Karl-Liebknecht-Ausstellung

Auf diesen Bengel konnten Marx und Engels stolz sein

Von Andreas Platthaus
25.08.2021
, 13:34
Karl Liebknecht, gezeichnet von Olav Gulbransson
Umstritten, aber in seiner Heimatstadt unbestritten weiterhin populär: Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig stellt das Leben des Kommunistenführers Karl Liebknecht aus.
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Die erste Erwähnung im kanonisch-sozialistischen Schrifttum fand Karl Liebknecht bereits im zarten Alter von vier Wochen: „Daß der kleine Bengel sich so gut macht, freut uns sehr“, schrieb Friedrich Engels am 11. September 1871 aus England nach Leipzig an den stolzen Vater Wilhelm Liebknecht. Mit „uns“ meinte Engels neben sich selbst auch Karl Marx, denn die beiden Gründerväter des Historischen Materialismus waren von ihrem Leipziger Gefolgsmann gebeten worden, die Patenschaft für dessen neugeborenen zweiten Sohn zu übernehmen. Wer nun glaubt, Marx und Engels hätten dieses Ansinnen mit Verweis auf Religion als „Opium fürs Volk“ abgelehnt, irrt – in der Taufurkunde der Thomaskirche vom 17. September stehen sie verzeichnet. Aber sie waren bei der Taufe nicht dabei; ihre Einwilligung zur Patenschaft war schriftlich erfolgt. Aus der evangelischen Kirche trat Familie Liebknecht dann sieben Jahre später kollektiv aus. Der Weg zum „Freidenker“ war frei für Karl.

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Wie gut sich der kleine Bengel auch im Sinne ihres revolutionären Weltverständnisses machte, haben seine beiden Paten nicht mehr erlebt. 1902 wurde der mittlerweile als Jurist niedergelassene Karl Liebknecht erstmals wegen Hochverrats angeklagt – und weiß Gott nicht letztmals. In seiner Heimatstadt Leipzig lebte er da schon lange nicht mehr: Nach Karls Abitur, 1890 an der Nikolaischule, war sein Vater mit Frau und mittlerweile fünf Söhnen nach Berlin gezogen; dort lockte der Posten des Vorwärts-Chefredakteurs. Doch das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig gedenkt heuer des Sohnes, zu dessen 150. Geburtstag. Weil der auch ein Sohn der Stadt ist, dessen Größe außer Frage steht: Man stilisierte ihn entweder zum großen Idealisten der Novemberrevolution von 1918 oder zu deren großem Teufel. Am 15. Januar 1919 wurde Karl Liebknecht in Berlin von Freikorpssoldaten ermordet.

Reliquien eines Säulenheiligen der Revolution

Die Schau im Kellergeschoss des Leipziger Museums gleicht einem – nun ja – Kellergeschoss, denn das Sammelsurium der überbordenden Präsentationsflächen setzt nicht auf Übersichtlichkeit. Wie sollte es die in dieser Biographie auch geben? Man schöpft aus reichen eigenen Beständen: Speziell für die Ausstellung wurden Flugblätter der von Liebknecht zum Protest gegen den Ersten Weltkrieg gegründeten „Spartakus“-Gruppe restauriert und vervielfältigt, so dass jeder Besucher nun seine kämpferischen Weisheiten nach Hause tragen kann. Interaktion ist Trumpf, nicht nur in der Revolution, sondern auch im gegenwärtigen Museumswesen, allerdings hier nicht in Form von modernen Medienstationen, sondern klassisch durchs geschriebene Wort. An mehreren Stelen können die Besucher ihre persönliche Meinung zu Karl Liebknecht kundtun, und offenbar sind dessen Bewunderer in der Mehrzahl.

Karl Liebknecht (Mitte) und Rosa Luxemburg 1909 in Leipzig
1909 kehrte Karl Liebknecht (Mitte) wieder einmal in seine Heimatstadt Leipzig zurück: zum Parteitag der SPD. Neben ihm geht seine spätere Schicksalsgenossin Rosa Luxemburg. Bild: Picture-Alliance

Sie finden auch Reliquien: Liebknechts berühmte Nickelbrille etwa (die in Wirklichkeit einen Kunststoffüberzug trug) und seinen Gehrock samt Weste. Die Enkelin Maja schenkte sie dem Museum der Geburtsstadt ihres Großvaters, nachdem die Kleidungsstücke aus einem Moskauer Wandversteck geborgen werden konnten, in dem Liebknechts in die Sowjetunion geflüchtete Familie sie versteckt hatte, als sie selbst in die Mühlen der stalinistischen Säuberungen geriet. Dass die allzu simple Gleichsetzung von frühen Sympathisanten des Bolschewismus mit dessen späteren Auswüchsen nicht aufgeht, zeigt sich an solchen Objektgeschichten.

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Karl Liebknecht konnte auch nichts dafür, dass Walter Ulbricht sein Geburtsdatum neunzig Jahre später zum Tag des Berliner Mauerbaus bestimmte. Aber die Verniedlichung zum Humanisten, wie man sie im Leipziger Keller in den Besuchermeinungen dokumentiert sieht, ist auch ahistorisch. Um eine eigene Meinung mogelt sich das Museum herum. Aber es ist ja auch eines für Stadt-, nicht für Ideen­geschichte.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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