Fotograf Benjamin Katz

Die andere Seite

Von Freddy Langer
03.08.2021
, 16:50
In seiner Bilderschau im Museum Marta Herford zeigt Benjamin Katz einmal keine Künstler, sondern Kunst am Straßenrand.
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Es gibt Menschen, die sagen Schrottplatz dazu. Man könnte allerdings einen Ort, wie ihn der kauzige Herr Firmin in Dinard, dem kleinen Küstenort in der Bretagne, zeitlebens auf einer riesigen Fläche betrieben hat, umgeben von Hecken und Mauern, zwischen denen sich in einem nahezu undurchdringlichen Labyrinth all das türmte und stapelte, was Menschen einmal viel bedeutet hat, ihnen aber irgendwann nicht länger von Nutzen war, auch als Archiv bezeichnen. Als ein Archiv des Lebens. Als ein Archiv des Alltags und der Geschichte ebendieses Orts. Denn es ist ja, als bewegte man sich dort durch lauter Biographien. Weil all die Gegenstände einst Begleiter eines Menschen waren: die Kinderwagen, die kleinen Fahrräder, die Waschzuber, die Badewannen, die Spielzeuge, die Möbel. Kaum weniger treffend freilich wäre für solch einen Ort auch die Vokabel: Schatzkammer.

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Benjamin Katz hat eine Aufnahme ebendieses Schrottplatzes zum Titelbild des Katalogs seiner jüngsten Ausstellung gewählt: „Entdeckungen – Discoveries – Découvertes“, und man kann gar nicht anders, als eine Parallele zu seiner Entscheidung zu ziehen, für diese Präsentation seiner Fotografien tief einzutauchen in sein eigenes Archiv, seine private Schatzkammer. Und so zeigt er dieses Mal keine Auswahl seiner mehr als fünfhunderttausend Künstlerporträts, die er im Laufe eines halben Jahrhunderts bei den Vorbereitungen von Ausstellungen oder bei Eröffnungen in Galerien, bei privaten Besuchen in Ateliers oder während gemeinsamer Ausflüge aufgenommen hat, bis sie sich zu einem nahezu vollständigen „Who is Who“ der Gegenwartskunst addierten und er sich damit in die Fotografiegeschichte eingeschrieben hat. Vielmehr suchte Benjamin Katz jetzt Motive heraus, bei denen er im Alltag seiner eigenen Vorstellung von Kunst begegnet ist.

Wo, bitte, geht’s lang? Der Weg durchs Leben gleicht bisweilen einem Labyrinth.
Wo, bitte, geht’s lang? Der Weg durchs Leben gleicht bisweilen einem Labyrinth. Bild: Benjamin Katz / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Oft sind sie während Reisen entstanden, in Frankreich, Belgien und Griechenland, nicht selten im Urlaub, immer unbekümmert, ohne jeden Stress, vieles en passant wahrgenommen. Und doch sind die Aufnahmen allesamt geprägt von einem künstlerischen Blick. Präziser: von einem umfassenden Wissen der Kunstgeschichte. Wo anderen die Urlaubsbilder zur Erinnerung an schön erlebte Tage werden sollen, berichten sie bei Katz von seiner Erinnerung an die Kunst. Prompt gerät ihm auf dem Schrottplatz in Dinard ein Flaschentrockner in den Blick, ähnlich jenem, mit dem Marcel Duchamp 1914 die Gattung der Plastik um das Readymade erweitert hat.

Eine zerrissene Plane bedeckt nur noch zur Hälfe die senkrecht vor ein Fenster genagelten Latten, dass man meint, Daniel Buren habe das entworfen. Oder es schimmert im Ausschnitt einer verzwickt gestalteten Treppe samt ihres wirr verlaufenden Geländers wie ein Wasserzeichen eine der berühmtesten Fotografien Henri Cartier-Bressons hindurch, nur dass bei Katz der Fahrradfahrer fehlt. Und so geht das munter fort, ob nun Brassaï und Otto Steinert Pate standen oder der Impressionismus und die Farbfeldmalerei. Und als sich Benjamin Katz Ende der Siebzigerjahre in Brüssel, wohin die Mutter mit ihm vor dem Nazi-Regime geflohen war, an den Orten seiner Kindheit auf Spurensuche machte, bevor ganze Straßenzüge der Stadterneuerung zum Opfer fielen, da bewegte er sich gleich im doppelten Sinn in den Fußstapfen von Atget.

Es kann leicht schiefgehen, wenn sich ein renommierter Fotograf im Alter von dreiundachtzig Jahren noch einmal neu erfinden möchte. Aber der Wechsel der Bilder zwischen kompositorischer Strenge und einer schon beschämenden Leichtigkeit macht die Ausstellung im Museum Marta Herford mit etwa zweihundert SchwarzWeiß-Aufnahmen zu einem Erlebnis. Manche Serien in langer Reihe gehängt, andere zu Bildblöcken arrangiert, öffnen die Bilder unentwegt neue Einblicke in ein künstlerisches Empfinden, aber auch in eine Künstlerbiographie. Denn Katz, der in seinem Leben schon Maler, Grafiker und Galerist, sogar Schauspieler gewesen ist, bevor er sich endgültig der Fotografie verschrieb, zeigt mit jedem seiner Lebenseindrücke zugleich eine seiner Lebensstationen – und insgesamt die Summe seiner Lebenserfahrung und -einstellung.

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Es ist ein optimistisches Bild, das er vermittelt und mit dem er einen vergessen lässt, dass das eigentliche Grundgefühl der Fotografie die Melancholie ist. Er aber begegnet mit einem verschmitzten Grinsen den Schrulligkeiten des Lebens und rückt auf der Bilderserie eines Hausabrisses in Dinard so lange das Schild „Entree Libre“ in den Mittelpunkt, bis die Abrissbirne es zerfetzt. Oder er fotografiert einen Clochard auf einer Bank der Pariser der Metrostation Rambuteau – direkt unter einem Werbeplakat mit der Sprechblase: Lass dich nicht wegrollen.

Es ist ein warmer Humor, der seinen Aufnahmen innewohnt, wie ein Augen­zwinkern, ohne jeglichen Spott oder gar Zynismus. Damit erweitert er die humanistische Fotografie, die sonst so staatstragend daherkommt, um Lebensfreude – und ein Lächeln.

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Benjamin Katz – Entdeckungen, Discoveries, Découvertes, Museum Marta Herford in Herford; bis 3. Oktober. Der Katalog, erschienen im Snoeck Verlag, kostet 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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