Germanen-Ausstellung in Berlin

Ein Schild für die Götter

Von Tilman Spreckelsen
23.09.2020
, 16:47
Reiter und Pferd: koloriertes Gipsmodell von Heinrich Keiling zur Veranschaulichung der germanischen Vorfahren, nach 1913
Von der Lebenswelt der Germanen haben wir nur nebelhafte Vorstellungen. Eine Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel versucht, für Klarheit zu sorgen.

Das Land ist entweder mit Wald oder Sumpf überzogen, feucht im Westen, windig im Osten, unbrauchbar für den Obstanbau und arm an Metall, „zur Bewohnung und fürs Auge trübselig für jeden, dem es nicht Vaterland ist.“ Kein Mensch würde es den Wilden, die dort hausen, streitig machen. Deshalb müssen die Germanen, die nördlich der Donau und östlich des Rheins siedeln, wohl die Ureinwohner dieses unfreundlichen Landes sein, schloss Tacitus. Dessen „Germania“, verfasst um 100 nach Christus, geriet in Vergessenheit, bis das einzige erhaltene Manuskript im fünfzehnten Jahrhundert wiederentdeckt und ediert wurde. Nun besaß man eine Beschreibung von Sitten und Gebräuchen einer Gruppe von Menschen, die einst in Mitteleuropa gelebt hätten, von denen aber materiell nur wenig geblieben war. Es sollte noch weitere Jahrhunderte dauern, bis archäologische Funde eine eigene Perspektive auf die Bewohner dieser Gegend zur Zeit der römischen Kaiser gewährten, die wiederum derjenigen in Tacitus’ Schrift gegenübersteht. Dass es sich bei der Sammelbezeichnung „Germanen“ um den Versuch handelt, sehr unterschiedliche lokale Ethnien zu bündeln, die sich, ähnlich wie die ebenfalls von außen als „Kelten“ bezeichnete Gruppe, kaum als Einheit sahen, ist evident. Wie aber wäre der Begriff „Germanen“ dann sinnvoll zu füllen?

Dieser Frage widmet sich die Ausstellung „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“, die Ende vergangener Woche an zwei miteinander verbundenen Schauplätzen der Museumsinsel in Berlin eröffnet worden ist: In der James-Simon-Galerie werden die archäologischen Exponate gezeigt, im „Vaterländischen Saal“ des Neuen Museums soll die Rezeptionsgeschichte des Begriffs „Germanen“ in den vergangenen zweihundert Jahren beleuchtet werden.

Zweihundert Jahre Germanen-Rezeption

Das geschieht unter den wachsamen Augen der nordischen Götter, die hier als mehrteiliger Fries, entworfen von Wilhelm von Kaulbach, dargestellt sind. Erzählt werden Geschichten aus der Edda, doch die Götter gleichen antiken oder biblischen Gestalten, etwa der „Allvater“ Odin, der in Jahwe-Manier zwei Tafeln in den ausgestreckten Händen hält, auf denen aber nicht die Zehn Gebote, sondern „Friede“ und „Heil“ in Runenschrift zu lesen sind. Und die heimtückisch zu Tode gebrachte Lichtgestalt Baldur erinnert hier deutlich an den bekannten Apollo Belvedere. Mit Carl Emil Doeplers Bühnenausstattung zu Richard Wagners „Ring“-Zyklus erhielten die eddischen Gestalten dann ein germanisch gemeintes Aussehen, das sich deutlich von Arbeiten wie denen Kaulbachs absetzte.

Das Pressblech mit zentralem Tierfries aus Silber und Gold, entstanden im 3. Jahrhundert nach Christus, wurde im Thorsberger Moor gefunden.
Das Pressblech mit zentralem Tierfries aus Silber und Gold, entstanden im 3. Jahrhundert nach Christus, wurde im Thorsberger Moor gefunden. Bild: Museum für Archäologie Schloss Gottorf

Auf dem Boden des Vaterländischen Saals werden nun für die aktuelle Ausstellung zweihundert Jahre Germanen-Rezeption durchgespielt, im Allgemeinen ebenso wie speziell im Museum für Vor- und Frühgeschichte und seiner Vorgängerin, der Kunstkammer der Hohenzollern. Auf großen Stellwänden werden Lexikoneinträge zum Stichwort „Germanen“ zitiert (deren Ton allmählich differenzierter und weniger apodiktisch wird). So erfährt man, dass das Verhältnis zwischen Germanen und Slawen in der hiesigen Forschung auf unterschiedliche Weise diskutiert wurde – etwa in der Frage, welcher Gruppe bestimmte Bodenfunde zuzurechnen oder ob aus Gräberfeldern geborgene Schädel in dieser Hinsicht auffällig seien – und dass sich Archäologen wie der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte von den NS-Machthabern und ihrem Germanenkult vereinnahmen ließen, wenn sie ungestört graben durften. Ein damals im Havelländischen Luch entstandener Propagandafilm zeigt einen glücklichen Nationalsozialisten, der eine mit Hakenkreuz-Ornamentik verzierte Urne in den Händen hält.

