Tier-Ausstellung in Hamburg

Die Seele des Gorillas

Von Rose-Maria Gropp
12.12.2017
, 13:19
Otto Seifert, „Junger Gorilla“ aus Gips, um 1890
Es gibt kein Leben für den Menschen ohne das Tier: Eine Hamburger Ausstellung zeigt die Verwandtschaftsverhältnisse. Die phänomenale Schau regt an, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier neu zu verhandeln.

Der Blick wendet sich von der Gipsbüste nur schwer ab. Sie ist ein „Junger Gorilla“, um 1890 von Otto Seifert abgeformt, aus dem Bestand der Zoologischen Sammlung der Berliner Humboldt-Universität. Vielleicht ist es eine Skulptur nach dem Leben, inspiriert von M’Pungu, dem zweiten Gorilla, der 1876/77 Europa je lebend erreichte.

Er war eine Sensation, nicht nur für die Tierkundler, aber er starb bald. Ebenso möglich ist, dass es sich um die vollplastische Adaption der Totenmaske des Affen handelt; doch Totenmasken gelten gemeinhin Menschen. Unweigerlich versucht man, in seinen Zügen zu lesen, die Mimik zu deuten, Empfindungen zu erkennen, bis heute. Man sucht die Seele des Gorillas, in der Nachfolge von Charles Darwin – natürlich, denkt man beinah. Geht es doch in Darwins Evolutionstheorie auch um die nahe Verwandtschaft von Affe und Mensch; die Molekularbiologie hat sie inzwischen bestätigt.

Lebender Geier aus einem Video von Allora & Calzadilla
Lebender Geier aus einem Video von Allora & Calzadilla Bild: Allora & Calzadilla

Aber schon so viel früher ist der Affe im Spiel, wenn der Mensch ihn braucht – zur eigenen Orientierung im Universum, um sich seiner Existenz zu vergewissern. In Hamburg lässt sich seinen Spuren durch die Zeitläufte folgen. Im alten Ägypten erscheint der Pavian als göttliche Inkarnation, als Führer ins Totenreich. Schwebend in der Ambivalenz zwischen Unschuld und Triebhaftigkeit, bleibt der Affe stets der andere des Menschen. Bis er im Film „King Kong“ 1933 auf die Spitze des Empire State Building steigt,in sprachloser Liebe zu einer Frau, abgeschossen wird von den Heroen der in der Moderne geforderten Triebunterdrückung. Im Jahr 1800 hatte Alexander von Humboldt zärtlich den „Singe Cacajao“, sein Meerkätzchen, gezeichnet, das er auf der Expedition bei sich hatte und dessen letztlich tödliche Krankheit er nicht heilen konnte.

Menschliche und nichtmenschliche Tiere

Schlicht „Tiere“ heißt die phänomenale Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe. Sie präzisiert ihr Thema mit der Trias „Respekt/Harmonie/Unterwerfung“. Damit ist das Feld abgesteckt, das auf 1200 Quadratmetern Ausstellungsfläche das Verhältnis zwischen Mensch und Tier untersucht, genauer: das Verhältnis zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Tieren. Sabine Schulze, die Direktorin des Hauses und zugleich Kuratorin der Schau, überschreibt ihr Vorwort im Katalog mit „Animal Turn“. Damit nimmt sie einen Begriff der New Ethology auf, der kulturwissenschaftlichen Forschungsarbeit, zu der die Animal Studies gehören, die sich mit dem Tier-Mensch-Verhältnis auseinandersetzen, unter ethischen, gesellschaftlichen und politischen Aspekten. Schulze formuliert das Anliegen der Schau emphatisch: „Das Verhältnis von Mensch und Tier muss neu verhandelt werden. Tiere sollen endlich zu ihrem Recht kommen, ihr subjektives Empfinden, ihre Individualität und Verletzlichkeit verlangen Respekt.“ Das ist die Stunde der Kunst.

Ein elf Zentimeter großer Jaguar aus einer Gold-Kupfer-Legierung als Anhänger, um 500 vor Christus in Nordperu geformt.
Ein elf Zentimeter großer Jaguar aus einer Gold-Kupfer-Legierung als Anhänger, um 500 vor Christus in Nordperu geformt. Bild: Brigitte Saal/Museum für Völkerk

Der Mensch muss in den Hintergrund treten, ist indessen vielfältig gespiegelt in den Schöpfungen, die ihn mit der Welt seiner animalischen Gefährten verbinden. Gibt es doch keine Vorstellung von Welt – nicht die des Paradieses, nicht die einer Unterwelt, nicht die einer humanen Existenz –, zu schweigen von einem Unterbewussten, ohne die Tiere, ohne ihre Anwesenheit. Dahinter steht die von der Wissenschaft endlich vehement aufgeworfene Frage nach der moralischen Berechtigung des Menschen, über die Tiere zu verfügen, im Guten wie im Schlimmen. Die Ambiguität dieser Beziehung lässt sich, man ist versucht zu sagen: naturgemäß, nicht enzyklopädisch darstellen.

