Goyas Frau im Krieg ist heutig

Kubisten aller Länder, verteidigt euch

Von Stefan Trinks
20.03.2022
, 20:33
In Friedenszeiten entstanden in Lemberg Skulpturen – jetzt verarbeiten Menschen Altmetall zu Panzersperren.
Künstler und Individuen im Krieg: In der Ukraine erstehen Goyas Partisanen in selbst gefertigter Camouflage wieder auf.
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Eines der bestürzendsten Blätter aus Francisco de Goyas ohnedies traumatisierender Partisanenkriegsserie „Desastres de la Guerra“ (Die Schrecken des Krieges) ist das vom Künstler „Que valor!“ (Welcher Mut!) benannte. Eine Frau ist dort beim Abfeuern einer riesigen Kanone zu sehen, die sie gegen den im Bild nicht sichtbaren Feind richtet. Die französische Invasionsarmee hat jedoch schon schrecklich gewütet, denn die ab dem Oberkörper verdunkelte Frau ist nur über einen Haufen gefallener Verteidiger hoch zu dem Geschütz gelangt. Ihr kriegsuntauglich langes Kleid weist sie als Zivilistin aus, die überraschend in das mörderische Geschehen einbezogen wurde.

Es handelt sich um Agustina de Aragón. Durch ihr tollkühnes Eingreifen und Abfeuern der Kanone auf die Invasoren, während diese bereits davon ausgingen, nach dem vollständigen Niederkartätschen der Verteidiger am Stadttor leichtes Spiel zu haben, soll sie die entscheidende Wendung in der Belagerung von Saragossa bewirkt haben. Wie in allen Bildern der Desastres stellt Goya aber auch in diesem Blatt keine naive Heldenapotheose dar; der Weg dieser beherzten Verteidigerin führt buchstäblich über Leichen. Auch Freunde von Goya kamen in dem grauenvollen Krieg und konkret bei der Belagerung seiner Heimatstadt Saragossa ums Leben; sie könnten in dem makabren Toten-Sockel sein.

Wenn ein Individuum den Krieg dreht: Francisco de Goyas „Welcher Mut! (Que Valor!)“, 1810-1815.
Wenn ein Individuum den Krieg dreht: Francisco de Goyas „Welcher Mut! (Que Valor!)“, 1810-1815. Bild: Picture Alliance

In den vergangenen drei Wochen kehrten viele dieser von Goya schmerzhaft zeitlos fixierten Bilder des Grauens wieder. Was vielen Betrachtern dieser Bilder aber besonders nahegeht, ist der keinerlei Aufopferung scheuende Einsatz aller dort, Männer wie Frauen. Die Ukrainer sind ein Volk in Waffen, und viele jener, die keine Waffe führen, arbeiten auf „kunstvolle“ Weise an der Verteidigung ihres Landes und Tarnungen zum Schutz vor weiteren Bombardierungen. Das Wort „kunstvoll“ könnte angesichts der Verteidigung des nackten Lebens geschmacklos wirken, wäre da eben nicht wieder Goya, der zeigt, wie die Spanier mit allen Mitteln ihrer Kultur um die Erhaltung derselben kämpfen.

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So las man von Bildhauern in Lwiw-Lemberg, die in Friedenszeiten elaborierte Skulpturen schaffen, nun aber Altmetall, T-Träger oder rostige Eisenbahngleise zu Panzersperren zusammenschweißen. Diese „Igel“ stehen jeweils mit drei Trägerbeinen auf dem Boden und wirken dadurch und mit ihrer Cortenstahl-Optik wie archaische Urwesen mit drei Beinen, wie abstrakte Skulpturen. Wesentlich eleganter ist die geschweißte Eisengroßplastik am Berliner Potsdamer Platz von Mark di Suvero auch nicht, mit dem Unterschied natürlich, dass sie Millionen kostete.

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Möglichst naturnah oder schrill und bunt?

Dazu kommen viele Aufnahmen ukrainischer Frauen und Jugendlicher bei der Arbeit an riesigen Tarnnetzen. In Lwiw-Lemberg beispielsweise haben nicht nur Zivilisten, sondern auch Studenten der Universität und der Kunsthochschule Camouflage-Netze für ihre Verteidiger geknüpft – aus tausenderlei Stoffresten. Im westukrainischen Uschgorod im Oblast Transkarpatien arbeiteten die Bühnenbildner des örtlichen Theaters – ohnehin ja ausgebildete Raumwandler – mit den Einwohnern der Stadt und zahlreichen Flüchtlingen zusammen an auffällig professionellen Tarnnetzen für gewaltige Flächen. Die meisten dieser Tarnnetze sind naheliegenderweise von den Farben der Natur inspiriert, wie sie auch in der naturalistischen Landschaftsmalerei ukrainischer Künstler immer wieder verewigt wurde, also Grün- und Brauntöne, aber auch Mauve.

