Performance-Kunst aus Asien

Ameise unter Beobachtung

Von Kerstin Holm, Moskau
28.09.2021
, 22:40
Chor der Versehrten: Kittel aus der Serie „Nibbling“ von Sun Furong
Demokratie am Körper: Die Moskauer Garage zeigt die Arbeiten von Performance-Künstlern aus Europa und Asien. Ihr Thema ist der Umgang mit einer herausfordernden und leidvollen Zeit.

Das Moskauer Garage-Museum für Zeitgenössisches zeigt derzeit eine Retro­spektive von Performance-Kunst, die dem Umgang mit der oft erlittenen Zeit gewidmet ist. Unter dem Motto „Arbeit des Geistes“ beziehungsweise auf Russisch „Dienst an der Zeit“ sind – oft auf Video oder Fotos dokumentiert – vierzig Arbeiten vor allem ostasiatischer Künstler, aber auch mitteleuropäischer sowie solcher aus diversen postsowjetischen Ländern zu sehen.

Ei­nen Saal füllen die Erzeugnisse des Exerzitiums „Mantras der Sowjetunion“ des über die gesamte zentralasiatische Region ausstrahlenden Künstlers Wjatscheslaw Achunow. Schon seit mehr als vierzig Jahren reproduziert der heute 73 Jahre alte Achunow, der im usbekischen Taschkent lebt, auf Archivakten, Leinwänden, Klassenbüchern Bild­kli­schees des Sowjetstaates wie Fotos von Lenin-, Marx- und Kirowstatuen; den übrigen Bildraum füllt er mit handschriftlichen Ex­zerpten aus kommunistischen Lehrbüchern und lässt das Ganze im Weißraum von Papier wie im Sand versinken. Die für ihre Ausdaueraktionen be­kannte indonesische Künstlerin Melati Suryodarma präsentiert ein Video ihrer Performance „Alé Lino“, in der sie stundenlang auf einem Podest stand, den Solarplexus auf einen vier Meter langen Pfahl gelehnt. Nach drei Stunden soll sich der angestrebte Zustand der Leere bei ihr eingestellt haben.

Umfassende Kontrolle

Aus Peking hat die Künstlerin Sun Furong hundert mit der Schneiderschere versehrte Arbeits- und Militärkittel auf Metallbügeln aus ihrer Langzeitarbeit „Knabbern“ („Nibbling“) nach Moskau geschickt. Sun Furong, die während der Kulturrevolution aufwuchs, vergegenwärtigt mit den obligatorischen Uniformen jener Epoche, die oft zu Hause genäht und immer wieder geflickt wurden, den damaligen Mangel und Zwang. Indem sie die historischen Textilien über längere Zeit hinweg durch Schnitte ramponiert, so dass sie ans Federkleid todgeweihter Vögel erinnern, vollzieht sie einen Akt des Exorzismus, veranschaulicht aber auch die Verletzungen ihrer Generation sowie dadurch hervorgerufene Aggressionen.

„Ein Meter Demokratie“: Der Performance-Künstlers He Yunchang ließ sich ohne Anästhesie einen Schnitt vom Schlüsselbein bis unters Knie beibringen, den er Lebenslinie nannte.
„Ein Meter Demokratie“: Der Performance-Künstlers He Yunchang ließ sich ohne Anästhesie einen Schnitt vom Schlüsselbein bis unters Knie beibringen, den er Lebenslinie nannte. Bild: Museum Garage

Der Chinese Zhou Bin zeigt in Aufnahmen seiner 2009 entstandenen Aktion „Following“, wie er auf dem Tiananmen-Platz über anderthalb Stunden eine zwischen den Pflastersteinen her­umeilende Ameise beobachtete und dadurch die Aufmerksamkeit von Polizisten auf sich zog. Das nie ruhende Insekt erscheint als Bild für den aufopferungsvollen Fleiß des chinesischen Volkes, das beobachtet wird von einem Wesen, welches es leicht zerdrücken könnte, das freilich selbst unter Beobachtung steht. Wo der Mensch so umfassend kontrolliert wird wie in China, bleibt bisweilen als einzige Möglichkeit des Protests die Verletzung des eigenen Körpers.

Ein Beispiel ist die radikale Aktion „Ein Meter Demokratie“ des Performance-Künstlers He Yunchang von 2010. He Yunchang ließ sich ohne Anästhesie einen meterlangen chirurgischen Schnitt vom Schlüsselbein bis unters Knie beibringen, den er Lebenslinie nannte. Zuvor hatte er 25 Zuschauer abstimmen lassen, ob die Operation vollzogen werden sollte, und alle, auch die dagegengestimmt hatten, verpflichtet, dabei zuzuschauen. Wie viel Zukunftsbemächtigung spricht umgekehrt aus den frühen Aktionen der italienischen Künstlerlegende Gino De Dominicis, womit er die verrinnende Zeit zu transzendieren suchte. Da De Dominicis selbst es nicht schaffte, fliegen zu lernen, beauftragte er seine Nachkommen, seine utopische Mission weiterzuführen.

Spirit Labor / Dienst an der Zeit. in der Garage, Moskau; bis zum 30. Januar 2022. Das englischsprachige Begleitheft ist kostenlos.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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