Boom moderner Glasmalerei

Denn alles Licht will Ewigkeit

Von Stefan Trinks
23.08.2020
, 08:42
Seelenfenster: Der erste der drei Richters ist in der Abtei Tholey bereits eingebaut.
Eine Renaissance der Gotik: Im ältesten Kloster Deutschlands werden Ende September neue Künstlerfenster von Gerhard Richter eingeweiht. Zum anhaltenden Siegeszug monumentaler Glasmalerei.

Wenn Gerhard Richter als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler im saarländischen Tholey, dem ältesten Kloster Deutschlands mit Ersterwähnung im Jahr 634, am 20. September drei neue Fenster einweiht, ist das nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die interessanterweise bereits in den neunziger Jahren begann: Moderne Maler, aber auch Bildhauer wie Tony Cragg, begeistern sich in den letzten Jahren und aktuell massiv für die mittelalterliche Kunstgattung „Kirchenfenster“. Warum?

Auch bei individuell sicher unterschiedlichen Motivationen gibt es einen Grund, den fast alle zeitgenössischen Künstler als faszinierend angaben: Die Kirchen sind die ältesten Museen der Welt. Immer schon stellten sie Kunst öffentlich zugänglich aus, Ewigkeitsanspruch – anders als Museen mit permanenten Umhängungen bei jedem Direktionswechsel – inbegriffen. Etwas Weiteres kommt hinzu: Während überwältigende Monumentalkunst in Deutschland seit dem Nationalsozialismus verpönt ist, lässt sich nichts Monumentaleres als Fenster für himmelstürmende gotische Kathedralen und Großkirchen vorstellen: Gerhard Richters Südquerhausfenster des Kölner Doms von 2007 misst 113 Quadratmeter, das unverändert größte Kirchenfenster Europas von Georg Meistermann in Sankt Kilian im unterfränkischen Schweinfurt sogar 240 Quadratmeter. Beide Künstler waren und sind indes nicht konfessionell gebunden. Denn dass die Künstler für den kirchlichen Auftrag konvertieren oder ein heiligengemäßes Leben führen müssten, würde heute ohnehin kein Domkapitel mehr fordern.

Wörtlich genommen: Bei den Züricher Achatfenstern des gelernten Glasmalers Sigmar Polke fällt das Licht durch echte Halbedelsteine, aus denen die Scheiben im Mittelalter auch hergestellt worden waren.
Wörtlich genommen: Bei den Züricher Achatfenstern des gelernten Glasmalers Sigmar Polke fällt das Licht durch echte Halbedelsteine, aus denen die Scheiben im Mittelalter auch hergestellt worden waren. Bild: Ref. Grossmünster

Nicht nur im Mittelalter entstanden Glasmalereien aus purem Edelstein

Andere Ursprünge für die Faszination der modernen Künstler aber liegen noch tiefer: Die Wahlverwandtschaft beginnt ausgerechnet mit Mies van der Rohe und dem Aachener Dom. Der junge Mies ging jeden Tag auf dem Schulweg am berühmten karolingischen Münster seiner Heimatstadt vorbei, an dessen wilhelminischer Goldmosaikausstattung sein Vater mitwirkte. Besonders die nahezu vollkommene Auflösung der Wand der gotischen Annakapelle in Licht faszinierte den ausgebildeten Steinmetz. Und obwohl Mies kein einziges Fenster in einer Kirche gestaltete oder auch nur einen Entwurf dafür abgeliefert hätte, blieb die Fensterkunst der gotischen Kapellen-Anbauten am Münster seine lebenslange Inspiration. Als gewissermaßen schwerelose „neugotische“ Gebilde wollte der Architekt seine Bauten verstanden wissen: Mit schlanken neogotischen Kreuzpfeilern aus Stahl, vor allem aber mit Wänden aus Glas und Licht, ohne strikte Trennung zwischen Innen und Außen, denn das hieße ja, um beim Beispiel des Aachener Doms zu bleiben, Gott und die Schöpfung „draußen vor der Tür“ auszuschließen. Während aber bei Mies’ Bauten das Glas kein durch Bleiruten gefasstes Buntglas ist und stattdessen in fast all seinen ikonischen Bauten Wandteiler aus Schmucksteinen wie Onyx für eine pseudosakrale Lichtbrechung und Atmosphäre sorgen, griff der Katholik Joseph Beuys als Mitarbeiter seines Lehrers Ewald Mataré für dessen großes Westwerkfenster in Aachen von 1952 zu kristallinen Formen aus ungeschliffenen Bergkristallen – gerade so, wie es Sigmar Polke, übrigens ein gelernter Glasmaler, mit seinen Fenstern aus geschliffenem Achat im Züricher Grossmünster tat oder im Mittelalter das Buntglas aus geschmolzenen Halbedelsteinen wie Lapislazuli aus Afghanistan bestand und somit die kostbarste und mit weitem Abstand teuerste Kunst der Zeit war.

