Toyen-Retrospektive in Hamburg

Eine Königin des Unbewussten

Von Alexandra Wach
25.10.2021
, 22:24
Viele Jahrzehnte vor Banksy: 1943 malte Toyen „Im Schloss La Coste“.
Die Surrealistin Toyen taugte weder zur Muse noch zur Assistentin, sondern allein zur Künstlerin. In der Hamburger Kunsthalle ist die ganze Bandbreite ihres Schaffens zu bewundern, das allzu lange im Schatten männlicher Kollegen stand.
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Es gibt nur wenige Künstlerinnen aus dem Kreis des Pariser Surrealismus, deren Leben und Werk die neuen Möglichkeiten für Frauen widerspiegeln, die sich den herrschenden Rollenerwartungen nicht beugen wollten. Toyen gehört sicherlich an vorderster Stelle dazu. Ihre androgyne Erscheinung kannte man zwar von männerdominierten Gruppenfotos, hatte bisher aber kaum eine Vorstellung davon, welche Entwicklung sie über sechs Schaffensjahrzehnte hinweg genommen hat. Im Jahr 2000 war ihr in Prag eine erste monografische Ausstellung gewidmet. 2021 folgte die erste Retrospektive „TOYEN“ in der Nationalgalerie, die jetzt, noch vor Paris im Musée d’Art Moderne, mit rund dreihundert Exponaten eine Station in der Hamburger Kunsthalle macht.

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Das ist ein Glücksfall, denn Toyen hat zwar Deutschland nie besucht, wurde aber bereits 1924 von dem Dadaisten und Filmemacher Hans Richter als eines der Aushängeschilder der tschechischen Avantgarde wahrgenommen. In der Zeitschrift G: Material berichtete er von seiner Reise nach Prag und der „absolutistischen Herrschaft der schönen To­yen“. „Wir haben allen ihren Bildern“, schwärmte er, „die weder an Kraft noch an Feinheit hinter denen ihrer männlichen Kollegen zurückbleiben, dieses persönliche Werk vorgezogen.“ Die für die Zeitschrift bestimmte Reproduktion mit dem Titel „Un baiser par T.S.F.“ (Ein Kuss per drahtloser Telegrafie) zeigt von Toyen signierte Lippenabdrücke. Man Rays berühmtes Gemälde „À l’heure de l’Observatoire – Les Amoureux“ (In der Stunde des Observatoriums – Die Liebenden) der am Himmel schwebenden Lippen von Lee Miller entstand erst 1932.

Aber wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Die Spurensuche führt in die Gegenwart. Seit 1945 waren Tschechinnen gesetzlich verpflichtet, an ihren Nachnamen die weibliche Endung -ova anzuhängen. Sie signalisiert ein Besitzverhältnis, man ist entweder Tochter oder Ehefrau eines Mannes. Im Juni 2021 hat das Abgeordnetenhaus in Prag nun einer Gesetzesnovelle zugestimmt, die es Frauen erlaubt, zu wählen, ob sie sich in das Schicksal eines Anhängsels fügen wollen.

Für die 1902 geborene Marie Čermínová kam diese Option schon als Teenager nicht infrage. Mit siebzehn Jahren zog sie von zu Hause aus und gab sich den Künstlernamen Toyen – in Anlehnung an die männliche Form des in der Französischen Revolution politisch aufgeladenen Kampfbegriffs „citoyen“. Sie studierte an der Kunstgewerbeschule und trat dem Künstlerbund Devětsil bei, der gerade Kontakt zu den Pariser Surrealisten aufgenommen hatte. Auf einer kroatischen Insel lernte sie den Maler Jindřich Štyrský kennen. Sie zogen zusammen, unternahmen lange Reisen durch Europa, arbeiteten symbiotisch an Projekten – ohne jemals ein Liebespaar zu werden. Dass eines ihrer ersten Gemälde, „Polštář“ (Kissen) von 1922, Gruppensex zeigte, zeugt von dem Freiheitsstreben einer Nonkonformistin, die früh wusste, dass sie weder zur Muse noch Assistentin taugte. Die Kollegen fanden trotzdem Gefallen an dem Enfant terrible. Der Lyriker František Halas schrieb ihr gar die Widmung: „An Toyen, die aus einer magischen Gottespistole geschossen wurde, um Königin der Feuerschlucker an einer Traumküste zu werden.“ Zarte Motive mit Clowns und Akrobaten, im naiven Stil eines Henri Rousseau, wechselten sich am Anfang mit kubistisch inspirierten Gemälden ab.

