Berliner Stadtschloss

Dieses Haus hat seinen Leitstern verloren

Von Andreas Kilb
21.07.2021
, 10:35
Redende Köpfe und sprechende Masken: Ein Blick in die Ausstellung „Nach der Natur“ der Humboldt-Universität
Das Humboldt-Forum öffnet seine Türen mit sechs Ausstellungen von unterschiedlichem Format. Den Geist der Brüder Humboldt sucht man in den meisten von ihnen vergebens.

Inzwischen scheut man sich, das Wort „Vision“ für das Humboldt-Forum zu gebrauchen. Es passt nicht mehr zu dem Gebäude, das in den letzten acht Jahren auf dem Berliner Schlossplatz gegenüber der Museumsinsel entstanden ist. Dabei war das Wort in aller Munde, als vor zwanzig Jahren die Kommission Historische Mitte Berlin, ein Gremium internationaler Experten, ihre Arbeit aufnahm. Gesucht wurde eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie der Platz nach dem Abriss des Palasts der Republik bebaut werden sollte. Die Kommission empfahl ein Gebäude in der Kubatur, also den Formen des Berliner Hohenzollernschlosses, dessen Inhalt aus dem Geist der Brüder Humboldt entwickelt werden sollte: mit Museen, Bildungseinrichtungen, Veranstaltungsräumen. Der Bundestag stimmte zu, ein Budget wurde bewilligt, ein Gestaltungswettbewerb ausgelobt, ein Siegerentwurf gekrönt. Das alles dauerte weniger als ein Jahrzehnt.

Ein weiteres Jahrzehnt später steht man vor dem fertigen Bau und fragt sich, wo die Vision geblieben ist, die damals beschworen wurde. Dass ein Konzept bei seiner Konkretisierung Federn lässt, ist nicht ungewöhnlich. Aber im Fall des Humboldt-Forums ist die Ernüchterung fundamental. Sie betrifft nicht nur den lieblosen, ebenso protzigen wie piefigen Innenausbau der Schlossreplik. Sie gilt vor allem der Art und Weise, mit der das Forum das Versprechen umsetzt, das in seinem Namen liegt: Humboldt.

Die kleinste Schau widmet sich den Humboldt-Brüdern

Eine einzige der sechs Ausstellungen, die seit gestern im Humboldt-Forum zu besichtigen sind, ist den Brüdern Humboldt gewidmet. Es ist zugleich die kleinste der von der Intendanz, der Stiftung Berliner Stadtmuseum und der Humboldt-Universität verantworteten Präsentationen. Sie besteht aus mehreren Fensterbildern und etwa zwei Dutzend Schautafeln im Parterre des Treppenhauses, das die vier Stockwerke des Forums verbindet. Auf den Tafeln erfährt man unter anderem, dass sich Wilhelm von Humboldt für die Sprache der Cherokee interessierte und Alexander für die Klimazonen der Erde. Die Fenster zeigen verpixelte Porträts der Brüder, Segelschiffe und Eingeborene, die gegen Kolonialsoldaten kämpfen. Darüber stehen Schlagwörter wie „Rebellion, Kolonialwaren, négritude, Unfreiheit“. David Blankenstein, der Kurator dieser Schau, hat vor zwei Jahren zusammen mit Bénédicte Savoy die Ausstellung zu den Humboldts im Deutschen Historischen Museum eingerichtet. Im Forum, das ihren Namen trägt, ist er weit unter sein eigenes Niveau gegangen. Mehr war nicht drin, scheint dieses Schautafel-Gerippe zu sagen, aber auch: Mehr haben wir nicht gewollt.

Den Brüdern Humboldt begegnet man auch in der Ausstellung „Berlin global“ des Stadtmuseums im ersten Stock. Für deren Foyer hat das spanische Künstlerduo How und Nosm einen über drei Wände laufenden Kolonial-Comic gemalt. Er zeigt weinende Afrikaner und Südamerikaner, uniformierte Europäer mit Gewehren und blutigen Spritzen, geraubte Benin-Bronzen, einen schnauzbärtigen Bismarck, der Afrika mit dem Tortenmesser zerteilt, und anderes mehr. Und über allem thronen Wilhelm und Alexander wie Götter über ihrem Werk. Dieses Bild ist weder witzig noch verspielt, wie manche Kommentatoren meinen, es ist ein ideologisches Manifest. Nähme man es beim Wort, müsste man das Humboldt-Forum abreißen. Zugleich offenbart es, wie weit sich das aktuelle Forum von den Ideen seiner Gründer entfernt hat. Von einem Schaufenster der Aufklärung ist es, zumindest stellenweise, zu einem Ort der Propaganda geworden.

Die Berlin-Ausstellung selbst zeichnet sich dadurch aus, dass sie alles, was in der Geschichte der Hauptstadt nicht zusammengehörte, in einen Topf wirft. So werden unter „Revolutionen“ die bürgerliche Revolution von 1848, der Sturz der Monarchie 1918, der Aufstand von 1953, die Studentenrevolte und der Mauerfall subsumiert und im Unterpunkt „1953“ sogar die Demonstrationen in Westberlin und die inszenierten Aufmärsche der SED-Führung gleichgesetzt. Ein Wandbild zum Thema „Glauben“ stellt die Nürnberger Gesetze und die Schoa in eine Reihe mit heutigen antimuslimischen und antisemitischen Ausschreitungen, ein weiteres über „Musik“ macht die oppositionellen Swing Kids der Nazizeit zu Vorläufern von Punk und Hiphop.