Deutlich weniger präsent sind die abstrakt-bunten Glasfenster des Beuys-Schülers Imi Knoebel, obwohl dieser mit dem Chorumgang der Kathedrale von Reims immerhin Frankreichs Nationalheiligtum prägen durfte, die Krönungskirche der französischen Könige. Knoebels letzte Fenster wurden 2015 im Beisein der Außenminister Fabius und Steinmeier dort eingeweiht, wo de Gaulle und Adenauer 1962 die deutsch-französische Aussöhnung symbolträchtig besiegelten. Gerade aufgrund des vollständigen Verzichts auf lesbare Aussagen durch die zersplitterten Formen gelangt Knoebel zur zweiten, übergeordneten Schicht aller Kirchenfenster: Jenseits der zumeist dargestellten Heiligenlegenden geht es immer auch um eine Theologie des Lichts, das Gott ist: Immateriell als Glas durchschienen, materialisiert in Farbe auf dem Kirchenboden und im Auge, was zugleich eine von vielen nachvollziehbare Metapher für die Inkarnation Christi in der Jungfrau Maria war.

Zersplittert wie die Kirche im Ersten Weltkrieg: Imi Knoebels Fenster für die französische Krönungskathedrale Notre Dame zu Reims.
Zersplittert wie die Kirche im Ersten Weltkrieg: Imi Knoebels Fenster für die französische Krönungskathedrale Notre Dame zu Reims. Bild: AP

„Zersplitterte“ Fenster als Symbol für Kathedralzerstörung und Versöhnung?

Der Fall Reims, also jener Kathedrale, die dem Vorwurf der Franzosen und Alliierten zufolge im Ersten Weltkrieg von den Deutschen gegen jede Kriegskonvention in Brand geschossen worden sei, offenbart die immer auch politische Seite der Kirchenfensteraufträge: Seit dem Mittelalter waren es stets auch politische Manifestationen. Jenes Patriziergeschlecht oder jene Zunft, die sich mit ihrer Fensterstiftung die beste Lage ad sanctos, nahe den Heiligen im Chor, erkaufen konnte (in Nürnberg etwa zeugen viele „Risse“ Dürers und Baldungs für die berühmte Hirsvogel-Glaswerkstatt von Stifterrivalität in St. Sebald und St. Lorenz), gewann den oft erbittert ausgefochtenen Wettstreit. Sehr häufig gab es Zwist zwischen Bischof und Domkapitel, das mit durchaus eigensinnigen adeligen Stiftern besetzt war. Nicht selten gab es nachträgliche Auslöschungen von Stiftergesichtern, eine damnatio memoriae in Glas. Politisch vehement geführte Kämpfe um die Fenster aber gab es beinahe immer.

Einen Gipfel in unserer Zeit erreichte diese „Glaubenssache Kirchenfenster“ mit Richters Südquerhausfenster im Kölner Dom. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner, nicht dem Domkapitel angehörend, schmähte das Fenster mit den Worten, es passe „eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus“.

Der transluzide Teppich basiert auf Richters Werk „4096 Farben“ aus dem Jahr 1974 und reiht zweiundsiebzig Farben nach dem Zufallsprinzip in 11263 Quadraten aus mundgeblasenem Echtantikglas aneinander. So wird einesteils der Eindruck mittelalterlicher Kirchenfenster mit ihrer Farbfilterung des Lichts für die theologische Aussage erzeugt, deren Anmutung andernteils durch das vom Zufall bestimmte Rastersystem jedoch gänzlich modern ist. Damit ist das monumentale Fenster mit seinen fast zwanzig Meter Höhe ein Musterbeispiel für das Paradox, dass nichtkirchlich gebundene Künstler oft die tiefere Kirchenkunst hervorbringen, häufig non-intentional. Zeigt doch das Fenster ohne religiöse „Aussage“ nicht nur, dass „Gott Licht“ ist, sondern dass er auch im Aleatorischen des Farbzusammenwürfelns steckt – wenn er jedes der Farbfelder exakt gleichermaßen durchleuchtet, muss er im Grunde auch Urheber des scheinbaren Zufalls sein. Der Wirkung dieses rein abstrakten „Abbildes“ Gottes mit seinem körperlich-sinnlichen Farbabdruck auf Domboden und Netzhaut kann sich jedenfalls kaum jemand entziehen.

