Maler Nicolas Poussin

Der Hirtengott wird abgekühlt

Von Gina Thomas, London
18.10.2021
, 09:29
Geordneter Taumel: Nicolas Poussins „Der Triumph des Pan“, 1636. Öl auf Leinwand, 135,9 x 146 cm.
Die Vergänglichkeit und die Vergeblichkeit aller Dinge: Die National Gallery zeigt, was der französische Barock-Maler Nicolas Poussin im Tanz sah.
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Als Anthony Powell unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg seine Gedanken über ein Romanvorhaben sortierte, zog ihn bei einem Besuch der Londoner Wallace Collection Nicolas Poussins „Tanz zur Musik der Zeit“ in einen „beinahe hypnotisierenden Bann“. Die Begegnung mit den sich im ewigen Reigen drehenden Figuren glich einer Offenbarung. Sie gab dem Schriftsteller nicht nur den Titel, son­dern auch die Struktur seines zwölfbändigen roman-fleuve, „Ein Tanz zur Musik der Zeit“, der ihm den Beinamen des englischen Proust eintrug. Er habe so­fort gewusst, erzählte Powell später, dass Poussin zumindest einen wichtigen As­pekt dessen zum Ausdruck gebracht ha­be, was der Roman sein müsse.

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Gleich zu Beginn beschwört bei Powell der Anblick einer um ein Koksfeuer ge­scharten Gruppe von Straßenarbeitern, die sich im Schneefall „mit großen, pantomimischen Gebärden“ die Hände reiben und die Arme um den Körper schlagen, beim Ich-Erzähler nicht auch Poussins Gemälde. Es weckt in ihm Gedanken an das irdische Leben, „an die Menschen, wie sie, nach außen gewandt wie die Jahreszeiten, sich Hand in Hand in verschlungenem Rhythmus bewegen; wie sie langsam, methodisch und manchmal leicht unsicher schreiten in Wendungen, die erkennbare Formen annehmen, oder wie sie ausbrechen in wilde, scheinbar sinnlose Drehsprünge, während ihre Partner verschwinden, nur um dann wieder zu erscheinen und erneut dem Schaustück eine Struktur zu geben; wie sie un­fähig sind, die Melodie, und unfähig auch, die Schritte des Tanzes zu bestimmen.“

Antike Anregung: Die marmorne Gaeta-Vase aus dem ersten Jahrhundert v. Chr.
Antike Anregung: Die marmorne Gaeta-Vase aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. Bild: Museo Archeologico Nazionale di

Von diesem endlosen, ungeordneten Reigen des Lebens erzählt Powell auf mehr als dreitausend Seiten. Er wusste sehr wohl von der Deutung der Figuren in Poussins rätselhaftem Bild als Armut, Arbeit, Reichtum und Freude, zog es jedoch vor, sie als die tanzenden Jahreszeiten zu sehen. Im Zusammenhang mit seiner Stimmung seien spätere Interpretationen genauso zutreffend, schrieb Powell in seinen Erinnerungen. Wie auch immer man sie deuten mochte, es sei eindeutig, dass die vier Hauptfiguren zur Melodie der Zeit tanzten.

Form und Ausdruck

In der großartigen Ausstellung der Londoner National Gallery über Nicolas Poussins Beschäftigung mit dem Tanz als Mittel zur Gestaltung von Form und Ausdruck führt alles auf die für Giulio Rospigliosi, dem späteren Papst Clement IX., gemalte, zum ersten Mal seit mehr als hundertzwanzig Jahren ausgeliehene Allegorie des mensch­lichen Lebens hin, die Powell so folgenreich berührt hat. Das Bild aus der Wallace Collection hat ganz am Schluss ei­nen kontemplativen Raum für sich al­lein. Powell findet in dieser kunsthistorischen Auseinandersetzung allerdings keine Erwähnung, obwohl man denken würde, dass er zumindest für das englische Publikum ein Zugpferd sein könnte, zumal er, wenn auch auf weniger erhabene Art, die gleiche Idee hatte, die ein an der Wand neben dem Gemälde angebrachtes Zitat aus einer frühen Biographie Poussins dem Maler zu­schreibt: das menschliche Leben in der Form eines Tanzes darzustellen.

A Dance to the Music of Time, about 1634-6 Oil on canvas 82.5 x 104 cm.
A Dance to the Music of Time, about 1634-6 Oil on canvas 82.5 x 104 cm. Bild: Wallace Collection

Die National Gallery besitzt nach dem Louvre den größten Bestand an Werken Poussins. Dennoch ist dies die erste Londoner Ausstellung des ob seiner klassischen Strenge und seiner Intellektualität oft als unnahbar empfundenen Künstlers seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Mit dieser Einladung zum Tanz wollen die beiden Kuratorinnen Emily Beeny und Francesca Whitlum-Cooper Poussin denn auch in einem anderen, fröhlicheren Licht zeigen. Mänaden und Bacchanten taumeln sich in ausgelassener Stimmung an den Wänden der Gemäldegalerie entlang. In der hinreißenden lavierten Federzeichnung eines Tanzes vor der Herme des Pan aus der Sammlung der Königin erlaubt sich der Künstler sogar den anzüglichen Witz, eine der tollenden Frauen darzustellen, wie sie im Vorbeitanzen einen abkühlenden Krug Wein über das Glied des Hirtengottes ausschüttet, während am anderen Bildrand ein Mädchen die Avancen eines Satyrs abwehrt.

