto erlauben, un­begrenzt im Amt zu bleiben. Tregu­lowa, die regimeaffin, aber keineswegs unzutreffend daran erinnerte, dass Deutsche und Russen während der Romantik das Nationale in der Kunst entdeckten, führte höchstselbst den Präsidenten, den Pa­triarchen der russisch orthodoxen Kirche, Kirill, sowie den Leiter von dessen Kulturrat, Metropolit Tichon, durch die Schau, die alle drei begeistert haben soll. Dieser Rückhalt dürfte es Tregulowa, deren Offenheit von Mitarbeitern gelobt wird, erleichtert haben, Noize MC einzuladen sowie zu einer Podiums­diskussion den Re­gisseur Kirill Serebrennikow.

Die Dresdner Station wird finanziert von einer Stiftung des usbekisch-russischen Milliardärs Alischer Usmanow, den der im Gefängnis darbende Alexej Nawalnyj zu den politischen Oligarchen um Putin zählt, weshalb er die EU aufforderte, Einreise- und Vermögenssperren gegen Leute wie ihn zu verhängen. Der Me­tall- und Medienunternehmer Usmanow, der sich vor vier Jahren einen Youtube-Schlagabtausch mit Nawalnyj lieferte, besitzt Villen am Tegernsee, er hat die einst Putin-kritische Zeitung Kommersant gezähmt, zu­gleich ist er einer von Russlands größten Kunstsponsoren, fördert au­ßer der Tretjakow-Galerie das Mu­seum für zeitgenössische Kunst „Garage“, aber auch die junge Szene in den Re­gionen. Wie politische Repression und Mäzenatentum dialektisch zu­sammengehen, vergegenwärtigt auch die Romantik-Ausstellung, indem sie zeigt, dass der reaktionäre Zar Nikolai I. wichtige Werke des damals zeitgenössischen Caspar Da­vid Friedrich für die Eremitage er­warb.

So fügen sich die zeitgenössischen Werke organisch in die Schau, sie künden jedoch von unterschiedlichen so­ziokulturellen Erfahrungen, wie das Künstlergespräch zeigt, das – wie bril­lante Vorträge über romantische Philosophie, romantisches Ballett, gar romantische Politik – auf dem You­tube-Kanal der Tretjakow-Galerie abrufbar bleibt. Dort be­kennt der Fotokünstler Wolfgang Tillmans, der eine Ozeanstudie beisteuerte, er verdanke seine Freiheit früheren Generationen und dass das Freiheitsstreben der Sechzigerjahre he­donistisch gewesen sei.

Der Moskauer Aktionskünstler Andrej Kuskin findet hingegen, der Mensch sei nicht frei, denn die Gesellschaft versuche ihm ihre Regeln zu diktieren. Das zeige das Schicksal des von ihm ge­schätzten romantischen Malers Grigori Soroka (1823 bis 1864), von dem eine elegisch beleuchtete Sommeridylle in der Schau hängt. Soroka war ein leibeigener Künstler, dessen Guts­­herr sich weigerte, ihn freizulassen, weshalb er sich erhängte. Das Vi­­deo von Kuskins Performance „Im Kreis“, wobei er durch sich härtenden Beton stapft, veranschaulicht den quälenden Rondocharakter der russischen Geschichte. Nach solch einer Aktion, sagt Kuskin, fühle er sich freier.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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