Edvard Munch in Ingelheim

Hektografierte Emotion

Von Stefan Trinks
19.05.2022
, 19:40
Unter Druck: Das Kunstforum Ingelheim zeigt Edvard Munchs Passionen, vor allem jene für Grafik. „Der Schrei“ wird in Schwarzweiß noch einmal intensiver.
ANZEIGE

Too much Munch? Nach Eröffnung des neuen, im Osloer Hafen schimmernden Edvard-Munch-Museum mit seinen über sechsundzwanzigtausend Werken und Objekten des Malers, nach Ausstellungen zu seinem gewaltigen Einfluss auf zeitgenössische Künstler in Wien und London – braucht es da noch eine Schau im Kunstforum Ingelheim eigens zur Grafik des Norwegers? Die Antwort soll keine rhetorische sein, aber Munch schafft es, sein Theater der Emotionen in direktester Weise in seinen grafischen Werken auszudrücken, stärker noch als in den Ölgemälden. So simpel wie auch paradox ausgedrückt: Die oft in Holzstöcke geschnittenen, brachial in Metallplatten gravierten und auf den Bildoberflächen danach noch weiter traktierten Passionen Munchs übertragen sich in ihrer ganzen Rohheit und Unmittelbarkeit auf den Betrachter, während durch den Umdruck auf fragiles Papier die Subtilität, die seinen Arbeiten ebenfalls eignet, zum Ausdruck gebracht wird und damit eine Balance hergestellt wird.

Auch der Zufall und eine radikale Subjektivität arbeiten mit. Sein Pariser Drucker Auguste Clot überlieferte glücklicherweise, wie es zu den bis dato ungekannten Farbkombinationen in seinen Grafiken kam. Munch stellte sich vor die bis zu fünf in Reihe aufgestellten Lithographiesteine und dirigierte Clot mit geschlossenen Augen: „Drucken Sie grau, grün, blau, braun!“, um nach etlichen Schnäpsen im nächsten Bistro zurückzukehren und allein vor seinem inneren Auge die ebenso ungewöhnliche Farbkombination „Gelb, rosa, rot!“ abzurufen. Hinzu kommt, dass die gesamte Bandbreite oft genug widersprüchlicher Emotionen erst durch eine Serie abzudecken ist, was wiederum in der Grafik leichter zu bewerkstelligen ist. Munch schuf so wiederholt Fortsetzungsgeschichten der Seele auf Papier.

ANZEIGE

Dieser Ausgleich extremer Gegensätze zieht sich durch Munchs Leben. Nach einem kurzen Kunststudium in Christiania, dem heutigen Oslo, übersiedelt er im Jahr 1889 ausgerechnet in das impressionistische Paris, um sich mit dem Symbolismus auseinanderzusetzen, der sein Werk zwar nicht unwesentlich bestimmt, den er aber schon in Paris überwindet, was dann von 1903 an zu einem Expressionismus in Form und Inhalt führt. Persönliche Schicksalsschläge wie der frühe Tod der Mutter und einer Schwester („Das kranke Kind“, in Ingelheim mit vielen Variationen vertreten), aber auch unglückliche Beziehungen zu Frauen prägen schon früh das Werk. Seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht pendelt zwischen den Extremausschlägen Angst und Glück, Sehnsucht und permanent enttäuschter Erwartung. Tiefste Depression und himmelhohes Jauchzen, Einsamkeitssuche und gleichzeitiges Gieren nach Freunden wie Ibsen, Stanislaw Przybyszewski oder Strindberg kommen hinzu. Den Gefühlen ist je einer der fünf thematischen Säle im Kunstforum gewidmet.

Munch fürchtet Frauen und liebt sie gleichzeitig abgöttisch, gibt sich ihnen schutzlos hin. Für die Auflösung dieses Dilemmas stürzt sich der Künstler auf Zwitterfiguren, die beide Seiten beinhalten: Da ist vor allem die fast zweitausend Jahre alte Imago der heiligen „Madonna“, makellos, doch verführerisch schön, Joseph als tumben Toren dominierend und demütig zugleich. Im fünfzehnten Jahrhundert wagt es mit Jean Fouquet erstmals ein Maler, seiner Madonna in Tricolore-Farben auf dem Diptychon von Melun die Züge der Königsmätresse Agnes Sorel zu verleihen. Hundert Jahre später bei Caravaggio im ausgehenden sechzehnten Jahrhundert zucken die Römer nur noch mit den Schultern, wenn er als Modell seiner Muttergottes eine stadtbekannte Prostituierte wählt, die er zudem bevorzugt aufsuchte.

ANZEIGE

Dasselbe gilt für Munch als eifrigen Bordellgänger, der seiner Serie der vergötterten Geigerin Eva Mudocci mit dem offenen Wallehaar Madonnenzüge verleiht, mit der überdimensionierten Brosche auf ihrer Brust aber auch auf sehr weltliche Verführungen zurückverweist. Wer weiß, dass sich Munchs inniger Freund, der Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski, wegen dieser Frau erschossen hat, ahnt die gewaltigen Abgründe hinter dem Titel „Madonna“. In einer anderen Version quetscht sich der Künstler selbst mit äffischen Zügen und eingefallenen Wangen rechts unter Eva Mudocci, während sie triumphierend lächelnd. Das ungleiche Paar-Bild nennt Munch „Salome“. Die unsterblich in Johannes den Täufer Verliebte war für diesen genauso todbringend wie Munchs „Vampyr“, der die „komplexe Anziehungssituation zwischen Mann und Frau“ verkörpert, wie Uwe M. Schneede als langjähriger Direktor der Hamburger Kunsthalle und Munch-Kenner im Ingelheimer Katalog fast hanseatisch zurückhaltend schreibt.

Bei Munch waren die Vampire weiblich

Ebenfalls durch Grafik stärker auszudrücken ist die unauflösliche Aneinanderkettung der beiden Geschlechter. Auf dem frühen Holzschnitt „Im männlichen Gehirn“ von 1897 bilden die jugendstilartig aus Munchs Kopf ausströmenden Gedankenwellen die Linien und langen Haare einer nackten Frau über seinem brütenden Haupt. Die gesichtslose Nackte badet gewissermaßen in diesem Äther. Der feuchte Traum wird jedoch durch die mitgedruckte Maserung des Holzes, die rüde und abstrakte Bänder über das Ganze legt, als bloßes Gedankenspiel gleichsam durchgestrichen.

ANZEIGE

Liebe ist für Munch kaum anders auszudrücken als durch das hummelhafte Vibrieren von Linien. Das rohe und widerständige Holz als Kunstmaterial wird ihm dabei zum Regulativ und Schutz vor zu viel Jugendstil-Gefälligkeit und Glätte. Im Farbholzschnitt „Der Kuss II“ aus demselben Jahr geht er noch einen Schritt weiter. Das sich küssende Paar im Zentrum ist mit seinen Gesichtern vollständig verschmolzen; ein Äther von Emotionen legt sich in tiefblauen Wellen wie eine schützende Aura um die Liebenden und findet ein ersterbendes Echo in den immer lichtblauer und dünner werdenden Holzschnitt-Wellen im grünen Umraum der Natur um die beiden. Eine Synthese all dessen ist der traumschöne Farbholzschnitt „Zum Walde II“, von dem in Ingelheim drei Versionen zu sehen sind. Auf jener aus dem Kupferstichkabinett Dresden von 1915 steht das Paar mit aneinandergerückten Köpfen zur platonischen Einheit verschmolzen vor einer Nadelwaldkulisse, wobei sie kupferrotes Haar und ein in Falten differenziertes weißes Gewand trägt, während er nur eine amorphe dunkle Masse ist. Nicht nur ist aber der Wald sehr abstrakt in Farbstreifen temperiert; auch der Himmel tropft wie mit Verlaufsspuren in Blassblau von oben in das Bild hinein und auf das Paar.

Die hässlichen Zwillinge Angst und Trauer als Munchs ständige Begleiter finden sich selbst in einem seiner berühmtesten Motive, den „Mädchen auf der Brücke“, das im Kunstforum in einer späten und selten schönen Kombitechnik aus Farbzinkographie und Holzschnitt von 1920 vertreten ist. Als Gruppe stehen sie auf dem ansonsten menschenleeren Landungssteg von Åsgårdstrand, Munchs Domizil. Die hölzernen Brückenbohlen rauschen, von Munch tief in den Druckstock gekerbt, unter ihren Füßen wie Geschwindigkeitsstreifen diagonal nach hinten. Auch das Geländer aus der „Schrei“-Trias Gelb-Rot-Blau scheint nur noch aus expressionistischen Lichtstrahlen zu bestehen, Halt gibt es gewiss keinen mehr. Der wie von einem Regenvorhang gestriemte Himmel, ja die gesamte Natur schreit, nur für Munch und die empfindsamen Kinder auf der Brücke wahrnehmbar. Und da der druckende Holzstock Natur ist, der das Bild wörtlich prägt, verleiht er der Umwelt hier direkteste Ausdrucksmöglichkeit.

Dass die These eines materiellen Transformierens von Emotionen mittels grafischer Techniken nicht verfehlt ist, zeigen in Ingelheim die Porträts seiner Freunde und die Selbstbildnisse, in denen er am stärksten experimentiert. Jenes von 1908 hat Munch hektografiert, und man riecht geradezu den noch aus Schulzeiten vertrauten Alkoholdunst der drei hintereinander gedruckten Matrizen in Fuselblau und Fahlgrün. Wie so oft starrt er skeptisch in die Welt, in anderen Selbstporträts gar aus tiefschwarzem Raum mit Knochen darunter. Dieser gebrochene Blick auf die Welt läutete vor mehr als hundert Jahren die Moderne ein.

ANZEIGE

Edvard Munch – Meisterblätter. Im Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus; bis zum 10. Juli. Der Katalog kostet 24 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE