Fluchttagebuch aus Afghanistan

Wir hielten es für Propaganda

Von Anne Ameri-Siemens
28.08.2021
, 18:05
Aus der Fotoserie „Pearl in the oyster“ von Fatimah Hossaini.
Die Fotokünstlerin Fatimah Hossaini konnte in der letzten Woche Kabul noch verlassen – mit nicht viel mehr als ihrer Kamera. Sie dokumentierte ihre Flucht und ist verzweifelt über das, was die Taliban jetzt zerstören.

Wie ich mein geliebtes Land verließ, mit einem kleinen Koffer – nicht groß genug, um darin all meine Träume, Erinnerungen, meine Liebe unterzubringen und das, wofür ich hier gearbeitet habe. Worte können nicht beschreiben, wie ich mich fühle – tief in Trauer und mit gebrochenem Herzen“, schrieb die Fotokünstlerin Fatimah Hossaini auf Twitter, bevor sie letzten Mittwoch mit einem Evakuierungsflug Kabul verlassen konnte. Mithilfe der französischen Botschaft war es der in Teheran geborenen Afghanin gelungen, noch auszureisen – Ziel: Paris. Seit 2018 lebte Hossaini in Kabul, im Zentrum ihrer Kunst stehen afghanische Frauen und wie vielfältig deren Leben ist. Bevor sie nach Kabul zog, hatte Hossaini in Teheran ihr Studium als Wirtschaftsingenieurin und in Fotografie abgeschlossen und international als Künstlerin gearbeitet. Als Aktivistin setzt sie sich mit der von ihr gegründeten Mastooraat Art Organization für die Rechte von Frauen ein und für die Freiheit der Kunst. Fatimah Hossainis Fotografien der letzten Tage erzählen davon, wie ihre Normalität zerbricht – wie sie sich mit anderen Frauen vor den Taliban versteckt, wie sie Dokumente und Posts löscht, die Aufmerksamkeit auf sie lenken könnten, und wie sich die Stadt, in der sie gelebt hat, von Stunde zu Stunde verändert. Die Bilder sind das Tagebuch ihrer Flucht – und der Verzweiflung, in die das Land stürzt. (@HossainiFatimah https://fatimahosaini.com/)

Wie geht es Ihnen?

Ich bin erleichtert, in Sicherheit zu sein, und zugleich voller Sorge um die Menschen in Afghanistan. Insbesondere um die Frauen. Es war schockierend zu erleben, dass schon wenige Stunden nach der Machtübernahme der Taliban in Kabul Frauen auf der Straße bedroht und geschlagen wurden. Nicht nur sie – auch Männer, die versucht haben, durch die Straßenblockaden zum Flughafen zu gelangen. Die Taliban haben sie angebrüllt: Ihr seid Verräter, ihr wollt nach Amerika, dabei seid ihr Muslime. Die Gewaltbereitschaft sitzt ebenso tief wie der Hass. Und die Zivilgesellschaft hat Angst, furchtbare Angst. Es brauchte einige Anläufe, bis es mir gelang, zum Flughafen zu kommen. Der erste Taxifahrer, den ich kurz nach der Machtübernahme gerufen hatte, sagte mir: Eine alleinstehende Frau? Ich kann Sie nicht mitnehmen. Da hatten die Taliban schon die Straße zum Flughafen unter ihre Kontrolle gebracht.

Wie ist es Ihnen gelungen, Kabul zu verlassen?

Dank einiger Freunde und mithilfe der französischen Botschaft wurde ich letzten Mittwoch mit anderen Künstlerinnen und Fotojournalisten evakuiert. Vorher war ich einige Tage bei der Familie einer Freundin untergetaucht. Innerhalb weniger Stunden war es zum Risiko geworden, als Frau allein zu leben. Ich habe zudem alle Dokumente gelöscht, die darauf hinweisen, dass ich als Künstlerin arbeite und mich mit meiner Organisation Mastooraat Art für Kunst, Frauenrechte und Frieden einsetze. Einen Tag vor dem Evakuierungsflug kontrollierten Taliban das Haus meiner Freundin und fragten, ob Angehörige der Familie für die Regierung tätig gewesen seien – oder als Journalisten, als Künstler oder Aktivisten. Der Vater meiner Freundin sprach mit ihnen und verneinte. Das hat auch ihn in Gefahr gebracht.

Aus der Fotoserie „Burqa behind the steering wheel“ von Fatima Hossaini.
Aus der Fotoserie „Burqa behind the steering wheel“ von Fatima Hossaini. Bild: Fatima Hossaini

Warum haben Sie nicht versucht, Kabul schon früher zu verlassen?

