Archiv und Gedächtnis

Das Vergangene ist nicht einmal vergangen

Von Paul Ingendaay
15.07.2021
, 09:22
„Beweismittel“: Montage des Künstlers Eduardo Molinari auf der Grundlage des Reiterstandbilds des Generals Julia Argentino Roca
Künstler erschaffen ihre eigene Welt: Eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste über Archiv, Erinnerung und historisches Gedächtnis.

Acht Monate vor seiner Wahl zum amerikanischen Präsidenten, im Frühjahr 2008, zitierte Barack Obama in einer vielkommentierten Rede über die Rassenbeziehungen in seinem Land zwei Sätze William Faulkners: „The past isn’t dead and buried“, sagte er. „In fact, it isn’t even past.“ Obamas Redenschreiber hatten allerdings nicht genau recherchiert. Das Zitat aus „Requiem für eine Nonne“ (1951) lautet knapper und härter: „The past is never dead. It’s not even past.“ Faulkner, der Schöpfer einer „mythisch“ genannten Literaturlandschaft im Bundesstaat Mississippi, fand damit eine Formel für das Fortbestehen historischer Erinnerung (und rassistischer Ressentiments) im alten Süden.

Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen: Auch die Berliner Akademie der Künste zitiert die berühmten Sätze korrekt, aber ohne Zuschreibung in ihrer Ausstellung „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“, und sie tut es im Zusammenhang mit Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“ (1976), der ebenso der Beschreibungsversuch einer Kindheit wie auch ein Reflex auf das Problem der Suche selbst ist. Die Vergangenheit spricht nicht aus sich, sie spricht nicht klar, und schon gar nicht liefert sie Eindeutigkeit; sie muss befragt, gewogen, durchlöchert werden. Wolfs Notizen, die sich im Depot der Akademie befinden, gehören zu den vielen Zeugnissen von Künstlern, Schriftstellern und Komponisten, die den Themenkomplex Gedächtnis, Erinnerung und Archiv in staunenswerter Fülle ausbreiten.

Hier erhält auch Obamas ungenaues Faulkner-Zitat wieder seinen Sinn. Denn nicht von ungefähr fügte der Kandidat den Sätzen des Nobelpreisträgers das Wort „buried“, begraben, hinzu. Rekonstruktion der Geschichte als „Grabung“, in der Archäologie eine Selbstverständlichkeit, ist ein Topos, dessen moderne Faszination auf Walter Benjamins Aufsatz „Ausgraben und Erinnern“ von 1932 zurückgeht. Patengleich stehen Benjamins Sätze zur Methode hinter der Berliner Ausstellung. Es sei nützlich, heißt es dort, beim Graben nach Plänen vorzugehen, doch ebenso unerlässlich sei „der behutsame, tastende Spatenstich in’s dunkle Erdreich“. Der Grabende selbst mit seinen Vermutungen und Irrtümern ist Teil der Unternehmung. Wahre Erinnerung müsse deshalb nicht nur jene Schichten betreffen, in denen die Fundobjekte lagen, „sondern jene andern vor allem, welche vorher zu durchstoßen waren“.

Gedächtnis des Körpers, Archiv der Meere

Sagen wir es klar: Das sind wir, hier und heute. Die Berliner Schau beschäftigt deshalb nahezu alle Sinne. Lässt man sich hineinziehen, bleibt man leicht drei Stunden. Eigens geschaffene Arbeiten von Alexander Kluge, Cemile Sahin, Ulrike Draesner und anderen führen vor, wie Erinnern und Bewahren in verschiedenen Köpfen funktioniert. Die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz etwa hat dazu 1001 Hüllen alter VHS-Filmkassetten in schwarzes Polypropylen eingeschweißt, so dass von den früheren Titeln nur noch ein einziges Wort stehenblieb – ein Digest eingesperrten Filmmaterials und zugleich ein Verweis auf Scheherazade und den Zwang des Weitererzählens. Eine Installation des Argentiniers Eduardo Molinari, ein paar Schritte weiter, geht den Spuren der indigenen Mapuche nach, die durch Genozid aus der Geschichte des Landes gelöscht wurden, während sich die Französin Cécile Wajsbrot mit dem Exil bei Imre Kertész beschäftigt und die deutsche Künstlerin Susann Maria Hempel über verseuchte Meere und verschluckte Plastikteile im Menschen nachdenkt: Auch der Mageninhalt ist eine Form des Archivs.

