Ernst Ludwig Kirchners Fresken

Die Badenden vom Taunus

Von Stefan Trinks
16.10.2021
, 22:20
Vier Farben Blau-Orange-Grün-Weiß: Die Badenden Kirchners aus dem Königsteiner Brunnen-Turm von 1916.
Im Aschaffenburger Geburtshaus Ernst Ludwig Kirchners ist eine Sensation zu sehen. Ein von den Nationalsozialisten zerstörter Lebensfries kann rekonstruiert werden. Er zeigt ein Motiv, das sich durch alle Werkphasen des Expressionisten zieht.
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Der Expressionismus hat viele faszinierende Werke auf Leinwand und Papier hinterlassen, doch so gut wie keine Wandmalerei. Zu konträr scheint die mit viel Vorbereitungszeit und einer gewissen Repräsentationsstatik verbundene Monumentalmalerei zu den von den Expressionisten geliebten, rasch hingeworfenen Viertelstundenakten zu stehen. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Im Angermuseum Erfurt hat Erich Heckel in den Jahren 1922 bis 1924 einen ganzen Raum mit „Lebensstufen“ ausgemalt. Das größte Wandmalereiprogramm des Expressionismus jedoch wies mit fünf hochrechteckigen Gemälden von Badenden der sogenannte Brunnenturm des Sanatoriums Dr. Kohnstamm in Königstein im Taunus auf. Niemand Geringerer als der Brücke-Gründer Ernst Ludwig Kirchner hatte im Jahr 1916 die Wände dieser Sanatoriumsarchitektur mit Fresken ausgestattet.

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Er war nicht der einzige illustre Patient des Neurologen und Kunsttheoretikers Oskar Kohnstamm – auch Henry van de Velde und Carl Sternheim waren in Königstein in Behandlung, unter anderem mit Kneippkuren, woher auch der namensgebende Brunnen im ausgemalten „Turm“ rührt. Kirchner aber war in das hessische Sanatorium gekommen, weil er den Militärdienst psychisch nicht verkraftete, und schuf als Patient dort im dritten Kriegsjahr in Erinnerung an glückliche Fehmarn-Zeiten einen monumentalen, al secco ausgeführten Gemäldezyklus von Badenden.

In nationalsozialistischer Zeit wurden diese Wandgemälde als verfemte Kunst übertüncht und dadurch größtenteils vernichtet. Im Jahr 1938 erfolgte die Schließung des durch einen deutsch-jüdischen Arzt fortgeführten Sanatoriums Dr. Kohn­stamm. Trotz aufwendiger restauratorischer Freilegungsversuche in den Neunzigern bietet der heutige verwaschene Eindruck der Fresken nicht einmal mehr einen schalen Abglanz ihrer ursprünglichen Erscheinung, war doch das herausragende Merkmal dieses Zyklus Kirchners die überragende Leuchtkraft des Meeres um die Badenden und des Himmels über ihnen.

Woher will man aber etwas über die ursprüngliche Farbigkeit wissen, wenn sich nur Aufnahmen in Schwarz-Weiß von den heute annähernd farblosen Fresken erhalten haben? Schon die Restauratoren hatten in ihren Untersuchungen bemerkt, dass Kirchner für das auffällig tiefe Blau, mit dem er Wasser wie auch den Himmel um die weiß gestrichene „Deckenkuppel“ des Brunnenhauses malte, Ultramarin verwendete, das leuchtendste Blau der Kunst aus mineralischem Lapislazuli.

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Vor allem aber sind im Aschaffenburger Geburtshaus Kirchners, das wie durch ein Wunder Krieg und Jahrzehnte der Missachtung durch die Stadt überstand, nun erstmals die einzigen Originale zu den zerstörten Königsteiner Fresken ausgestellt. So entdeckt man gleich links des Eingangs ein bestens erhaltenes Aquarell, das Kirchner vom „Brunnenturm“ mit den (später teils noch veränderten) Wandgemälden schuf. Der Besitzer aus Norddeutschland, aus einer großen Hamburger Reeder-Dynastie stammend, war sofort bereit, es nach Aschaffenburg zu entleihen. Ebenso aus der Versenkung aufgetaucht sind Glasdiapositive aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, die trotz ihres Alters die zentralen Blautöne in erstaunlicher Farbtreue bewahrt haben. Sie zeigen: Nachdem Kirchner auch die letzten zwei Bekleideten (ein strandwandelndes Paar) der Stoffe beraubt hat, gab es auf den Fresken nur noch Nackte – ein Farbvierklang aus Orange vor Tiefblau mit Hintergrundgrün und dem Weiß der Segel-Dreiecke auf zwei Paneelen. An der Stirnwand quert dagegen symbolträchtig schneeweiß eine Möwe wie Picassos Taube den Azur und die Häupter der drei Badenden.