Die Erfindung dieser künstlerischen statt nur unifarbenen oder feldgrauen Tarnungen geht auf den Ersten Weltkrieg und den französischen Maler Louis Guingot zurück. Guingot war nicht zuletzt inspiriert vom Impressionismus, und so wundert es nicht, dass seine frühesten Tarnjacken in grün-braune Töne und Fahlgelb getaucht sind. Stünde man mit dieser Armeekleidung vor einem lebensgroßen impressionistischen Waldgemälde, auf dem die durchs Blätterdach gefilterte Sonne Flecken auf den Boden zwischen den Bäumen tupft – man würde nahezu unsichtbar mit dem Bild verschmelzen.

Alle sind dabei: Eine Freiwillige fertigt am 17. März 2022 Tarnnetze im westukrainischen Uschgorod.
Alle sind dabei: Eine Freiwillige fertigt am 17. März 2022 Tarnnetze im westukrainischen Uschgorod. Bild: Getty

Auf vielen aktuellen Fotos aus der Ukraine sieht man allerdings auch, wie quietschbunte Farben und Stoffreste zu Tarnung verarbeitet werden, von denen man als Anfangsreaktion erschreckt befürchtet, sie würden die Angreifer erst recht auf das zu Schützende aufmerksam machen. Wiederum in Uschgorod sah man Frauen, die leuchtend blaue und rote Stoffe zu Tarnnetzen verknüpften. Ein optischer Pfeil für die Bomben? Im Gegenteil.

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Die Geschichte wiederholt sich

Denn derart kontraintuitiv anders als bei „naturalistischer“ Tarnkleidung ging man im Ersten Weltkrieg auch bei Großgerät vor. Mehr als viertausend Schiffe der amerikanischen und englischen Flotte – inklusive des Hauptziels ziviler Handelsschiffe – wurden bis Kriegsende von Künstlern bemalt. Die sogenannten „Dazzle-Ships“, von „to dazzle“ gleich „verwirren“, wurden in den schreiendsten abstrakten Mustern bemalt. Das Kanonenboot HMS Kildangan etwa wirkte mit seinem mehrfach gegen­einander versetzten schwarz-weißen Streifen-Zickzack wie zwei Zebras, die als Nichtschwimmer ins Wasser gefallen sind und sich strampelnd aneinander hochzuziehen versuchen. Die übrigen unter der künstlerischen Leitung von Norman Wilkinson bemalten Schiffe waren nicht weniger auffällig mit kubistisch auseinanderberstenden oder hypnotisch kreisenden Linien versehen, oft in grellem Grün-Blau.

Mit erstaunlichem Erfolg, denn durch die Periskope der deutschen U-Boote schienen die Schiffe nun flirrend in zwei Richtungen zugleich zu fahren. Ein Vorne und Hinten war ebenso wenig auszumachen wie eine reelle Einschätzung der Entfernung – die Zahl der versenkten Schiffe fiel radikal, mithin auch die Zahl getöteter Seeleute. Präsident Roosevelt ebenso wie britische Admiräle bedachte die expressiven „Dazzle-Ships“ zwar mit denselben wenig schmeichelhaften Vergleichen, die sie auch für moderne Kunst insgesamt übrighatten – „Böser Traum eines Futuristen“, „verrückt gewordener russischer Spielzeugladen“, ein Schiff wie eine „besoffene Ringelschlange“ oder „zerfließende Kubistenbilder“ sind noch die freundlicheren –, doch der Erfolg sprach für sich, weshalb auch Picasso nach dem Krieg die Erfindung der Kubo-Tarnung für sich beanspruchte. Weil aber die Tausenden von Schiffen unmöglich von Künstlern allein zu bemalen waren, halfen ihnen vor allem: Frauen. Zu Wilkinsons Team zum Beispiel zählten neunzehn Personen – fünf davon ausgebildete Künstler (die für jedes Schiff einen neuen Entwurf aquarellierten), drei Modellbauer und elf Kunststudentinnen.

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Auf deutscher Seite bemalte im Ersten Weltkrieg unter anderem Franz Marc neun lange Zeltbahnen mit Tarnung, um schweres Kriegsgerät vor der französischen Luftaufklärung zu verbergen: Einen knappen Monat vor seinem Tod am 4. März 1916 schreibt er an seine Frau, er habe soeben „Kandinskys“ gemalt – und meint das nicht nur positiv. Ein Flugzeug wird in die Luft geschickt, um zu sehen, wie diese Kandin­skys „auf 2000 Meter wirken“, wie Marc im Brief fortfährt, wobei er auf den Zeltplanen noch weitere Stile von Monet bis zur völligen Abstraktion austestet. Mit dem Resultat, dass auch hier das „grob pointillistische System“ die besten Tarnung gewährleistet.

Dies immerhin ist grundlegend anders in dieser ansonsten fassungslos machenden Wiederholung von Geschichte: Auf ukrainischer Seite hat jeder der für sein Land oder seine Familie kämpfenden Menschen ein individuelles Antlitz, das er nicht zu verbergen braucht. Und wie bei Goya mischen sich viele Gesichter tapferer Frauen und Künstler darunter.

Quelle: F.A.Z
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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