Geschichte der Gewerkschaften

90 Jahre Kontroversen um Frankfurts erstes Hochhaus

Von Falk Heunemann
12.07.2021
, 16:28
Laut Denkmalamt das erste Hochhaus Frankfurts:  Gewerkschaftshaus aus dem Jahr 1931 (links), im Hintergrund das Union-Investment-Hochhaus von 1977
Historiker streiten, ob das Gewerkschaftshaus von 1931 wirklich das erste Hochhaus Frankfurts war. Seine Geschichte zeigt jedoch, wie sehr sich die Gewerkschaften im Laufe eines Jahrhunderts verändert haben.

Wenn Dieter Wesp ein paar Touristen verwirren möchte, dann führt er sie in die Wilhelm-Leuschner-Straße. Dort steht, eingekeilt zwischen Wolkenkratzern, ein unscheinbar wirkender Bürobau aus dunkelgrauem Stein und mit blauen Fenstern. Es ist die Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Frankfurt. Das da, sagt Stadtführer Wesp, sei das „erste richtige Hochhaus“ in Frankfurt gewesen. „Dann gucken mich die Leute immer ungläubig an, die können das gar nicht mehr nachvollziehen.“

Aber stimmt das? Die Frage, welches das erste Hochhaus war, ist schließlich nicht unwichtig für eine Stadt, die Deutschlands bekannteste und höchste Skyline besitzt. Tatsächlich wird andernorts der 1926 fertiggestellte und 33 Meter hohe Mousonturm als Hochhaus-Erstling genannt, oder es wird auf das von 1928 an gebaute IG-Farben-Gebäude im Westend verwiesen. Aber diese Vergleiche lässt Stadthistoriker Wesp, der eine Geschichte des Gewerkschaftshauses zu dessen Jubiläum verfasst hat, nicht gelten. Der Mousonturm komme nur wegen des überdimensionalen Treppenhauses auf diese Höhe, doch Türme, Schornsteine oder Masten würden in der Architektur bei der Höhenermittlung vernachlässigt. Und das IG-Farben-Haus? Das sehe, weil es so lang und breit sei, ja gar nicht nach Hochhaus aus. Zudem habe das Denkmalschutzamt der Stadt Frankfurt, als es dem Gewerkschaftshaus 1998 den Denkmalschutzpreis verliehen habe, es in der Begründung dazu als „das erste echte Bürohochhaus in Frankfurt“ bezeichnet.

Ein Gewerkschaftshaus im Bankerviertel

Kontroversen sind dem Gewerkschaftshaus nicht fremd, seitdem es vor 90 Jahren errichtet wurde. Die Stadt der Kaufleute und des Kapitals hat sich lange nicht leicht getan mit dem Bund der organisierten Kapitalismuskritik. Zugleich spiegelt seine Geschichte die Umbrüche wider, die die Stadt, aber auch die Wirtschaft und die Gewerkschaften im vergangenen Jahrhundert durchlebt haben.

Im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung nach Deutschland kam, waren Gewerkschaften jahrzehntelang politisch bekämpft und durch Bismarcks Sozialistengesetze verboten gewesen. Als sie schließlich 1890 erlaubt wurden, schnellten die Mitgliederzahlen in die Höhe. 1914 waren es schon 2,5 Millionen, 1931 dann 4,7 Millionen. Das rapide Wachstum spürte auch der neue Gewerkschaftsbund in Frankfurt. 1901 hatte er zunächst ein Eckhaus an der Allerheiligenstraße bezogen und später erweitert, indem die Nachbarhäuser erworben und die Räume über Wanddurchbrüche und Treppen verbunden wurden. Schnell wurde es zu eng, denn nicht nur der Dachverband und die Einzelgewerkschaften benötigten Büros, unterm Dach waren auch 100 Betten aufgestellt – für reisende Handwerker.

Durch einen Zufall, wie Wesp in der neuen Jubiläumsbroschüre schreibt, stieß man auf ein freies Grundstück zwischen dem Untermainkai und der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße. Dort, in Mainnähe und in Laufweite zum Hauptbahnhof, hatten allerdings zuvor schon Bankiers ihre Stadtvillen im Grünen errichtet. Sie wehrten sich lange gerichtlich gegen das Proletariat in der Nachbarschaft, warnten vor „Belästigungen durch Lärm und Gerüche“.

Beispiel für das „Neue Frankfurt“

Der Bau erregte aber auch Aufsehen, weil er architektonisch nicht dem entsprach, was die Kaufleute in ihren Jugendstil-Villen gewohnt waren. Die Berliner Architekten Max Taut und Frank Hoffmann folgten, wie auch der damalige Frankfurter Stadtplanungsdezernent Ernst May, den Prinzipien der „Neuen Sachlichkeit“ des Bauhauses. Der neunstöckige Gebäudekomplex sollte schlicht und funktional sein, aus modernen, industriell gefertigten Materialien wie Beton, Stahl und Glas errichtet werden, die Räume und Fenster wurden standardisiert, die Treppen mit trittfestem Stein belegt. Das Treppenhaus besteht nahezu komplett aus Fenstern. Auch eine Tiefgarage und ein Fahrradkeller wurden damals bereits eingeplant.