Pervertierter Umgang mit dem Tier als Nahrungsspender

Die Schau nimmt das Thema, dessen Brisanz die derzeitige wissenschaftliche Diskussion belegt, mit rund 140 Werken der bildenden und angewandten Kunst in allen ihren Varianten auf, von der Frühzeit bis in die Gegenwart. Es beginnt, als die Menschen in den Höhlen von Mutoko in Zimbabwe vor 30.000 Jahren Wimmelbilder malten, in denen sie sich mit der Fauna mischen, überwölbt von riesigen Elefanten wie Himmelserscheinungen. Der Ethnologe Leo Frobenius ließ die Höhlenbilder 1921 getreu im Breitwandformat abmalen. Es geht aber nicht um eine Chronologie, sondern um überzeitliche Korrespondenzen, unmittelbar sinnlich in der Nachbarschaft der Objekte. Da weist ein winziges liegendes Bronze- Schaf von Joseph Beuys in seiner Formensprache zurück zu archaischen Tierplastiken und führt hin zu Franz Marcs berühmtem „Liegenden Hund im Schnee“ (aus dem Frankfurter Städel), dem die ersehnte Harmonie aller Kreatur mit der Natur im Kubismus gelingt. Die Vielfalt der Objekte offenbart, wie spielend, die Wahrheit: Es gibt keine naturgegebene Beziehung zwischen Mensch und Tier. Die Differenz – sei sie Geste der Überlegenheit, sei sie hätschelnde Nähe – ist eine Konstruktion, sie lässt sich dekonstruieren als ein Herrschaftsverhältnis.

Ihre Schwingen sprengen den Rahmen des Blatts: Aquarell einer Fledermaus, früher Albrecht Dürer zugeschrieben
Ihre Schwingen sprengen den Rahmen des Blatts: Aquarell einer Fledermaus, früher Albrecht Dürer zugeschrieben Bild: Pierre Guenat/Besançon

Das beschreibt im Katalog Roland Borgards ganz luzide. Doch er nährt auch die Hoffnung, dass „die Kunst uns an der irritierenden Energie der Tiere teilhaben lassen kann“. Dafür braucht man nur die Sorgfalt zu betrachten, die im alten Ägypten einer Katzenmumie galt, weil sie ihren gestorbenen Besitzer ins Jenseits begleitete. Auf der anderen Seite wurden Katzen für diese Funktion nachgerade vorindustriell produziert, es gibt regelrechte Massengräber für sie. Am Ende unserer Gegenwart zeigt Michael Schmidt in seiner Fotoserie von 2013 Zurichtungsarten von „Lebensmitteln“. Jäh wird der pervertierte Umgang mit dem Tier als Nahrungsspender in einer Scheibe „Bärchenwurst“ deutlich.

Kluge Lehre dieser Schau

Die Menschheit hat früh Chimären erfunden, oft furchteinflößende Mischwesen, um sich die animalische Potenz gleichsam anzueignen. Auch sie sind in der Schau vertreten, bis hin zu Fernand Khnopffs Gemälde der „Schlafenden Medusa (Harpyie)“, die ihr Gefieder sanft gefaltet zum Angriff bereithält, eine späte Schwester der Sphinx. Solcher Respekt gründet in dem Wunsch, Urängste zu bannen, nicht zuletzt vor dem weiblichen Geschlecht. Dafür kann Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“ stehen mit seinem blinden Pferdedämon oder die rasenden Gäule des Surrealismus in Max Ernsts „Windsbraut“. Am Ende steht Douglas Gordons Videoinstallation von 2003 „Play Dead: Real Time (this way) (that way) (the other way)“: Die Zirkus-Elefantin Minnie wird im White Cube einer New Yorker Galerie von einer Stimme aus dem Off aufgefordert, ihre „Tot spielen“-Nummer vorzuführen. Der Künstler hält die Kamera auf die sich auf dem glatten Boden abmühende, mächtige Kreatur wie auf eine Wunde. Die Wiederholung vertieft die Qual, nun für den Betrachter; die Unterwerfung dauert fort.

Carl Hagenbeck`s musizierende Schimpansen
Carl Hagenbeck`s musizierende Schimpansen Bild: Carl Hagenbeck GmbH Archiv

Es kann der Mensch nicht ohne das Tier leben, sei es symbiotisch oder beherrschend, ehrfurchtsvoll oder missbrauchend. Umgekehrt hat das Tier den Menschen, das menschliche Tier eben nicht zur Existenz gebraucht. Dies ist die kluge Lehre dieser Schau. Dass sie ein Fest der Kunst ist, sei unbedingt erwähnt.

Tiere. Respekt/Harmonie/Unterwerfung. Im Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg; bis zum 4.März. Der ausgezeichnete Katalog, erschienen im Hirmer Verlag, kostet im Museum 29 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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