Betonschlauch ohne Tageslicht

Dass der Germanenbegriff nach dem Krieg eher vorsichtig verwendet wurde, liegt auf der Hand. Dieser Teil der Ausstellung endet mit der Erinnerung an die Schau „Zwischen Walhall und Paradies“, die das Deutsche Historische Museum gemeinsam mit dem Museum für Vor- und Frühgeschichte 1991 im wiedervereinigten Deutschland unternahm. Darin wurden unter anderem die populären Germanenbilder des neunzehnten Jahrhunderts problematisiert. Aber welchen Befund liefert der nüchterne Blick auf die materiellen Hinterlassenschaften im Raum zwischen Rhein und Donau, wozu verhilft die im Ausstellungsuntertitel versprochene „archäologische Bestandsaufnahme“?

Räumlich gleicht die James-Simon-Galerie einem Betonschlauch ohne Tageslicht. Den Exponaten, besonders solchen aus organischem Material, kommt das entgegen, weil die Lichtverhältnisse jederzeit kontrollierbar sind. Der Vergleich mit ähnlichen Ausstellungssälen zeigt, dass sich daraus ein intensives Erlebnis machen lässt. Hier gliedern Stellwände und Vitrinen den dazwischen überraschend weiten Raum derart, dass man schon zu Beginn ein Gefühl für die kulturelle Differenzierung der Funde in Raum und Zeit bekommt, die durch einzelne Glaskästen an den Wänden repräsentiert werden, während in der Mitte eine große Karte Mitteleuropas deren Lage zeigt.

Ausgesucht schöne Metallarbeiten

Im Wesentlichen zielen die Kuratoren auf die ersten vier bis fünf Jahrhunderte nach Christi Geburt, eine Welt also, die mit der Völkerwanderung endet. In dieser ersten Abteilung wird der Blick geschärft für unterschiedliche lokale Kulturen, die sich beispielsweise an schmalfüßigen und großmündigen Tongefäßen ableiten lassen, von denen manche in der Form schlicht, in der mäandernden Verzierung diskret effektiv sind, während andere, etwa eine zu Recht so genannte sächsische Buckelurne, geradezu exzentrisch wirken.

Im Moor von Vimose auf der Insel Fünen kam dieser Beschlag mit stilisiertem Kopf aus dem 3. Jahrhundert nach Christus ans Licht.
Im Moor von Vimose auf der Insel Fünen kam dieser Beschlag mit stilisiertem Kopf aus dem 3. Jahrhundert nach Christus ans Licht. Bild: Nationalmuseum Kopenhagen, Dänemark

Die zweite, zentrale Abteilung zitiert dann mit der räumlichen Aufteilung ein traditionelles zweischiffiges Langhaus, wie es im als germanisch bezeichneten Gebiet nicht selten ist. Wie einige Male in der Ausstellung wird man sich diesen Zusammenhang eher selbst erschließen, als dass man einer Erzählung der Kuratoren folgt. Sie setzen nicht auf Glamour, sondern stellen den Alltag in den Vordergrund, so gut das geht, und zeigen dabei auch, dass trotz aller kultureller Beeinflussung einzelner Germanen durch die Römer, etwa durch den jahrelangen Dienst in der römischen Armee, die Lebensweise der germanischen Gruppen doch ziemlich resistent gegenüber den Verlockungen des Südens war. Gezeigt werden Werkzeuge wie eine Sense, Spinnwirtel und Webgewichte, die Reste eines Blasebalgs und immer wieder Zeugnisse einer Opferkultur, bei der Gegenstände in Seen oder Mooren versenkt wurden. Eine Vitrine zeigt – womöglich erbeutete – Waffen, die kaum etwas Römisches an sich haben und daher als Niederschlag innergermanischer Auseinandersetzungen gedeutet werden. Prächtig ist etwa ein großer, wunderbar erhaltener Holzschild mit metallenem Buckel in der Mitte und Nägeln an den Rändern. Oder ein zauberhaft feiner Lederschuh, ebenfalls aus dem Moor geborgen, Spielbretter aus Holz und Steine aus schwarz oder weiß gefärbtem Glas.

Zwischen so viel Alltag gibt es auch ein paar ausgesucht schöne Metallarbeiten, die von der Kunstfertigkeit zeugen, mit der germanische Feinschmiede, die möglicherweise zwischen den Höfen der Vornehmen wanderten, Ornamente schufen, die immer auch die Frage nach dem römischen Kulturkontakt stellen.

Dafür steht die letzte Vitrine, die explizit die Nachahmung römischer Vorbilder zeigt und dabei auch das offensichtliche Misslingen nicht ausspart. Die große Wanderungsbewegung aber, die dann einsetzt, führt ein hölzerner, im heutigen Marzahn geborgener Brunnenschacht vor Augen: Auf dem germanischen Unterbau ruht ein slawischer Aufsatz.

Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme. James-Simon-Galerie, Berlin; bis 21. März 2021. Der Katalog kostet 39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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