Ausstellung „Close up“

Bilder ohne Männer

Von Katinka Fischer, Basel
17.10.2021
, 10:03
Da braucht es die Männer gar nicht: Die Fondation Beyeler zeichnet die Entwicklung der Porträtmalerei seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert mit Bildern von Frauen nach.
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Als die figurative Malerei gerade wieder einmal totgesagt war, trug Elizabeth Peyton dazu bei, dass dieses Mantra erneut ins Leere lief. Anfang der Neunzigerjahre schuf die 1965 geborene Amerikanerin kleine Porträts schöner junger Menschen und interpretierte die traditionelle Bildgattung damit auf ungewohnte Weise. Ihre von Fotografien inspirierten Darstellungen unter anderem einflussreicher ­Prominenter offenbaren eine angesichts des zeitgeistigen Sujets überraschend unironische Zartheit. Greta Thunberg erkennt man deswegen kaum wieder. Peyton zeigt sie mit melancholischen blauen Augen, klassisch geformter Nase und vollen Lippen, während sich violette Zöpfe im abstrakten Muster des undefinierten Hintergrunds auflösen. Nichts in diesem Gesicht erinnert noch an die Wut, mit der der schwedische Teenager seinem Publikum ein „How dare you“ entgegenschleuderte.

Peyton hat sich gegen die multimediale Dominanz ihrer Zeit durchsetzen können und genießt inzwischen Weltruhm. Deswegen gehört sie jetzt, als Jüngste, zu den neun Künstlerinnen, die in der aktuellen Ausstellung der Fondation Beyeler bei Basel vertreten sind. Dass „MeToo“ sowie die Gender-Kontroverse auch Kuratoren und vor allem Kuratorinnen erfasst haben, wird im Dreiländereck um die Schweizer Großstadt gerade besonders deutlich. Nur einen Steinwurf entfernt, im Vitra Design Museum in Weil, stehen Designerinnen seit 1900 im Fokus der Ausstellung „Here We Are“.

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Kinder sind nicht nur Frauensache

Bei Beyeler indes führt die von Theodora Vischer kuratierte Schau unter dem der Fotografie entlehnten Titel „Close Up“ vor Augen, dass es Frauen in der Kunst schon immer schwerer hatten als ihre männlichen Kollegen. Trotzdem kann man die Entwicklung der Porträtmalerei seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert auch ohne maskuline Hilfe nachzeichnen. Eine bemerkenswert reiche, wie neun kleine Einzelausstellungen präsentierte Werkauswahl verleiht der Argumentation ­Nachdruck, dass die Moderne die traditionelle Bildgattung zwar nachhaltig veränderte, das Versprechen auf Fortschritt zumindest in der Gleichstellungsfrage aber zu selten einlöste.

Impressionistinnen kämpften gleich an zwei Fronten. Sie widersetzten sich nicht nur den Regeln der Akademie, sondern auch gesellschaftlichen Konventionen. Berthe Morisot etwa, die den chronologischen Rundgang eröffnet, bedient mit häuslichen Szenen zwar noch ein konservatives Rollenverständnis. Anders als eine Mutter mit Kind, ein Mädchen im weißen Sonntagskleid vor dem Spiegel oder eine Frau bei der Handarbeit sieht sie sich allerdings selbst: Ihr eigenes Abbild blickt Betrachtern frontal und mit so demonstrativer Direktheit entgegen wie sonst keines ihrer Modelle.

Ähnliche Themen beschäftigen Morisots Freundin Mary Cassatt, die sich als Amerikanerin in Paris wie eine Exotin gefühlt haben dürfte. Das Selbstbewusstsein, mit dem ihre Protagonistinnen auftreten, hat womöglich auch mit ihrer Herkunft zu tun. So stechen mondäne Opernbesucherinnen hervor und eine lesende junge Lady, die bei ihrer Tätigkeit mit einem Polstersessel allein nicht auskommt. Ein zweites solches Sitzmöbel braucht sie, um ihre Beine darauf abzulegen. Ein Bildnis von Vater und Sohn gibt ebenfalls ein Statement ab: Kinder sind nicht nur Frauensache.

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Waden wie ein Kerl

Zu den bekanntesten Frauen der jüngeren Kunstgeschichte, deren Werk ungerechterweise im Schatten eines Mannes stand, gehört Paula Modersohn-Becker. Groß ist daher die Versuchung, Otto Modersohn für die dunkle Palette der Expressionistin verantwortlich zu machen, die sogar bei einem „Mädchen in rotem Kleid vor Sonnenblume“ gebrochen bleibt. Modersohn-Beckers flächige, runde Gesichter entsprechen der ex­tremen Nahaufnahme, die der Ausstellungstitel benennt, auf ganz andere Art als Lotte Lasersteins ebenfalls stark herangezoomte Großstadtfiguren aus den späten Zwanzigern. In ihren Bildern setzt sich die neusachliche Berlinerin, deren Karriere mit der Flucht vor den Nationalsozialisten jäh endete und deren Werk seit einer Weile allenthalben wiederentdeckt wird, häufig mit Geschlechteridentitäten auseinander.

Eine androgyne Tennisspielerin etwa trägt zwar ein gestreiftes Kleid, hat aber Waden wie ein Kerl und eine Kurzhaarfrisur und ein fast verlorenes Profil wie ein Jüngling. Als eine mit folkloristisch bunten Blumen bekrönte Schmerzensfrau, die den Kampf der Künstlerin ­körperlich austrägt, tritt Frida Kahlo auch bei Beyeler auf. Von ihren Leiden erzählt diesmal ein Selbstbildnis im Rollstuhl. Indes haben physische Unzulänglichkeiten für Alice Neel selbst bei Männern weibliche Form. Auf ihrem 1970 entstandenen Bild, das man im Hinblick auf pastellene Farbgebung und Malweise glatt für ein Werk von Maria Lassnig halten könnte, erscheint Andy Warhol jedenfalls mit Hängebusen.

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Marlene Dumas wiederum kommt ihrem Gegenüber so nahe, dass nur noch gefletschte Zähne in einem Mund mit verschmierten roten Lippen zu sehen sind. Damit zeigt die Südafrikanerin kein Gesicht mehr, sondern gibt einem emotionalen Zustand Gestalt. Mit Cindy Sherman hat die Kuratorin konsequenterweise eine paradigmatische Foto-Künstlerin in den Reigen der Porträtmalerinnen aufgenommen. In ihrer „Untitled“-Serie inszeniert sich die Amerikanerin unter anderem als Cowgirl, groteske Prinzessin-Domina oder Filmdiva und erweitert den Porträtbegriff damit vom Individuum auf Typen und Rollen. So referiert sie mit den Mitteln der Fotografie auf die Tradition der Malerei und erinnert auf diese Weise daran, dass mit der Moderne auch die Geschichte dieses Mediums beginnt.

Close Up. Fondation Beyeler Riehen/Basel; bis zum 2. Januar 2022. Der Katalog kostet 58 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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