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Der Gipfel der Allesvermischung ist ein Objekt-Ensemble im Bereich „Grenzen“, in dem ein Mauerstück, eine Halszwinge, mit der Deserteure der preußischen Armee gequält wurden, ein Stück „Judensilber“ aus den Beschlagnahmungen nach 1938 und eine Kamerun-Landkarte von 1911 zusammenkommen. Hier wiederholt sich das postkoloniale Deutungsmuster des Foyer-Bilds, denn die Aufteilung Afrikas und die Massenvernichtung der Juden erscheinen als zwei Seiten einer Medaille. Die Sektion „Krieg“ setzt dieses Muster fort, indem sie die Vitrinen zur Schoa neben jene zur Internierung muslimischer Gefangener im Ersten Weltkrieg stellt und die Bundeswehreinsätze im Ausland zu den „Deutschen Kriegen“ seit 1900 rechnet.

Eine Wissenskammer mit austauschbaren Vitrinen

Über diesen ideologischen Kern haben die Berliner Ausstellungsmacher ein Netz von Spaßstationen gespannt: eine Disco-Kugel, ein Mode-Raum, Mitmach-Monitore, Interviews mit Aktivistinnen und Zeitzeugen. Aber die aufgesetzte Fröhlichkeit macht den Gang durch die Säle von „Berlin global“ noch unangenehmer. Die multikulturelle Stadtgesellschaft wird hier als Folie für ein Geschichtsbild missbraucht, das den Leitgedanken des Humboldt-Forums implizit für erledigt erklärt.

Wie man es anders macht, zeigt die Humboldt-Universität im Westflügel des ersten Obergeschosses. Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Forums, wollte hier die Kunstkammer der brandenburgischen Kurfürsten wiederbeleben. Gorch Pieken, der Kurator der Ausstellung „Nach der Natur“, hat stattdessen eine Wissenskammer eingerichtet. Die Vitrinen mit den Objekten – Tierpräparate, Manuskripte, der Blinddarm von Friedrich Ebert, Kanister-Masken des afrikanischen Künstlers Romuald Hazoumé – hängen an Kränen von der Decke, ihre Austauschbarkeit ist Programm. Auf einer Multimedia-Wand erklären Experten der HU und der Freien Universität ihre Arbeit in zwei Exzellenzclustern zur Umweltzerstörung und zur Zukunft des „liberalen Skripts“ des Westens. Die Ausstellung funktioniert wie eine Gedankenmesse, sie stellt Dinge und Konzepte bereit, ohne sie weltanschaulich vorzukauen. Von einem „Labor des Wissens“, wie es die Gründerväter des Forums sich vorstellten, ist dieses Sammelsurium noch weit entfernt. Aber es setzt einen Anfang.

Ein demolierter Jeep führt auf die falsche Fährte

Die ersten beiden Sonderausstellungen der Humboldt-Intendanz sollten zeigen, wohin unter Hartmut Dorgerloh die Reise geht. Davon kann nach der Besichtigung keine Rede sein. Allenfalls möchte man Dorgerlohs Team ein Händchen für Pädagogik zugestehen, denn die muntere, souverän mit ihren Exponaten schaltende Kinderausstellung „Nimm Platz!“ im Erdgeschoss schlägt die nebenan eröffnete Themenschau zum Elfenbein um Längen. „Schrecklich schön“ ist in diesem pompösen Parcours vor allem die völlig verbaute Ausstellungsarchitektur, die mit ihren verblockten Vitrinen und Schlagschatten die Kostbarkeiten aus Kunst- und Kulturgeschichte verzwergt und die Erklärungstafeln unlesbar macht. Das Hauptobjekt, ein von Elefantenbullen demolierter Ranger-Jeep, führt vollends auf eine falsche Fährte, denn es geht ja gerade nicht um die Wut der Elefanten, sondern um das Wüten der Menschheit gegen sie.

Am ehesten mit sich im Reinen von allen Neueröffnungen im Humboldt-Forum ist die Ausstellung zur Geschichte des Ortes. An drei Stationen, im Schlosskeller, in einem Projektionsraum im Südflügel und im östlichen Skulpturensaal, führt sie die Besucher durch die historischen Schichten, auf denen das Gebäude ruht. Hier ist es ein wilhelminisches Heizungsrohr, dort das Fundament der Dominikanerkirche, da eine Schlüter-Skulptur, die zum Auge spricht, und ein fast dreißig Meter breites Videopanorama fügt diese Eindrücke zu einer sieben Jahrhunderte überspannenden Phantasmagorie zusammen.

Dass gerade dieses im Gesamtbudget marginale Segment des Hauses auf Anhieb überzeugt, spricht Bände. Denn das Humboldt-Forum weiß zwar genau, wo es herkommt, aber nicht, wohin es gehen soll. Die Kolonialismus-Debatte hat es aus seiner Spur geworfen. Seit Dorgerlohs Amtsantritt ringt es um ein neues Selbstbild. Die Brüder Humboldt könnten dabei eine Orientierungshilfe sein. Doch das Forum, scheint es, traut seinem eigenen Leitstern nicht mehr. Ob seine Selbstdemontage noch aufzuhalten ist, könnte sich Ende September zeigen, wenn die Staatlichen Museen den ersten Teil ihrer Dauerausstellung in den beiden obersten Geschossen eröffnen. Dann wird man sehen, wie viel Humboldt noch hinter den Schlossfassaden steckt.

Der Eintritt in alle Ausstellungen des Humboldt-Forums ist bis zum 12. November frei. Der Katalog zur Ausstellung „Schrecklich schön. Elefant – Mensch – Elfenbein“ kostet 29 Euro, der Begleitband zur Ausstellung „Berlin global“ 20 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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