„Distant Bodies“ im Nachtclub

Wenn Musikvideos Kunst werden

Von Elena Witzeck
10.07.2021
, 21:11
Ein Still aus Ryan McGinleys Video zu  „Varúð” von Sigur Rós, 2012
Für Nostalgiker und Demokraten: In Frankfurt öffnen Nachtclubs, um Videokunst aus den letzten zwanzig Jahren zu zeigen.

Der Mainzer Nachtclub Red Cat war multimedial. Über der Bar hing der alte Fernseher, dort liefen Schwarz-Weiß-Filme. Selbst wenn man direkt davor stand, musste man ganz genau aufpassen, um auf dem winzigen Bildschirm zu erkennen, was vor sich ging. Oft schienen sich die Schauspieler im Takt der Musik zu bewegen.

Auf der Tanzfläche, direkt neben dem DJ-Pult, stand der Monitor mit dem Raumschiff-Computerspiel, der immer besetzt war. Nachbartänzer konnten dort beobachten, wie sich die Leute im Weltraumkampf schlugen und welche Wechselwirkung aus Klang und Bewegung sich mit dem Programm des Mainzer Star-DJs Psycho Jones ergab.

Im letzten Raum des Gewölbes, der eigentlich der Anbahnung von neuen Bekanntschaften diente, liefen manchmal Musikvideos auf einer Leinwand. Meistens war wenig zu erkennen, weil die Leuchtkraft des Beamers nicht ausreichte oder jemand davor tanzte. Hin und wieder schienen sich Sadé oder Jennifer Lopez die Ehre zu geben oder eine Indieband, über deren Namen dann lange diskutiert wurde, während sich die Sequenzen wiederholten. Das Video zum nächtlichen Tanz war ein einziger Dauerloop. Zu hören war aber immer die Playlist von Psycho Jones. Den später als Millennials bezeichneten Anfang Zwanzigjährigen im Raum kamen die flimmernd singenden Ikonen damals schon irgendwie retro vor. Dabei waren sie noch mit MTV aufgewachsen.

Wer in der Schulzeit etwas auf sich hielt, gab an, nachmittags ausschließlich Musikvideos zu schauen, nicht etwa die „Simpsons“ oder „Friends“. Legionen von Mädchen und jungen Frauen verglichen ihr Profil im Spiegel mit den Körpern von Madonna und Britney Spears, marschierten im Flur auf und ab wie in einer Flugzeug-Gangway und warteten darauf, dass Bauchfrei-Mode endlich familiär anerkannt würde. Die Filmsequenzen waren für damalige Verhältnisse rasant, die musikalischen Vorbilder verlässlich, man wollte wegen der White Stripes aus Detroit Schlagzeug spielen und wegen Avril Lavigne schwarz umrahmte Augen haben und bekam überhaupt nichts mit von den Referenzen der Filmkunstwerke, die sich auf MTV unter den Popkommerz mischten.

Zu sehen in der Schau „Distant Bodies, Dancing Eyes“: Laure Prouvost & Ciarán Wood, Leonard Cohen, „Moving On”
Zu sehen in der Schau „Distant Bodies, Dancing Eyes“: Laure Prouvost & Ciarán Wood, Leonard Cohen, „Moving On” Bild: Ryan McGinley

Youtube kam und mit der Plattform neue Videos. Sie veränderten sich, die Technik wurde besser, das Budget kleiner, VJs begannen die Clubs zu bevölkern, Musiklabels begannen neue Videos anzukündigen, als handelte es sich um Albumneuerscheinungen. Alles bekannt, Nostalgiker können es zum Beispiel in Martin Lilkendeys „100 Jahre Musikvideos“ nachlesen. Und je älter man wurde, desto weniger einprägsam schienen die musikalischen Filmgeschichten. Wenn man dann abends eine von denen wiedererkannte, die mit einem Ausnahmegefühl verbunden waren, „Everybody Hurts“ von REM vielleicht, Jake Scotts grandiose Momentaufnahme eines Staus auf einem Autobahnkreuz in Texas, die sich auf Fellini bezog, war zwar die Stimmung dahin, aber das Gefühl wieder da, und alle starrten gebannt auf diese perfekte Komposition aus Erzählung, Klang, Licht, Bewegung und Assoziation.

Da ist es doch etwas skurril, im Sommer 2021 in einem Club wie dem Frankfurter Gibson zu sitzen, der früher überquoll bis auf die Einkaufsstraße, und in der Tanzarena auf eine Handvoll Leute zu schauen, die allesamt ausgiebig auf ihre Impfsituation geprüft wurden. Musik von allen Seiten aus einer Anlage, die normalerweise Bässe durch den Raum und auf schlackernde Körper schleudert. Und dann auf einer riesigen Leinwand der Blick aus der Vogelperspektive auf New York, natürlich ist es New York mit seinen gelben Taxis, in diesem unvergleichlichen Licht. Über eine unwirklich leere Kreuzung in Manhattan hüpft ein Mädchen mit einer Perücke aus orangen Lamettalocken, und der Gesang schwillt an, und die Straßen, auf denen das Mädchen entlangläuft, werden voller und die Plätze belebter, und wenn der Sound es so will, hält alles ringsum an und lässt es hüpfend passieren.

Der Alkoholschrank leuchtet

Im Club ist sonst alles dunkel, nur der Alkoholschrank leuchtet und die Kassen, als warteten die Gibson-Mitarbeiter noch auf den großen Ansturm an diesem Abend. Kein Laut von den anderen Zuschauern, mit denen man diesen Moment der verspäteten Neunziger-Stimmung jetzt doch teilt und genießt, eine implizite Erlaubnis also, sich der Rührung über dieses Hüpfen und Aufgehobensein in der Metropole (New York, nicht Frankfurt), ihrer Schönheit und Verwandlung hinzugeben, auf dass er niemals ende.

Sigur Rós sind das, die isländischen Polarkreis-Gitarren-Elektroniker, die für ihr Mystery-Film-Experiment damals dem mit vielen Preisen ausgezeichneten New Yorker Fotografen Ryan McGinley alle Freiheit ließen, ihren Song „Varúð“ mit seiner Freundin als Protagonistin zu verfilmen. Im Jahr darauf war er auf den riesigen Bildschirmen am Times Square zu sehen, als Teil einer Veranstaltung namens „Midnight Moment“, wie es sie nur in New York geben kann. Das war 2013. So viel zum Niedergang des Musikvideos.

Loretta Fahrenholz, „Sketch Artist“, 2019
Loretta Fahrenholz, „Sketch Artist“, 2019 Bild: Galerie Buchholz, Berlin/Cologne

Die Kunsthalle Schirn hat also dafür gesorgt, dass 23 Videos von internationalen Künstlern für ein Wochenende in acht leeren Clubs gezeigt werden, länger nicht, weil der Aufwand doch erheblich scheint - von Coldplay über LCD Soundsystem bis Kanye West, politische oder dystopische oder verschrobene Musikfilme aus den letzten zwanzig Jahren. Und weil Matthias Ulrich, der Kurator, nach eigener Aussage nichts dagegen hat, sich dem Zeitgeist zu widersetzen, gehört es zum Prinzip der Ausstellung, dass nur ausgewiesene Künstler wie Laure Prouvost und Wolfgang Tillmans zu sehen sind, schließlich ist es ein Museumsprojekt. Das wiederum von der Clubatmosphäre profitiert, auch tagsüber, auch dann, wenn man das Rad oder Velo-Taxi oder die Bahn nehmen muss, um von Offenbach in den Frankfurter Westen zu gelangen, um Videos zu sehen, die es sonst großteils mit einem Klick im Internet zu sehen gibt. An manchen Orten wurde einfach in einem Hinterzimmer eine Leinwand aufgestellt. Das funktioniert natürlich nicht. Man muss schon mitten auf der Tanzfläche sitzen.

Nachtclubs in großen Städten haben sich in den letzten Monaten anderen Kunstformen geöffnet, waren Spielstätten klassischer Konzerte und Schauplätze bildender Kunst. Und obwohl es Notlösungen waren, weil ein Club ohne seine tanzenden Gäste nur ein Gerippe ist, sind aus diesen kurzen Überlappungen bedenkenswerte Kooperationen entstanden. Da wurde etwas in Kontext gesetzt, das so wenig zusammenpasste wie die Begrüßungen der Clubbetreiber an diesem Wochenende mit dem Auftritt des Kurators. Hier ausgeleierte T-Shirts und spontane Durchhalteparolen, dort Kunsttheorie mit lila Sportschuhen. Klaus Unkelbach, Betreiber des Robert Johnson, eines der besten deutschen Clubs, sagt: keine Zwischenlösungen, bis sich die Lage entspannt (bis auf solche eben). Seit eineinhalb Jahren haben sie keine Veranstaltungen mehr in ihrem schlichten Tanzquader organisiert, die Bar ist zugestellt, die Tür zur Küche steht offen. Bei einer streng reglementierten Party in Enschede haben sich Ende Juni knapp 200 Tanzende angesteckt. Dass drinnen, wo die Nachtkultur ihre Atmosphäre schöpft, in den nächsten Monaten etwas stattfindet, ist sehr unrealistisch, das wissen die Veranstalter selbst.

Nun also die Gelegenheit, ohne Türsteher ins Robert Johnson zu kommen: ein Anblick wie am Morgen nach einer durchtanzten Nacht, mit dem Balkon und dem Fluss dahinter im Tageslicht. Auf der Leinwand läuft Kanye Wests „Wash us in the Blood“ mit dem Video von Arthur Jafa, eine Collage aus Polizeigewalt und Gospeltradition, die der Künstler dem Musiker selbst referenziell übereignet hat und die dem Song noch eine Bedrohungsebene mehr verleiht.

Was ist ein gutes Musikvideo?

Was also muss ein Musikvideo heute ausmachen? Es muss noch immer oder jetzt noch mehr, wegen des nächsten Klicks, ein Gefühl für den Geschmack der Massen entwickeln, einen Dreh, der überrascht oder irritiert, es muss Kunst für alle machen, so wie die schwarze Liebesgestalt in „Someone Great“, LCD Sound Systems Song von 2007, die Doug Aitkens Bewegung für Bewegung in den flirrenden Elektrobeat übersetzt hat. Der Sound synchronisiert den Film. Es kann moody und vereinnahmend sein wie Beyoncés Musikvideofilme, rätselhaft wie die Arbeit der französischen Videokünstlerin Laure Prouvost zu Leonard Cohens „Moving On“ (im Offenbacher Hafen 2 zu sehen), das im Stil eines privaten Ferienvideos von Cohens zweiter Heimat auf der Insel Hydra erzählt und mit symbolischen Früchten und Blüten die vergangene Liebesbeziehung ironisiert. Es kann komisch sein wie Bob Dylans tausendfach persiflierter „Subterranean Homesick Blues“ oder die „Strawberry Fields“ der Beatles: Paul McCartney landet mit einem albernen, aber videotechnisch ausgeklügelten Sprung auf dem Baum. Wobei mit den letzten Beispielen schon wieder viel über den Nostalgiefaktor der Betrachtung gesagt ist.

Man sitzt also auf der Tanzfläche, das Smartphone in der Hand. Man denkt an „Gangnam Style“, diese groteske, gut in Erinnerung gebliebene Choreographie des Südkoreaners Psy, die für eine der ersten großen viral-musikalischen Aufregungen sorgte, man denkt an Billie Eilishs Handyformatvideos, die Kurzvideoschleifen auf Spotify und die Weiterentwicklung von Cardi B’s Lusterfüllungschoreographie in „WAP“ auf TikTok. Ist das das neue Qualitätsmerkmal eines Musikvideos: Die Eignung zu Transformation und Fortschreibung durch neue Social-Media-Kanäle? Und nur die ewige Wiederholung erinnert noch an damals? Im leeren Club zwischen Kunstfilmen wird es jedenfalls nicht erklärt.

Die Sängerin Mine (die übrigens Jazzgesang in Mainz studierte) hat während des ersten Jahres der Pandemie mit Fans und anderen Künstlern Songs aus früheren Alben aufgenommen und daraus Videos gestaltet. „QuarantöneTV“ hieß die Reihe. Vielleicht noch keine Videokunst im Sinne des Kurators. Aber ein sinnvoller Zeitvertreib für alle, die gerade nicht nach New York konnten - und demokratischer als je zuvor.

„Distant Bodies, Dancing Eyes“, bis 11. Juli 22 Uhr im Gibson, Hafen 2, Lola Montez, Nachtleben, Robert Johnson, Silbergold, Tanzhaus West und Yachtklub

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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