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Im dritten Anlauf nach Rom

„Poussin und der Tanz“ befasst sich ausschließlich mit den Jahren zwischen 1624 und 1637, als es dem Künstler beim dritten Anlauf endlich gelang, nach Rom zu reisen und den Geist des klassischen Altertums durch eingehende Studien der antiken Hinterlassenschaften in sich aufzusaugen. In der wie Sätze eines Tanzes komponierten Schau machen drei bemerkenswerte, in beziehungsreichem Zusammenhang mit den Gemälden gestellte Leihgaben antiker Plastiken diesen Einfluss sichtbar. Gleich am Eingang evoziert der Kelchkrater des Salpion aus dem Archäolo­gischen Museum in Neapel den atemraubenden Effekt, den er auf Poussin ausgeübt haben dürfte. Die Platzierung der gewaltigen Vase und später des monumentalen borghesischen Kraters aus dem Louvre mitten im Raum be­kräftigt jene Plastizität, die der Maler auf der zweidimensionalen Fläche einzufangen suchte. Für die Ausstellung sind auch einige Poussin nachempfundene Wachs­modelle hergestellt worden, die er anzufertigen und mitunter wie Puppen mit Stoffen zu drapieren pflegte, um die Haltung der Figuren bei der Entwicklung der Komposition verändern zu können.

Nicolas Poussin;  Bacchanal, aus dem Jahr 1635 bis 1636.
Nicolas Poussin; Bacchanal, aus dem Jahr 1635 bis 1636. Bild: The Metropolitan Museum of Art

Immer wieder begegnet man den gleichen Gestalten aus anderer Perspektive in verschiedenartiger Zusammenstellung, als hüpften sie in bacchantischer Verzückung von Bild zu Bild. So verwandelt Poussin den marmornen Mann mit ausgestrecktem Arm und nachgezogenem Bein aus der Darstellung der Übergabe des Dionysosknaben in die Obhut der Nymphen von Nysa auf dem Salpion-Krater in seinem „Reich der Flora“ aus Dresden in die tanzende Göttin der Blüte. Es ist dieselbe Figur, die auf der oben erwähnten Zeichnung von hinten dargestellt ist, die im „Tanz um das goldene Kalb“ vor dem Sockel wankt und im „Triumph des Pan“ für den kleinen Putto Traubensaft in eine Schale auspresst. Auch im „Tanz zur Musik der Zeit“ tritt sie, diesmal in männlicher Gestalt und in Rückansicht, wieder auf.

Nicolas Poussin: „The Triumph of Bacchus“, datiert auf das Jahr 1635.
Nicolas Poussin: „The Triumph of Bacchus“, datiert auf das Jahr 1635. Bild: The Nelson-Atkins Museum of Art

Die großzügige Auswahl von Zeichnungen veranschaulicht, wie eingehend Poussin an diesen Abwandlungen ar­beitete, um die steinernen Vorbilder mit Leben zu erfüllen und die Leichtigkeit der Bewegung auf die Leinwand zu bannen­ – mal in wunderbar ausgeführ­ten Blättern wie der Federstudie für den „Triumph des Pan“ aus Windsor, wo der dunkle, eine Gemme beschwörende Hintergrund den friesartigen Charakter der Komposition hervorhebt, mal in schraffierten, das Licht- und Schattenspiel erkundenden Skizzen oder in bloßen Um­rissen, in denen es ihm lediglich darum ging, das Arrangement und die Posen der Figuren auszuprobieren. Dabei orientierte er sich auch an Vorlagen wie dem altrömische Fries mit den sogenannten borghesischen Tänzern aus dem Louvre. Die Kombination des rigiden architektonischen Hintergrunds mit den in ihren flatternden Gewändern Hand in Hand über die Fläche ziehenden Tän­zerinnen verbildlicht die Spannung zwischen Ordnung und Chaos, die Poussins Bestreben kennzeichnen, den flüchtigen Moment für immer einzufangen.

Nicolas Poussin: „The Empire of Flora“, gemalt in den Jahren 1630 und 1631.
Nicolas Poussin: „The Empire of Flora“, gemalt in den Jahren 1630 und 1631. Bild: The National Gallery London

Nirgends wirkt dies so eindringlich wie im „Musik zum Tanz der Zeit“, zu­mal Poussin hier die Vergänglichkeit und die Vergeblichkeit aller Dinge zum Thema macht. Es ist, als habe er in diesem Werk verbildlichen wollen, was er Jahre später in dem berühmten Brief an seinen Freund Paul Fréart de Chantelou erläuterte, als er von der Macht sprach, die aus den in den richtigen Proportionen zueinander stehenden Gegenständen erwächst, „in der Seele des Be­schauers Leidenschaften zu wecken“. Durch den Einblick in Poussins Arbeitsweise vermittelt die Ausstellung, wie Geist und Gefühl bei ihm im ewigen Tanz verbunden sind.

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Poussin und der Tanz. National Gallery, London; bis 2. Januar 2022. Anschließend vom 15. Februar bis 8. Mai im J. Paul Getty Museum, Los Angeles. Der Katalog kostet zwanzig Pfund.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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