Antrag auf Weltkulturerbe

Späte Anerkennung

Von Stefan Trinks
23.07.2021
, 22:20
Wer einen Gottesacker anlegt, der bleibt: Der jüdische Friedhof von Mainz ist der größte des Mittelalters im aschkenasischen Kulturkreis
Wer einen Friedhof anlegt, will bleiben: Die jüdischen SchUM-Stätten Speyer, Mainz und Worms hoffen auf den Eintrag ins Goldene Buch des Weltkulturerbes.

Wer Adolph Menzels Bild des jüdischen Gottesackers zu Prag liebt, wird auch jene Friedhöfe in Mainz und Worms pittoresk finden. Auf dem Wormser Friedhof finden sich noch mehr als 2500 jüdische Grabmale vom elften bis zum zwanzigsten Jahrhundert, eine weltweit einzigartig dichte Chronik jüdischer Diaspora. Mit dem vielen Grün zwischen den Stelen wirkt er wie ein Feld voller Menhire in der Bretagne. Viele weitere jüdische Zeugnisse prägen bis heute und trotz der Nationalsozialisten das Bild: In ländlichen Gemeinden hängen an Gaststätten bis heute kunstvoll geschmiedete Auslegerschilder mit goldenen Davidsternen, Zeichen für das Privileg der Braukunst.

Bisweilen kommt es also zu bewussten oder unbewussten Verklärungen, wenn es um Jüdisches in Deutschland geht. Heutzutage wird das verwinkelt Enge und Windschiefe der Josefov-Judenstadt von Prag oder des Goldenen Gässchens, in dem Kafka zwischen 1916 und 1917 lebte, biedermeierlich idyllisiert. Zur Erbauungszeit waren die häufig durch eigene Mauern segregierten und räumlich über die Jahrhunderte nur selten ausgeweiteten Judenviertel, von denen in fast jeder deutschen Stadt noch der Straßenname „Judengasse“ zeugt, aus reiner Platznot dicht an dicht bebaut. Auch die vielfach halb im Boden versunkenen oder wie sich Umarmende aufeinander zugefallenen Grabsteine der jüdischen Friedhöfe in Deutschland wirken oft nur aufgrund jahrelanger Vernachlässigung so verwunschen und malerisch.

Am dichtesten erhalten sind mittelalterlich jüdische Zeugnisse in Speyer, Mainz und Worms. Die drei Rheinstädte bilden die sogenannten SchUM-Stätten, was sich aus den Anfangsbuchstaben der mittelalterlichen hebräischen Städtenamen Schpira, Warmaisa (wie ein U gesprochen) und Magenza zusammensetzt. Staatliche Stellen und die Jüdische Gemeinde von Mainz haben seit 2004 an dem Antrag für die Aufnahme als Weltkulturerbe gearbeitet, ihn 2020 eingereicht und hoffen auf den Eintrag ins Goldene Buch des Weltkulturerbes. Seit der Spätantike gibt es hier jüdisches Leben – für Mainz sind urkundliche Nennungen aus dem zehnten Jahrhundert erste Zeugnisse, und hier wurde wohl schon um 900 eine Synagoge gebaut. Im Mittelalter wären die Städte ohne jüdisches Leben nur halb so lebendig, gelehrt, international vernetzt – und wohlhabend – gewesen.

Thron der Weisheit: Der Raschi-Stuhl in der Jeschiwa im Synagogenhof Worms
Thron der Weisheit: Der Raschi-Stuhl in der Jeschiwa im Synagogenhof Worms Bild: Stefanie Hahn

Die drei jüdischen Gemeinden an der Handelsader Rhein waren Zentren religiösen und kulturellen jüdischen Lebens nördlich der Alpen („Aschkenas“). Um 1220 gründeten sie durch die gemeinsame Verabschiedung von Gemeindesatzungen, die Historikern bis heute als „Satzungen der Gemeinden von SchUM“ (Takkanot Kehillot SchUM) bekannt sind und die jüdische Kultur, Religion und Rechtsprechung in der Diaspora prägten, einen Verbund. Aus all diesen drei Bereichen haben sich in den drei SchUM-Stätten herausragende bauliche Zeugnisse vor allem des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts erhalten: die jeweiligen Synagogen und Friedhöfe für die Religion, die „Frauenschuln“ als Beträume für Frauen, die im dreizehnten Jahrhundert erstmals in den SchUM-Gemeinden fassbar sind, und die „Mikwaot“ für die Ritualbadkultur sowie die „Jeschiwot“ als Lehr- und Lernhäuser. Die SchUM-Stätten waren aber auch integraler Bestandteil aller drei mehrheitlich christlichen Stadtgesellschaften, trotz vieler Rückschläge, die es etwa durch verheerende Pogrome und damit einhergehende Vertreibungen wiederholt gab.

Ein erstaunliches Dokument hat sich vom Speyerer Bischof und Stadtherrn Huzmann aus dem Jahr 1084 erhalten: „Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreifaltigkeit. Ich, Rüdiger, mit Beinamen Huzmann, Bischof von Speyer, glaubte in meinem Bestreben, aus dem Dorf Speyer eine Weltstadt zu machen, die Ehre unseres Ortes durch Ansiedlung von Juden noch mehr zu heben.“ Diese zugegeben selten weitreichende Integration hatte im mittelalterlichen Speyer konkrete Auswirkungen: Die Juden hatten Handelsfreiheit sowie das Recht, Grundbesitz zu erwerben und einen eigenen Friedhof anzulegen. Der planmäßig konzipierte Komplex um die Speyerer Synagoge wurde zusammen mit der Stadterweiterung um 1080/90 ausgeführt, und an der monumentalen, elf Meter tief in den sandigen Untergrund geschachteten Mikwe waren wohl Mitglieder der Dombauhütte beteiligt.

Stilistisch gut vergleichbar zeigt dieses älteste Ritualbad von etwa 1110/20 fast dieselben romanischen Würfelkapitellformen wie der ab etwa 1080 errichtete salische Kaiserdom. Doch wollte man sich offenbar in der nach dem Dom errichteten Mikwe-Anlage unterscheiden: Einzigartig ist die gefundene Lösung unter einem der Würfelkapitelle der Mikwe: Verdreifacht ist hier der sogenannte „Halsring“, auf dem das Haupt, eben Kapitell (vom Lateinischen „caput“), aufruht; die drei gestaffelten Schaftringe wirken wie die pulsenden Stromringe bei der Roboterfrau im Film „Metropolis“. Kunsthistorisch interessant ist, dass alle in den SchUM-Synagogenanlagen eingesetzten salischen und staufischen Stilformen später im Historismus des neunzehnten und noch des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zum verbindlichen Baustil für alle weiteren Synagogen wurden.

In elf MeternTiefe: Mikwe in Speyer,um 1120
In elf MeternTiefe: Mikwe in Speyer,um 1120 Bild: Stefanie Hahn

Und die erhaltenen Mikwen in Speyer — die älteste mit schriftlich fixiertem Ritualablauf überhaupt —, aber auch in Worms sind Meisterleistungen des Tiefbaus, weil sie als Voraussetzung für die erwünschte rituelle Reinheit Zugang zu fließendem Quellwasser haben mussten. Daher waren diese Wasserbecken tief in den Untergrund getrieben worden, mit piranesihaft verwinkelten Treppengängen und Säulenabstützungen nach unten, wie dies auch bei den Bädern in Jerusalem der Fall war. Jede Mikwe konnte die jeweilige jüdische Diaspora dergestalt wie die Heiliggrab-Anlagen der christlichen Kirchen auch baulich an den zentralen Bezugspunkt Jerusalem rückbinden.

In Worms, dessen Synagogenbezirk vor 1034 errichtet wurde, steht auch das Raschi-Haus, benannt nach dem 1040 im französischen Troyes geborenen Rabbi Schlomo ben Jizchak, der als bedeutender Gelehrter der SchUM gilt. Sein aufwendig mit Rundbogenabschluss und kannelierten Armlehnen gestalteter „Raschi-Stuhl“ in der Jeschiwa aus rotem Sandstein könnte auch Raschi-Thron genannt werden, wirkt er doch majestätisch monumental wie der ottonische Kaiserthron in Aachen. Deutlich wird an dieser Würdeform die zentrale Stellung von Bildung und Lehre im jüdischen Leben, paneuropäisch einen in Frankreich geborenen Gelehrten nach Worms bringend. Ebenso befindet sich in Worms die erste bekannte jüdische Frauenschule Europas aus dem dreizehnten Jahrhundert. In Speyer sind von der ebenfalls romanischen Frauenschule noch ein doppelbögiges Biforiums-Fenster und ein Hörfenster zu sehen.

In der Kurzform des Antrags heißt es: „Die SchUM-Stätten Speyer, Worms und Mainz bilden ein unvergleichliches Spektrum jüdischer Gemeindezentren und Friedhöfe aus dem 10. bis 13. Jahrhundert, die die kulturellen Leistungen europäischer Jüdinnen und Juden in der Formationsphase des aschkenasischen Judentums bezeugen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass es nach all dem Leid, das Juden in ganz Europa und am stärksten in Deutschland zugefügt wurde, ein sehr gutes Zeichen und eine Anerkennung der Phasen gedeihlichen Zusammenlebens in ein und denselben Gemeinden wäre.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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