Laurie Anderson in Washington

Aus den Annalen des Windes

Von Christoph Weißermel
14.01.2022
, 06:48
Der Streit um die helle und die dunke Seite des Mondes: Die Multimedia-Künstlerin Laurie Anderson vor einem ihrer Werke im Hirshhorn Museum.
Die Fortsetzung der Träume mit den Mitteln der Technik: Das Hirshhorn Museum in Washington feiert Laurie Andersons Multimedia-Kunst.
ANZEIGE

In einem Song auf ihrem letzten, zusammen mit dem Kronos-Quartett aufgenommenen Album „Landfall“ fragt Laurie Anderson: „Finden Sie es nicht scheußlich, wenn Leute Ihnen ihre Träume erzählen?“ Besuchern von Andersons neuer Washingtoner Ausstellung „The Weather“ muss man wünschen, dass sie diese Frage entschieden mit „Nein“ beantworten – denn von den Traumwelten Andersons sind in Amerikas Hauptstadt derzeit einige zu bewundern.

ANZEIGE

Und mit einer davon geht es auch gleich los. Ein unregelmäßiger Luftzug bewegt die dünnen Seiten eines großformatigen Buches. Fünfspaltig sind sie bedruckt mit kleineren Textblöcken und einer Syntax, die auf Tagebuchnotizen schließen lässt. Das kann man aber nur vermuten, denn die Texte sind codiert, zu lesen sind nur kryptische Zeichenfolgen. Eine Tafel neben dem Buch klärt schließlich auf: Um verschlüsselte Träume soll es sich handeln.

„Windbook“ heißt diese Arbeit, die der intimen Mystik des Träumens eine so einfache wie treffende Repräsentation verschafft: Das Flüchtige und Entschwindende der Träume findet sich im ständigen Umblättern der vom Luftzug vibrierenden Seiten, das rätselhaft Poetische im rhythmischen Schriftbild einer unverständlichen Computersprache und die Unsicherheit darüber, was nun Traum oder Realität ist, im Nichtwissen, ob es sich wirklich um aufgeschriebene Träume handelt oder man nur auf diese Behauptung hereinfällt. Wer hätte gedacht, dass Alan Turing zur Traumdeutung einmal mehr beitragen könnte als Sigmund Freud?

Ungeduldige Ratlosigkeit bei David Letterman

Diese Arbeit, die am Beginn von „The Weather“ steht, deutet damit bereits vieles von dem an, worum es in dieser Ausstellung gehen wird: um Träume, Technik und die Transformation des einen durch das andere. Und um das Geschichtenerzählen und die Frage, ob es dabei wirklich auf die Wahrheit ankommt.

ANZEIGE

„The Weather“ ist die bisher größte Ausstellung der Multimedia-Künstlerin Laurie Anderson in den Vereinigten Staaten. Für ein gutes Dreivierteljahr zeigt das an der National Mall zwischen Washington Monument und Kongress gelegene Hirshhorn Museum Werke aus dem jahrzehntelangen Schaffen Andersons. Größere Bekanntheit erlangte die Avantgarde-Künstlerin erstmals Anfang der Achtzigerjahre, als es ihre hochexperimentelle Single „O Superman“ (Laufzeit acht Minuten; als „Beat“ läuft unentwegt Andersons Aufnahme der Silbe „ha“) überraschend auf Platz zwei der britischen Singlecharts schaffte.

Anderson verfolgte in dieser Zeit Projekte mit Stimmverzerrer, selbst gebauten Instrumenten wie dem „Viophonograph“ (einer Kombination aus Violine und Plattenspieler) oder einem mit Sensoren versehenen Overall, der Tanzbewegungen in Perkussionsklänge übersetzte: „Drum Dance“ hieß diese Performance, die zusammen mit dem „Windbook“ die Ausstellung einleitet.

ANZEIGE

Wer einen Eindruck der damaligen Rezeption Andersons zwischen Verwirrung und Faszination bekommen möchte, der kann im Internet zwei Fernsehauftritte von 1984 finden: ungeduldige Ratlosigkeit bei David Letterman, aufrichtig neugieriges Interesse für die technisch aufgemotzten Instrumente bei Alfred Biolek. Anderson weiß auf beides mit jener zugewandten Ironie und lebensklugen Selbstsicherheit zu reagieren, die auch die heutigen Interviews der mittlerweile Vierundsiebzigjährigen auszeichnen.

