Ausstellung „Fake“ in Dresden

Die Wahrheit von heute ist die Lüge von morgen

Von Stefan Locke
25.05.2022
, 20:14
Neue Lügendetektoren: Labor in Dresden
Hereinspaziert in die Abteilung für strategische Täuschung: Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden geht in einer interaktiven Schau den Tatsachen auf den Grund.
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Ob der Koffer aus der Produktion des Klassenfeindes einfach nur verzögert geliefert oder in höchster Not bestellt wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Klar ist nur, dass er zu spät kam, um seine Nutzer noch vor der Bestrafung durch das Leben zu bewahren. Kurz nach dem Mauerfall 1989 erhielt der Staatssicherheitsdienst der DDR den mobilen Lügendetektor „Diplomat 1“ amerikanischen Fabrikats, für das der an Devisen chronisch klamme SED-Staat immerhin 30.000 D-Mark hinblätterte. Gut dreißig Jahre später steht das Gerät im „Labor der Lügenerkennung“, einer von acht Abteilungen eines „Amtes für die ganze Wahrheit“, das jetzt im Deutschen Hygiene-Museum Dresden seine Türen geöffnet hat. In diesen Rahmen ist die Ausstellung „Fake. Die ganze Wahrheit“ gebettet, die aktueller kaum sein könnte: Der russische Krieg in der Ukraine und Verschwörungserzählungen um Corona und das Impfen nehmen gleich eine weitere Abteilung ein, nämlich die „für Wahrheitsfindung und -sicherung“. Aber die Schau will sich auch um das große Ganze kümmern, und das ist nichts weniger als die ­Frage, was die Wahrheit ist und warum wir nicht einfach immer bei ihr bleiben.

Die kurze Antwort darauf lautet, dass ein solches Leben ziemlich öde wäre. Wer möchte dem stolzen Hobbykoch und seinen Gästen mit der ehrlichen Antwort auf die Frage „Hat’s geschmeckt?“ den Abend verderben, wer mit einer Seitensprungbeichte seine Beziehung riskieren oder den Kindern (und sich selbst) mit der Wahrheit über den Weihnachtsmann das Fest verderben? Für eine längere Antwort oder vielmehr: Antworten, ist diese Ausstellung gemacht. Und sie beginnt in der „Abteilung für Lügenerziehung und angewandte Pinocchioforschung“ schon bei den Kleinen mit dem Satz „Du sollst nicht lügen!“, der wahlweise erzieherisch, schulisch oder religiös begründet, häufig jedoch vor allem drohend daherkommt und dann nicht erst mit dem Älterwerden auf die Realität trifft, in der dann doch gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Bis zu zweihundertmal lüge jeder Mensch am Tag, behauptet Hans Wahr, der Chefbeamte dieses Wahrheitsamtes, der, verkörpert von dem Schauspieler Martin Wuttke, den Besucher in immer neuen Rollen durch seine Behörde führt.

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Herrschaft im Alltag ist Verwaltung

Die Idee, quasi von Amts wegen die Wahrheit ermitteln und die Lüge verbannen zu wollen, scheint wie geschaffen für ein Publikum, das „denen da oben“, den Regierenden also, zunehmend misstraut. Ein Amt ist jedenfalls in Deutschland einer der häufigsten Berührungspunkte, die der Mensch in seinem Leben mit der Obrigkeit hat, und dem er, auch wenn es meistens lästig ist, mit gewisser Ehrfurcht gegenübersteht. „Denn Herrschaft ist im Alltag primär: Verwaltung“, hat Max Weber vor mehr als hundert Jahren schon geschrieben. Und nicht ohne Grund gilt der Ausdruck „amtlich“ als Synonym für feststehend, glaubwürdig und bestätigt. Ämter und Behörden zeigten „eine große Beharrungstendenz mit geringer Neigung zur Veränderung ihrer Prinzipien“, sagt der Kurator der Schau, der Philosoph Daniel Tyradellis. „Das macht sie verlässlich und hilft bei der Orientierung.“ Gleiches lasse sich über die Wahrheit und ihre unmittelbaren Verwandten – Original, Echtheit, Authentizität, Aufrichtigkeit – sagen, ohne die dem Leben jede Orientierung fehlte.