Vorgesehen waren ursprünglich nicht nur ein Bürogebäude, sondern auch ein Saalbau für Veranstaltungen, eine Gastwirtschaft mit Garten und ein Hotel als Arbeiter-Unterkunft. Das allerdings konnten die Nachbarn gerichtlich verhindern – so wurde nur das Bürohochhaus errichtet, in elf Monaten Bauzeit. Das Gebäude, hieß es anschließend 1931 in der von Ernst May mitgegründeten Zeitschrift „Das neue Frankfurt“, sei beispielhaft für einen sparsamen und einfachen Stil, „der besser als jedes große Gebäude dem Empfinden des Volkes entspricht, das diesen Bau aus seinen Mitteln ermöglicht hat“. Vom öffentlich zugänglichen Dach bot sich den Besuchern der unverstellte Blick auf eine Stadt, in der damals nur Kirchtürme und Dom die Skyline prägten.

Lange konnten die Gewerkschaften ihr neues Heim nicht nutzen. 1933 wurden die Gewerkschaften gleichgeschaltet, das Gebäude von den Nazis besetzt und zum „Haus der Arbeit“ der Deutschen Arbeitsfront umgewidmet. Nach dem Krieg erhielten die Gewerkschaften es weitgehend unbeschädigt zurück, in den sechziger Jahren wurde es durch den Bau weiterer Verwaltungsgebäude erweitert.

Adorno und Horckheimer zu Besuch

Der benachbarte Neubau, der von der Industriegewerkschaft Metall bezogen und zur Bundeszentrale ausgebaut wurde, leitete den nächsten Umbruch ein. Der Kampf gegen Wiederbewaffnung und Notstandsgesetze in den Fünfzigern und Sechzigern sei der politische Höhepunkt für den Gewerkschaftsbund gewesen, sagt Wesp, der auch dem Verein für Frankfurter Arbeitergeschichte angehört. „Damals sind Habermas, Adorno und Horkheimer ins Gewerkschaftshaus gegangen, weil sie mit einem politischen Streik hofften, die Notstandsgesetze verhindern zu können.“ Daraus wurde nichts, die Gewerkschafter schreckten davor zurück, weil der Streik illegal und, nicht zuletzt, teuer geworden wäre.

Dazu kommt: In den Jahren und Jahrzehnten danach wurden die Gewerkschaften zunehmend selbst Teil des Establishments, das sie zur Jahrhundertwende noch bekämpft hatten. Sie sind als politische Stimme der Arbeitnehmer akzeptiert und respektiert, das zeigt sich in Nicht-Pandemiejahren stets Anfang Januar, wenn im Gewerkschaftshaus die politische Elite der Stadt beim Neujahrsempfang des DGB zusammenkommt. Zugleich verlagerten sich aber auch die Konflikte: Die allgemeinpolitischen Forderungen des Gewerkschaftsbundes für Mitbestimmung, Umverteilung und Arbeiterrechte wurden zunehmend überlagert von den Tarifkämpfen in einzelnen Branchen – für die aber nicht der DGB, sondern die Einzelgewerkschaften zuständig sind. Dass die IG Metall mit ihrem 2005 bezogenen um 80 Meter hohen Neubau nun visuell die DGB-Zentrale überragt, erscheint durchaus symbolisch.

Der Frankfurter DGB-Chef Philipp Jacks will darin nichts Negatives erkennen. Dass die weltweit mitgliederstärkste Einzelgewerkschaft IG Metall eine große Bundeszentrale in Frankfurt habe, zeige doch nur, „dass Gewerkschaften weiterhin relevant sind“. Ihn beschäftigt weitaus mehr, wie moderne Gewerkschaftsarbeit in dem alten Gebäude auch künftig möglich ist. „Klimatisch wird es im Sommer hier schon schwierig“, sagt Jacks, die Einzelbüros sind nicht klimatisiert. Da das Gebäude denkmalgeschützt ist und Außenjalousien nicht erlaubt sind, müssen sich Beschäftigte mit Durchlüften und Ventilatoren behelfen. Immerhin, seit einer Sanierung vor gut 20 Jahren wurden neue Kabel verlegt und das Haus ans schnelle Internet angeschlossen, auch der Saal hat kürzlich, nach langem Ringen mit der Telekom, einen schnellen Netzanschluss erhalten.

Denn auch der Gewerkschaftsbund hat sich in der Coronakrise umgestellt: Veranstaltungen werden seitdem oft im Internet übertragen, und die Büros werden seltener genutzt, weil die Mitarbeiter tageweise im Homeoffice bleiben. Dennoch, sagt Jacks, solle im Haus im Wesentlichen alles so bleiben wie bisher. Gewerkschafter seien ja ohnehin schon immer viel unterwegs zu Betrieben und wenig im Büro gewesen, sagt Jacks. Und von Großraumbüros und Desk Sharing, wie es in Konzernen seit dem Lockdown diskutiert wird, halte er gar nichts. „Jeder braucht einen festen Arbeitsort, an dem er sich einrichten und wohlfühlen kann.“ Denn eines hat das Gebäude allen anderen historischen Hochhäusern tatsächlich voraus: Kontinuität. Es wurde vor 90 Jahren als Zentrale für die Gewerkschaften in Frankfurt gebaut, und wird seitdem von ihnen genutzt – bis heute und auch in Zukunft.

Zum Jubiläum des Gewerkschaftshauses richtet der DGB Frankfurt am Montag, den 12. Juli 2021, um 19 Uhr einen kleinen Festakt aus, der online unter www.dgb-frankfurt.de/90Jahre zu sehen ist. Auf dieser Internetseite ist auch das Buch zur Geschichte des Gewerkschaftshauses als PDF abrufbar, das mit dem Verein für Frankfurter Arbeitergeschichte erstellt wurde. Die Autoren würden sich über eine Kontaktaufnahme freuen, wenn Frankfurter weitere Informationen und Anekdoten zur Geschichte des Hauses haben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Heunemann, Falk
Falk Heunemann
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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