Die Rekonstruktion des eigenen Familienzusammenhangs im Licht von Verlust und Zerstörung hat den polnischen Bildhauer und Videokünstler Mirosław Bałka zu einer tranceartigen Audio-Performance getrieben: Der Besucher stülpt den Kopfhörer über und hört der Stimme eines polnischen Mannes zu, der sich langsam und in gleichbleibend ruhigem Ton durch einfache deutsche Sätze tastet. „Wie heißt dein Bruder? Wie heißt deine Schwester? Wen liebt ihr? Wer liebt euch? Wer ist der Großvater? Wer ist die Großmutter?“ Je länger man dabeibleibt, desto mehr wird das vorsichtige Deutsch zu einem eigenen Idiom, in dem Nähe und Fremdheit nebeneinander herlaufen. Ein ebenso bewegendes Dokument des Festhaltens liefert der Regisseur Robert Wilson, der eine Freundin, die japanische Tänzerin Suzushi Hanayagi, erst nach deren Demenzerkrankung wiedersah und nur noch durch Gesten des Tanzes an Erinnerungen der früheren Mitarbeiterin herankam. Hanayagis Körper bewahrte noch etwas davon, was der Geist längst verloren zu haben schien. Wilsons Videoporträt von 2009 wird immer zu diesem intensiven, dem Tanz geweihten Leben hinzugehören.

Wir wollten Globalisierung - nun haben wir sie

Der Begriff „Vergangenheitsbewältigung“ kommt in der Ausstellung nicht vor. Niemand glaubt mehr, das Vergangene lasse sich erledigen. In diesem Sinn wäre Bewältigung nur ein netteres Wort für Schlussstrich, Desinteresse und machtbefestigte Arroganz. Tatsächlich lässt sich ja argumentieren, die Gegenwart habe das Potential von Deutungsgeschichten – und den daraus erwachsenden gesellschaftlichen Folgerungen und Forderungen – so verallgemeinert, dass keine Vergangenheitsspur mehr davor sicher ist, nicht das Denkmal, das geraubte oder bewahrte Kunstwerk, nicht Straßen- oder Produktnamen. Zusammen belegen die hier gezeigten Zeugnisse: Das Festhalten an vertrauten Lesarten von Geschichte und Tradition kann ebenso simplifizierend sein wie das geläufige Maulen über die zunehmende Zahl von Identitätserzählungen aus postkolonialer Sicht. Wir wollten Globalisierung, nun haben wir sie.

Neben die neuere Kunst treten in Berlin die Schätze aus dem Archiv, die Nachlässe von Käthe Kollwitz oder Heinrich Vogeler, Walter Kempowski und Heiner Müller. Edgar Reitz‘ Produktionstagebuch zum Filmepos „Heimat“ ist ebenso zu besichtigen wie eine Auswahl der „clippings“ von George Grosz oder das kleine Häufchen Dinge aus dem Krieg, das Uwe Timm zum Schreiben seiner autobiographischen Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“ (2003) angeregt hat.

Empfehlen kann man am Ende nur allen, die es noch nie getan haben, sich mit den Zeugnissen aus der Geschichte der Akademien selbst (Ost und West) zu beschäftigen. Gerade durch einen Blick in die Korrespondenz der vielen Akademiemitglieder, die politische Debatten, den fallweisen Opportunismus und die Betonköpfigkeit der Institution dokumentieren – nicht immer dort, wo man sie vermutet hätte –, weitet sich die Ausstellung ins Größere: Die Akademie, die das Ausgraben thematisiert, setzt auch bei sich selbst den Spaten an und überlässt es dem Urteil der Besucher, was man sich dazu denken soll. Ein großartiger Rundgang und zugleich dessen theoretischer Apparat und künstlerischer Metakommentar. Wer die Zeit hat, sich davon überschwemmen zu lassen, könnte euphorisch wieder auftauchen.

Berlin, Akademie der Künste: „Arbeit am Gedächtnis – Transforming Archives“.

Bis 19. September. Das exzellente Katalogheft ist in der Ausstellung kostenlos.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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