Das ist von außen wahrscheinlich nicht leicht nachzuvollziehen. Während meiner Jahre in Afghanistan habe ich viel Taliban-Propaganda erlebt. Mir und auch den Menschen in meinem Umfeld war bewusst, dass sich die Situation für uns zuspitzt und wir Kabul verlassen müssen. Aber niemand hat geglaubt, dass sich die Machtübernahme innerhalb so kurzer Zeit vollziehen würde. Wir hielten es für Propaganda. Als ich versuchte, einen zivilen Flug nach Istanbul zu buchen, war es dann schon zu spät. Ich hatte gehofft, noch mehr tun zu können – für Menschen in meinem Netzwerk in Kabul, für andere Künstlerinnen und Journalisten. Deshalb hatte ich meine Abreise hinausgezögert.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ berichtet, dass seit der Machtübernahme der Taliban die einflussreichsten afghanischen Rundfunkmedien angewiesen wurden, Video- und Audioaufnahmen mit Taliban-Propaganda zu senden, und rund 100 private Lokalmedien ihre Arbeit eingestellt hätten.

Viele Sender sind zudem gezwungen, Teile ihres Programms einzustellen, weil die Taliban ihnen befohlen haben, die Scharia zu respektieren. Die Machtübernahme war für mich bis vor Kurzem unvorstellbar; auch dass damit alles wegbricht, was innerhalb der afghanischen Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren aufgebaut wurde. Frauen hatten Zugang zu Bildung, zum Gesundheitswesen. Viele Freunde und Bekannte in meinem Umfeld haben im Ausland studiert und sind nach Kabul zurückgekehrt, um hier zu arbeiten und bewusst zum gesellschaftlichen Leben beizutragen.

Ihre Fotografien erzählen davon, wie vielfältig das Leben von Frauen in Afghanistan ist.

Wenn man anfängt, über Frauen in Afghanistan zu recherchieren, stößt man meist auf Berichte über die Scharia, über Gewalt gegen Frauen, Frauenarmut. Mir ging es darum, ein Zeichen zu setzen, dass das nicht das ganze Bild ist – aber dass die Welt afghanische Frauen vor allem durch diesen Filter sieht. Ich wollte keine Opfer zeigen.

Aus dem Fluchttagebuch von Fatima Hossaini. Auf Twitter schrieb sie: „The last days in Kabul while we, four friends, Afghan women journalists, were hiding ourselves in d house. we were deleting our posts & profiles & whatever we achieved over past two decades. Taliban fighters were outside & patrolling d area. Feeling broken & traumatized. Aug 18“
Aus dem Fluchttagebuch von Fatima Hossaini. Auf Twitter schrieb sie: „The last days in Kabul while we, four friends, Afghan women journalists, were hiding ourselves in d house. we were deleting our posts & profiles & whatever we achieved over past two decades. Taliban fighters were outside & patrolling d area. Feeling broken & traumatized. Aug 18“ Bild: Fatima Hossaini

Und doch gibt es alles, was Sie eben beschrieben haben: die Unterdrückung, die Armut.

Es gibt aber auch Selbstbewusstsein, individuelle Wege und Schönheit. Es gab – muss man sagen – Frauen wie mich, die allein in Kabul lebten, die arbeiteten und sich für Frieden und unsere Rechte einsetzten. Natürlich wollte ich die Unterdrückung von Frauen nicht ausblenden. Meine Fotografien thematisieren auch, wie grausam die Schönheit afghanischer Frauen oft verborgen ist. Eine Frau in Afghanistan zu sein ist nie einfach. Und wenn es um Kunst geht und Sie eine afghanische Künstlerin sind, verdoppeln sich die Herausforderungen. Aber in den letzten zwanzig Jahren haben mehr und mehr Frauen ihren Weg gefunden, trotz gesellschaftlicher Hürden gingen sie mit Selbstbewusstsein durch die Straßen von Kabul. Sie arbeiteten. Sie haben eine Meinung. Meine Bildsprache sollte dieses Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen und sich absetzen von Fotografien, die man wohl intuitiv mit Afghani­stan verbindet: von Kriegsreportagen.

War das der Grund, warum Sie 2018 nach Kabul gezogen sind?

Ja. Ich hatte als in Teheran geborene Künstlerin international gearbeitet und ausgestellt – etwa in Japan, China, Österreich, Albanien, Dänemark, Schweden. Wann immer das Gespräch darauf kam, dass meine Familie aus Afghanistan stammt, war ich mit dem Filter konfrontiert, den eben angesprochenen Themen. Ich wollte durch meinen Umzug gesellschaftlich etwas in Afghanistan verändern, vor allem für die jüngere Generation. Und es ging mir auch um die Auseinandersetzung mit meiner Identität. Was nehme ich von außen auf? Was definiert mich, mein Selbst? Diesen Fragen nachzugehen war letztlich wichtiger als alle Überlegungen, ob ich in Kabul sicher wäre.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert, Ihre Familie?

Sie waren überrascht, auch besorgt. Als Frau ist das Leben in Teheran ja auch nicht immer einfach, aber Schwierigkeiten hat man dort – aus meiner Erfahrung – nur mit Regierungsvertretern und nicht mit der Gesellschaft, mit Männern. In Afghanistan ist das ganz anders. Dass ich als Frau an der Universität von Kabul unterrichtete, war für viele Männer eine vollkommen neue Situation. Oder ein anderes Beispiel: Um Frauen in Kandahar zu fotografieren, musste ich nicht nur mit den Familienältesten diskutieren, sondern mit allen männlichen Verwandten. Aber es hat etwas in ihrer Wahrnehmung verändert, dass eine Frau zu ihnen kommt und sagt: Ich möchte die Frauen in eurer Familie fotografieren. Ich wollte zeigen: Frauen sind sichtbar, ihr Beitrag zum gesellschaftlichen Leben ist wertvoll – und ich will natürlich auch, dass die Welt das sieht. Es war – zumindest eine Zeit lang – die Normalität von immer mehr Frauen in Afghanistan, dass sie sichtbar waren, dass ihre Stimme gehört wurde und sie Einfluss auf das öffentliche Leben genommen haben. Durch die Taliban wird das zerstört: jeder Beitrag, Frauenrechte zu stärken und Männer zum Nachdenken zu bringen. Ich erhalte täglich Nachrichten von Freundinnen und Freunden aus Kabul, die verzweifelt sind.

Aus der Fotoserie „Pearl in the oyster“ von Fatima Hossaini.
Aus der Fotoserie „Pearl in the oyster“ von Fatima Hossaini. Bild: Fatima Hossaini

Die Taliban haben in den Verhandlungen mit der Bundesregierung zugesagt, dass Afghanen auch nach dem US-Truppenabzug das Land verlassen dürfen. Das machte der deutsche Verhandlungsführer Markus Potzel öffentlich – nach Gesprächen mit dem Vizechef des politischen Büros der Taliban in Qatar, Schir Mohammed Abbas Staneksai.

Ich wünsche und hoffe, dass es so kommt. Aber ich kann den Taliban nicht vertrauen. Ich habe ja mit eigenen Augen gesehen, wie Menschen bedroht und geschlagen wurden, die zum Flughafen wollten. Und selbst wenn die Taliban-Führung sagt, auch nach dem US-Truppenabzug dürfen Afghanen weiterhin ausreisen, ist doch nicht sichergestellt, dass sie die dafür notwendigen Papiere erhalten oder dass sie wirklich alle Kontrollstützpunkte passieren dürfen, die in so kurzer Zeit errichtet wurden. Unterdrückung bedeutet immer auch Willkür. Ich kann nur hoffen, dass sich die westlichen Regierungen und Organisationen nachhaltig für die Menschen in Afghanistan einsetzen. Was dennoch bleibt – unwiederbringlich –, ist die Lücke, die schon jetzt in der afghanischen Gesellschaft klafft. Die Unternehmer, Ärzte, Künstler, all jene, die etwas zum Aufbau beitragen wollten und eine freie Geisteshaltung leben und das Land jetzt verlassen oder versuchen werden, es zu verlassen, sind ja nicht zu ersetzen.

Sie sagten vorhin, dass die Welt sehen soll, wie vielfältig das Leben von Frauen in Afghanistan war. Werden Sie die Fotoreihe, an der Sie in den letzten Jahren gearbeitet haben, ausstellen?

Ich habe im Herbst eine Ausstellung in New York geplant, aber um ehrlich zu sein, kann ich gerade noch gar nicht sagen, welche der Bilder ich dort zeigen werde. Ich habe viel in Kabul zurücklassen müssen. Mehr als meine Kamera und natürlich einiges, was ich digital gespeichert habe, konnte ich nicht mitnehmen. Das bricht mir das Herz. Zugleich bin ich dankbar, dass ich hier in Paris in Sicherheit bin, weiterhin als Künstlerin tätig sein und Menschen durch meine Kunst zusammenbringen kann.

Wo werden Sie künftig leben?

Ich stelle mich darauf ein, dass ich nun erst einmal hierbleiben werde und mein Leben neu aufbaue. Ich werde mich weiterhin als Aktivistin für Frauenrechte einsetzen und für die Frauen in Afghanistan. Aber natürlich macht es einen immensen Unterschied, ob man vor Ort ist und Menschen mit seiner Arbeit und schlichtweg durch seine Anwesenheit berührt – oder ob man im Ausland darüber spricht. Die Straßen von Kabul sehen jetzt anders aus. Frauen gehen hier nicht mehr selbstbewusst entlang, stattdessen patrouillieren dort Taliban auf Motorrädern.

Quelle: F.A.S.
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