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Mittler des Unbewussten

Hier beginnt in der Ausstellung der chronologisch aufgebaute Rückblick, flankiert von Vitrinen, die vor Dokumenten und Fotografien erfreulich überquellen. Als Toyen 1925 mit Štyrský nach Paris zog, hatte sie einen eigenen Kunststil im Gepäck, den das Gespann Artifizialismus nannte. Ursprünglich beschrieb der Psychologe Jean Piaget mit dem Begriff die Entwicklungsstufe eines Kindes. Bei Toyen und Štyrský stand in den fragilen Farbgedichten die Verschmelzung von Poesie und abstrakter Malerei im Zentrum. Die selbstbewusste Setzung zahlte sich aus: Ende 1925 waren sie schon in der Ausstellung „L’art d’aujourd’hui“ neben Max Ernst, Paul Klee und Joan Miró vertreten.

Die Begegnung mit André Breton konnte da nicht länger ausbleiben. Unter seinem Einfluss tauchten in den Gemälden dieser Phase Themen wie Gewalt und Tod, Furcht und Begehren, Nacht und Traum auf. Gegenstände oder Figuren fungierten als Mittler zwischen Realität und Unbewusstem. Man begegnet zerbrochenen Eiern und Augäpfeln oder immer wieder einem in Höhlen und über Wasser schwebenden Korsett. Die Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers stellt diese Werke, mitunter gemalt mit einer Mischung aus Farbe und Sand, Bildern von Max Ernst, Salvador Dalí oder René Magritte gegenüber, um den engen Austausch zu verdeutlichen.

Zurück in Prag, arbeitete Toyen als Illustratorin des gemeinsam mit Štyrský herausgegebenen Magazins Erotická revue, in dem erotische Texte von Charles Baudelaire oder Lord Byron erschienen. Sie lieferte auch Zeichnungen für den von Štyrský ins Tschechische übersetzten Roman „Justine“ des Marquis de Sade. Ihre schwarzhumorigen Annäherungen an das Kultbuch der Surrealisten zeigten Frauenfiguren, die auf einem Phallus tanzen. 1934 war sie schließlich als einzige Frau Mitbegründerin einer Prager Surrealisten-Abzweigung. Während der deutschen Besatzung tauchte die „entartete“ Künstlerin ab und versteckte ihren neuen Lebensgefährten Jindřich Heisler wegen seiner jüdischen Abstammung. Viele der jetzt auffällig düsteren Gemälde verwiesen auf die tödliche Bedrohung, wie „Gefährliche Stunde“ (1942), das einen Reichsadler mit menschlichen Händen an einer mit Glassplittern umrandeten Mauer hocken ließ. In den Zyklen „Střelnice“ („Schießplatz“) und „Schovej se, válko“ („Versteck dich, Krieg“) wimmelte es von Traumlandschaften, in denen Skelette, Käfige und Minenfelder eine unheimliche Geschichte erzählten.

Da Toyen in der Stalin-Zeit Verfolgung befürchtete, zog sie mit Heisler 1948 endgültig nach Paris. Es entstanden Collagen und großformatige Gemälde, die sich in kraftvollen Farben der Sexualisierung des weiblichen Körpers widmeten. Er geriet unter ihrem Blick zur verführerischen Hülle, die sich erst auf den zweiten Blick als leer entpuppte. Übergroße Münder dominierten kleine Frauengesichter, einem Paar Frauenbeinen fehlten die Füße, und die Welt wurde umhüllt von einem fluoreszierenden Schleier.

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In den letzten Räumen spürt die Schau der inneren Intensität nach, mit der Toyen zuletzt das Thema der Metamorphose durchdeklinierte. Einfall folgte auf Einfall, auch wenn ihr die Auflösung der Pariser Surrealisten-Gruppe 1969 den Boden unter den Füßen entzogen hatte. Die männlichen Vertreter hatten da längst ihre Position zementiert. Die Frauen verschwanden im Orkus der kunsthistorischen Unsichtbarkeit. Das gilt auch für Toyen, die ihre letzten Jahre in Armut verbrachte. Umso mehr rührt es an, ihr Werk in dieser überwältigenden Fülle wiederentdecken zu können. Das liegt auch an der gelungenen Hängung in abgedunkelten Räumen. Eine sinnliche Erfahrung, fortgeführt von einem hervorragenden Katalog. Er macht Lust auf den kurzen Höhenflug einer Provokateurin, die spätestens in der zweiten Hälfte ihres Schaffens eine eigene Bildsprache fern der üblichen Ismen entwickelte. Diese souveränen Schritte ins Unbekannte zum ersten Mal zu sehen macht sprachlos.

Toyen. In der Kunsthalle, Hamburg; bis zum 13. Februar 2022. Der Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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