Der ausgebildete Architekt Kirchner fertigte sogar ein Faltmodell

Unter dem fesselnden Brunnenturm-Aquarell aber liegt in einer Vitrine ein ebenfalls von Kirchner selbst gefertigtes faltbares Modell des Raums auf grauem Karton in den Maßen 29 mal 98 Zentimeter mit eingeklebten Fotos der Wandbild-Entwürfe. Auch auf diesem Leporello finden sich handschriftliche Notizen Kirchners zu den Farben, insbesondere aber offenbart die Präzision der gezeichneten Wandgliederung mit ihren Paneelen und doppelt hinterlegten Pilastern den ausgebildeten Architekten. Auch der Leihgeber dieses bislang noch nie in einer Ausstellung gezeigten Objekts, der Expressionistensammler Eberhard Kornfeld, hat die ebenso große wie fragile Kostbarkeit gern nach Aschaffenburg gegeben. Als vierter Schatz kommt eine Farblithographie aus dem Städel hinzu, die seitenverkehrt exakt das Motiv der gemalten Supraporte vom Brunnenturm in Königstein wiedergibt und wie der Gemäldezyklus 1916 entstand. Erstmals lässt sich so das Schlüsselwerk Kirchners komplett rekonstruieren.

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Denn dass das Motiv der Badenden tatsächlich einen Schlüssel zum Werk Kirchners bildet, zeigen an den Wänden umher mehrere großformatige Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken zum Thema aus Museumsbesitz in Aschaffenburg, Davos, Halle und Saarbrücken wie auch Privatbesitz, wobei allein sieben besonders gut erhaltene Blätter aus der Würzburger Sammlung Gerlinger stammen. Die Darstellung von badenden, sich frei in der Natur bewegenden und in Einheit mit ihr fühlenden Menschen war des der Lebensreform und Freikörperkultur um 1900 nahestehenden Kirchners erklärtes künstlerisches Ziel in allen drei entscheidenden Werkphasen: In den Sommermonaten 1909 bis 1911 an den Moritzburger Seen bei Dresden, von 1912 bis 1914 mit der lebenslangen Gefährtin Erna Schilling auf der Ostseeinsel Fehmarn und schon ab 1917 im schweizerischen Davos, wo er nun Erna mit Freundinnen badend in den Gebirgsbächen malte und auch fotografierte. Aus all diesen Kernphasen sind gut ausgewählte Werke zu sehen: Sehr frühe Badeszenen um die Moritzburg herum sowie „Badende im Tub“, also in einem Zuber im Berliner Atelierinneren. Aus der glücklichen Fehmarnzeit etwa die eindrückliche Farblithographie „Drei Badende an Steinen“ von 1913, in der die Nackten wie geschnitzte Südseegötzen in kräftigstem Altrosa vor einem wachsartig flächigen See in Türkis hocken. Auf dem wuseligen Holzschnitt „Badeszene unter überhängenden Baumzweigen“ aus dem Jahr 1913 lässt er wie Gauguin alle Figuren in einen undurchdringlich dichten Pflanzenrahmen eintauchen, der hier ungewöhnlicherweise von allen vier Seiten ins Bild wächst. Vorne rechts scheint ein Südsee-Idol aus dem Gebüsch zu glotzen – oder ist es nur die Natur, die diese Formen ausbildet? Mit diesen Holzschnitt-Nackten, die integraler Teil der Natur sind und drahtig schlank wie Gliederpuppen wirken, kommt Kirchner seinen drei Jahre später entstandenen Fresken am nächsten.

„Akte im Strandwald“ von 1913 zeigt allerdings, dass es Kirchner nie um kitschige Verschmelzungsfantasien ging – der Mensch sollte zwar innerlich eins mit der Natur sein, aber nicht äußerlich: Die drei wohl gerade dem Wasser entstiegenen gertenschlanken Nackten des „Strandwaldes“ staken durch ein angrenzendes Wäldchen; ihre wie mittelalterliche Glasfenster hellorange leuchtenden Körper heben sich überdeutlich von dem in mindestens fünf verschiedenen Grüns gegebenen Hintergrund ab. Darunter sind auch grell-artifizielle Grüntöne, so etwa die Flechten und Moose auf der Wetterseite der Bäume in einem kühlen Flaschengrün – die Akte bewegen sich in und durch die Natur, sie gehen aber nicht nahtlos in ihr auf.

Gemalte Tränen des Himmels im Sand

Unkritisch ist Kirchner ohnehin nicht: Seine „Fehmarndüne mit Badenden unter Japanschirmen“ aus demselben Jahr ragt derart haushoch auf, dass sie wie eine Lawine aus Sand jeden Moment über die Nackten mit ihren zierlichen Schirmchen einzubrechen droht. Das „sein“ Fehmarn“ wie alle Paradiese bedroht war, wusste der Maler durchaus, weshalb er das dunkle Blau des Himmels mit besonders viel Wasser vermengte und die Verlaufsspuren wie dräuenden Gewitterstarkregen über dreißig Zentimeter nach unten in den Sand rinnen ließ, was er auf keinem anderen Bild je tat.

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Da im beengten Kirchnerhaus nur ein einziger Saal zur Verfügung steht, kann dort kein Raumeindruck des mondänen Brunnenhauses entstehen. Doch sind die teils über vier Meter hohen Fresken in erstaunlichen Reproduktionen nach den Glasdias in einem originalgroßen Nachbau im Kirchner-Kubus am Bahnhof der Stadt, schräg gegenüber dem Kirchnerhaus, zu besichtigen. Das eigenbewegte Abschreiten dieses wichtigsten Werks expressionistischer Wandmalerei mit dem für Kirchner so entscheidenden Motiv der bewegt Badenden sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Kirchners Badende. Einheit von Mensch und Natur. Im KirchnerHaus, Aschaffenburg; bis zum 16. Januar 2022. Der Katalog im Wienand Verlag kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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