Paket-Attrappen in der Ausstellung „Fake. Die ganze Wahrheit“ im Deutschen Hygiene-Museum.
Paket-Attrappen in der Ausstellung „Fake. Die ganze Wahrheit“ im Deutschen Hygiene-Museum. Bild: dpa

Doch ist selbst in der Natur längst nicht alles wahrhaftig, wie der „Abteilung für strategische Täuschung“ zu entnehmen ist. Um im permanenten Futter- und Fortpflanzungswettbewerb zu bestehen, wird getrickst, getäuscht, geschummelt. Der Mensch freilich will zeitlebens die Lüge entlarven und hat dafür allerlei Methoden entwickelt, womit wir wieder beim Lügendetektor wären, an den sich Besucher dieser Abteilung testweise schnallen lassen können.

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Ob, und wenn ja wie genau, sich die Wahrheit allerdings auf diese Weise messen lässt, ist nach wie vor umstritten. Vielleicht sind typische Körpersignale wie Schwitzen, schweres Schlucken oder nach rechts oben schauen aussagekräftiger? Unumstritten dagegen dürfte sein, dass die Lüge ein riesiges Geschäft ist. In der „Abteilung für Fälschungen und ihr Gegenteil“ zeugen plagiierte Kunstwerke, Markenkleidung und Designprodukte von großer Dreistigkeit. Was aber, wenn sich Konsumenten freiwillig belügen lassen und dafür auch noch kräftig draufzahlen? Exemplarisch hängt dafür in XL die Unterhose einer Firma an der Wand, für die der Popstar Justin Bieber so gewinnbringend modelte, dass sich Käufer der Buxen ebenso erfolgreich und begehrenswert fühlen.

Es geht ums große Ganze und die Frage: Was ist die Wahrheit, und warum bleiben wir nicht einfach immer bei ihr?
Es geht ums große Ganze und die Frage: Was ist die Wahrheit, und warum bleiben wir nicht einfach immer bei ihr? Bild: dpa

Wahrgenommen wiederum fühlen sich heute Leute, die früher allenfalls am Stammtisch oder bei Familienfeiern zur wirren Welterklärung ausholten und dann bestenfalls links liegen gelassen wurden. Dass jedoch Falschnachrichten erst durch das Internet Konjunktur hätten, versucht die „Abteilung für alte und neue Fake News“ zu widerlegen. So fürchtete Bismarck vor 150 Jahren, dass das Telefon zur schnellen Verbreitung von Lügen missbraucht werden könnte. Und da wusste er noch nichts von Radio, Fernsehen und Internet. Mit jedem neuen Medium verband sich die Hoffnung, der Wahrheit näher zu kommen, tatsächlich jedoch sind Tyradellis zufolge stets auch die Möglichkeiten zum Fälschen, Manipulieren und Lügen gestiegen. Beispielhaft illustrieren das sich in Windeseile verbreitende Netz-Infos angeblich inszenierter Explosionen in der Ukraine, weil die Brandbekämpfer kanadische Feuerwehruniformen trugen. Tatsächlich hatte Kanada die Ausrüstung Jahre zuvor an die Ukraine gespendet. Oder das Foto vom Abschuss eines russischen Kampfjets, das in Wahrheit bei einem Unfall während einer Flugshow in Großbritannien entstand.

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Die medienwirksame Twitter-Pause

Wie viele von uns jedoch gerade bei Facebook, Instagram und Twitter geneigt sind, Informationen zu glauben, wenn sie ins eigene Weltbild passen, zeigen sowohl die tägliche Weiterleitung ebensolcher Infos wie auch das – noch selten ausgeprägte – Mea Culpa mancher Promis, die sich meist nach Reinfällen gern medienwirksam eine „Twitter-Pause“ gönnen.

Abteilung „für Wahrheitsfindung und -sicherung“ im Deutschen Hygiene-Museum
Abteilung „für Wahrheitsfindung und -sicherung“ im Deutschen Hygiene-Museum Bild: dpa

Dass aber die Lüge dreimal um die Welt gelaufen ist, bevor sich die Wahrheit die Schuhe angezogen hat, wusste schon Mark Twain. In der Ausstellung glühen die Leitungen wutrot rund um den Planeten. Die facettenreiche Dresdner Schau hat sich ganz dem Trend der Interaktivität verschrieben, was bisweilen eher verspielt wirkt als dem Verständnis dient. Aber sie greift ein sehr aktuelles Thema anschaulich auf, ohne unumstößliche Wahrheiten zu präsentieren. Letztere gibt es ohnehin nur ganz wenige in einer sich ständig entwickelnden Welt. Nicht umsonst heißt es gerade auch in der Wissenschaft: Die Wahrheit von heute ist die Lüge von morgen.

„Fake. Die ganze Wahrheit“, Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden; bis zum 5. März 2023.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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