Apokalyptisches Ballett

Die Ausstellung im Hirshhorn Museum zeigt nicht nur einige dieser selbst entwickelten Instrumente und manche der wichtigsten Arbeiten Andersons seit den Siebzigerjahren, sondern auch eine Reihe neuer Werke. An das „Windbook“ von 1974 knüpft eine mit „Salute“ überschriebene Installation aus demselben Jahr an, die die Fortsetzung des Traumes mit anderen Mitteln auf sinnlichere Weise weiterspinnt: Zu beiden Seiten eines dunklen Ganges schwenken Roboterarme rote Fahnen. Mal schwungvoll, mal zögerlich; mal schleifen die Fahnen nur träge über den Boden, mal werden sie abrupt nach oben gerissen. Was zunächst ein Willkommensgruß sein könnte, erinnert schon bald an die ins Verderben lockenden Muletas des traditionellen Stierkampfes. Zeigen die Roboterarme nach oben, denkt man an Fanfarenflaggen und beim Durchqueren des Ganges an einen Spießrutenlauf. Es ist ein apokalyptisch anmutendes Ballett, das hier zum Soundtrack der Ausstellung aus elektronischen Klängen, Stimmen, Streichmusik und Donnergrollen aufgeführt wird – körperlose Wesen in roten Gewändern, elegant und martialisch zugleich.

Diese Ambivalenz der möglichen Deutungen ist es auch, die in Andersons Schaffen immer wieder eine entscheidende Rolle spielt. Ein Fragenstellen, das nicht nur zugibt, keine Antworten zu haben, sondern es für möglich hält, dass es gar keine gibt. Geschichten und Erklärungen muss man letztlich selbst finden, mag man als Botschaft mitnehmen, aber auch damit hat es seine Tücken.

Als Geschichte über Geschichten muss man auch den Titel der Ausstellung verstehen. Während man sich früher über das Wetter unterhalten habe, wenn einem keine Gesprächsthemen eingefallen seien, so Anderson, sei das Wetter heute selbst zu einer Geschichte geworden – in der Klimakrise habe das Reden vom Wetter seine Unschuld verloren.

ANZEIGE

Freud, die große Flut und der Teufel

Im zentralen Raum der Ausstellung sind Boden und Wände schwarz gestrichen und in Kreideoptik bemalt und beschrieben. Astronauten sind zu sehen, Sigmund Freud und der Teufel, daneben zahlreiche Tiere und Fabelwesen, alle verbunden durch zeichnerische Andeutungen einer großen Flut. Dazwischen Zitate („Wenn Sie denken, Technologie würde Ihre Probleme lösen, dann haben Sie Technologie nicht verstanden – und Ihre Probleme auch nicht“) und ganze Geschichten. Die enorme Vielseitigkeit im Schaffen Andersons, die für die „Encyclopædia Britannica“ einen Text für den Lexikoneintrag über New York schrieb, erste „Artist in Residence“ der NASA war, auf dem New Yorker Times Square ein Konzert für Hunde gab und in diesem Jahr eine Professur für „Poetry“ in Harvard innehat, kommt hier in einem einzigen Werk zusammen.

Weltuntergangsanspielungen gibt es hier immer wieder, und auf einem Regalbrett am Ende des Raumes klappern und klirren Gläser und Tassen aneinander, als käme nun tatsächlich die Katastrophe, vor der sich eine Tischgemeinschaft einen Moment zuvor in Sicherheit bringen wollte. Das alles könnte stellenweise ins Deprimierende kippen und wird doch von der humorvoll zugewandten Intelligenz Andersons überstrahlt, die selbst ihren düstersten Geschichten augenzwinkernde Wärme verleiht: Es kann also auch angenehm sein, über die Apokalypse zu sprechen.

ANZEIGE

Beim Verfolgen der gleichzeitig über Wände und Boden verlaufenden Zeilen bewegt man sich so kreuz und quer durch den Raum, bis einem nach all der Sinnes- und Gedankenüberflutung endgültig schwindlig wird. Dass das aber Zweck der Übung ist, verdeutlicht die mannshohe Rabenfigur, die mitten im Raum steht: Der Rabe war das erste Tier, das Noah von der Arche losschickte, um Land zu finden. Vergeblich, so liest man – der Rabe sei nie zurückgekommen. Eine Geschichte über das Suchen und Nicht-Finden. Aber, so ergänzt jedes einzelne Werk Andersons: Vielleicht können wir das Gesuchte nicht finden, vielleicht haben wir auf vieles nicht die richtige Antwort. Aber so wichtig ist das nicht, denn wir müssen uns nur aufs Träumen einlassen und Geschichten erzählen.

Laurie Anderson: The Weather. Hirshhorn Museum, Washington; bis 31. Juli. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE