Hundertster Geburtstag

Er schuf des Bild eines neuen Deutschlands

Von Hannes Hintermeier
12.05.2022
, 19:44
Hürdenlauf: Eines der ikonischen Plakate für die Olympischen Sommerspiele in München, die Otl Aicher mit seinem Team entwarf
Philosoph unter den Gestaltern: Das Archiv der Hochschule für Gestaltung erinnert an den Plakatkünstler Otl Aicher – der doch viel mehr war.
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Gemessen an den bleibenden Wiederkennungswerten, die er schuf, müsste der am 13. Mai 1922 in Ulm geborene Otto „Otl“ Aicher in Deutschland weltberühmt sein. Wenn er es sein sollte, dann doch nur mit dem Zusatz: der mit den Olympischen Spielen 1972 in München.

Womöglich trägt das Jahr seines hundertsten Geburtstages dazu bei, das zu ändern? Eine historische Rolle spielt dabei die von Aicher und Max Bill mitbegründete private Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm, die nun mit einer Ausstellung an die Plakatkunst Aichers erinnert. Auf einer Anhöhe im Westen der Stadt erbaut, wurde das Institut 1955 von Walter Gropius eröffnet. Der klar strukturierte, terrassenförmig aufsteigende Baukörper mit Flachdach und Holzfenstern ist nach heutigen Dämmstandards eine Zumutung, bereits die dritte Sanierung hat er hinter sich.

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Das Design-Kloster auf dem Kuhberg

Nach Coolness-Standards ist er allerdings ganz groß, und als Mutterschiff guten Designs – in den Fächern Produktgestaltung, visuelle Kommunikation, Architektur und Film – ist die HfG in der Nachfolge und in der Abkehr vom Bauhaus eine Legende. Jährlich sechstausend Besucher finden den Weg hierher, darunter Pilger aus Asien und Amerika, die dem Ruf des nur bis 1968 bestehenden „Klosters auf dem Kuhberg“ folgen.

Vor den Piktogrammen für die Sommerspiele von 1972: Otto „Otl“ Aicher, am 13. Mai 1922 in Ulm geboren, prägte das Erscheinungsbild Deutschlands
Vor den Piktogrammen für die Sommerspiele von 1972: Otto „Otl“ Aicher, am 13. Mai 1922 in Ulm geboren, prägte das Erscheinungsbild Deutschlands Bild: Sven Simon

Zum Hundertsten hat der Leiter des HfG-Archivs, Martin Mäntele, Plakate Aichers zusammengestellt, die parallel zur Dauerausstellung im dritten Stock gezeigt werden. Im ersten Saal konzen­triert sich die Schau auf die ersten Nachkriegsjahre, in denen Aicher für die 1946 den Betrieb aufnehmende Volkshochschule (vh Ulm) arbeitet. Deren Gründerin und Leiterin ist Inge Scholl, die spätere Ehefrau Aichers, deren Familie er schon lange kennt. Inge ist die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, den 1943 hingerichteten Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.

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Der Linkskatholik und Gottessucher Otl Aicher ist eng mit Sophie verbunden; er verweigert sich der Kriegsmaschinerie des nationalsozialistischen Regimes, solange es geht, verstümmelt seine linke Hand, was ihn nicht vor dem Einsatz an der Ostfront bewahrt. Gegen Kriegsende desertiert er.

Der frühe Aicher: Plakat für die Volkshochschule Ulm, 1948-49
Der frühe Aicher: Plakat für die Volkshochschule Ulm, 1948-49 Bild: Florian Aicher HfG-Archiv Museum Ulm

Für die neue Zeit hatte er da längst Pläne. Die Dinge des täglichen Lebens sollten einfach sein, dem Menschen dienen, reduzierte Formensprache besitzen, sich politischem Missbrauch verweigern. Nach einem kurzen Kunststudium in München beginnt er mit Entwürfen, frei Hand gezeichnet. Als Aufmerksamkeitserzeuger im zerbombten Ulm entwirft er 2,70 Meter hohe Stelen, die er mit Plakaten in den Formaten vierzig, sechzig und achtzig mal vierzig Zentimeter standardisiert bespielt. Fünfzig dieser illegal aufgestellten vh-Stelen waren im Stadtgebiet verteilt und machten in kräftigen Farben und gut lesbarer Typographie neugierig auf die Bildungsangebote. Darunter sind so prominente Redner wie Romano Guardini, der über „Wahrheit und Lüge“ oder „Die Heilandsgestalt als Mythos und Offenbarung“ spricht.

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Unterwegs in Richtung Abstraktion

Die ersten Entwürfe ähneln noch Handzetteln, bald folgten grafische Lösungen, die mit der schon im Bauhaus beliebten Diagonale arbeiten, die Tendenz zur Abstraktion nimmt zu. Der spätere HfG-Rektor Tomás Maldonado, Vertreter der Konkreten Malerei und Theoretiker, beeinflusst Aichers Arbeit, alsbald verabschiedet der sich von seinem Signet, einem geschwungenen großen „A“.

Die europäische Idee visualisiert: Plakat für die Europawahlen 1978-79
Die europäische Idee visualisiert: Plakat für die Europawahlen 1978-79 Bild: Florian Aicher HfG-Archiv Museum Ulm

In der ehemaligen Metallwerkstatt werden Plakate aus späteren Jahren gezeigt. Arbeiten für die Tourismusbranche (Isny, Bad Gastein), politische Plakate (SPD, Nachrüstung). „Im schönsten Wiesengrunde“ aus dem Herbst 1983 zeigt eine in sanften Wellen fröhlich grün gestaffelte Landschaft, in der anstelle von Kirchtürmen Pershing-Raketen in den Himmel wachsen.

Er brachte das Corporate Design nach Deutschland

Dass Aicher zu Recht als Miterfinder des Corporate Designs gilt, zeigen seine Plakate für Firmen wie die Bayerische Rück, Sparkasse, Dresdner, Münchner Flughafen und Bulthaup. Der Leuchtenhersteller Erco hat sich die Rechte an Aichers Piktogrammen gesichert, die nun nach den Vorgaben ihres Erfinders weiterentwickelt werden. Sie leiten über zu den berühmten Plakaten für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München.

„Im schönsten Wiesengrunde“ überschrieb Otl Aicher dieses Plakat von 1983, doch die Idylle trügt: Nicht Kirchtürme ragen in die Landschaft, sondern Pershing-Raketen.
„Im schönsten Wiesengrunde“ überschrieb Otl Aicher dieses Plakat von 1983, doch die Idylle trügt: Nicht Kirchtürme ragen in die Landschaft, sondern Pershing-Raketen. Bild: Florian Aicher /HfG-Archiv/Museum Ulm

Frühe Skizzen zeigen, dass Aicher diesen Auftrag unbedingt wollte. Als er ihn bekommt, reduziert er den Farbkreis: Herrschaftsfarben wie Schwarz, Rot, Purpur und Gold werden gestrichen. Die heute wieder angesagten Farben Blau und Grün – laut Aicher die Farben des Allgäus und Oberbayerns aus der Vogelperspektive – dominieren. Dass er ein Teamplayer war, kann man im Kleingedruckten sehen, das die Mitarbeiter ausweist; im Plakat zum Marathonlauf haben sie heimlich ihre Schattenriss-Porträts ins Laub des Waldes eingebaut.

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Ein Selbstdenker stößt auf Wittgenstein

Da die Ausstellung nur einen schmalen Ausschnitt des Schaffens Aichers zeigt, zudem ohne Katalog auskommen muss, bietet sich ein Blick in den soeben von Winfried Nerdinger und Wilhelm Vossenkuhl herausgegebenen Band „Otl Aicher. Designer. Typograph. Denker“ (Prestel-Verlag) an, der Aichers gesamtes Lebenswerk in den Blick nimmt. Vor allem der Blick auf dessen geistige Wurzeln macht deutlich, warum es Aicher als „Selbstdenker“ (W. Vossenkuhl) nie um Gefälligkeiten gegenüber Kunden ging: Er wollte die Welt mit jedem einzelnen Produkt ein Stück besser machen.

Früh geprägt durch die griechische Philosophie, liest er Thomas von Aquin, Augustinus und William von Ockham (dem er eine Ausstellung widmet) und gelangt über Theodor Haeckers Buch „Was ist der Mensch?“ zu Wittgenstein. In dessen „Tractatus“ begegnet er den für seine Arbeit zentralen Schlüsselbegriffen „Anwendung“ und „Gebrauch“ – und erkennt sich darin wieder: „Wir entwerfen, weil wir suchen, nicht weil wir wissen.“ Dazu gehören Ende der Achtzigerjahre auch die nach seinem Wohnort im Allgäu benannten Rotis-Schriften.

Als Aicher 1991 den Folgen eines Verkehrsunfalls erliegt, ist er noch keine siebzig Jahre alt. Seine Piktogramme haben da längst ihren Siegeszug um die Welt angetreten und in Verbindung mit den Spielen von München geholfen, das Bild eines gewandelten Deutschlands zu transportieren.

Otl Aicher 100 Jahre – Plakate. HfG-Archiv Museum Ulm. Bis 8. Januar 2023. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hintermeier, Hannes (hhm)
Hannes Hintermeier
Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.
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