Neoleuchtreklame? Auf Neo Rauchs drei Kirchenfenstern für den Naumburger Dom trägt in der Darstellung des Abschieds der Heiligen Elisabeth von Thüringen von ihrem Gatten dieser einen Blindenstock.
Neoleuchtreklame? Auf Neo Rauchs drei Kirchenfenstern für den Naumburger Dom trägt in der Darstellung des Abschieds der Heiligen Elisabeth von Thüringen von ihrem Gatten dieser einen Blindenstock. Bild: Galerie Eigen+Art

Bei Rauch trägt der thüringische Landgraf eine Jacke der fünfziger Jahre

Dennoch bedeutet das derzeit starke Engagement nicht notwendigerweise gläubiger zeitgenössischer Künstler in den Kirchen einen radikalen Wandel: Wurden in den Jahren des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders vorwiegend „kirchlich gebundene“ Künstler beauftragt, so dass ganze Landstriche oft die flurbereinigte Kunst-Monokultur ein und desselben Glaskünstlers zeigten, ändert sich dies nun: Ob es mit dem verzweifelten Versuch der von Schwindsucht betroffenen Kirchen zusammenhängt, unentschiedene und zweifelnde Ex-Gläubige durch die Einladungsgeste an atheistische oder agnostische Künstler von ihrer „Offenheit“ zu überzeugen? Dieser Versuch begann bereits in der Nachkriegszeit, als man den jüdischen Maler Marc Chagall mit der Gestaltung der Fenster des Züricher Fraumünsters beauftragte, der noch 1978, sieben Jahre vor seinem Tod, ein letztes Glasfensterwerk für Sankt Stephan in Mainz fertigte.

Dieses kunstpolitische Lockmittel war 2007 wohl ein wesentlicher Anreiz auch für die Beauftragung des nicht getauften Leipziger Malers Neo Rauch mit drei blutroten Fenstern für die Elisabeth-Kapelle des Doms zu Naumburg. Wenn damals von „Neoleuchtreklame“ und „So wenig rätselhaft war Neo Rauch seit zwanzig Jahren nicht mehr“ die Rede war, trifft das jedoch nur einen Punkt. Die drei Szenen aus dem Leben der mittelalterlichen heiligen Elisabeth von Thüringen gewinnen ihre Kraft gerade aus der Verwendung des gewohnten Personals des Künstlers – die Lepröse etwa im Fenster der „Pflege der Aussätzigen“ trägt Hemd, der abschiednehmende Gatte die immer modische Neo-Rauch-Jacke mit Brusttaschen – und aktualisiert die Elisabeth-Legende als Aufforderung an den Betrachter ins Jetzt. Von dem verstörenden „Rotlichtdistrikt“, zu dem die Kapelle durch das einfallende Licht wird, ganz zu schweigen.

Herr der Fliegen: Modell des Kirchenfenster von Markus Lüpertz, das dieser für die Marktkirche in Hannover entworfen hat und das von Gerhard Schröder gestiftet wurde.
Herr der Fliegen: Modell des Kirchenfenster von Markus Lüpertz, das dieser für die Marktkirche in Hannover entworfen hat und das von Gerhard Schröder gestiftet wurde. Bild: Daniel Pilar

Blüte in großen Kathedralen und Klosterkirchen auf dem Lande

Nun also geht Richter aus der Großstadt Köln in die saarländische Provinz nach Tholey. Die einzelnen Kompartimente der dortigen trinitarischen Zahl von Apsisfenstern, jedes knapp zwei Meter breit und neun Meter hoch, wurden in der Glaswerkstatt Gustav van Treeck in München nach Richters Entwürfen hergestellt. Schon jetzt lässt sich erkennen: Die Fenster von Tholey gehören zu Richters außergewöhnlichsten Werken überhaupt. Sie beginnen im unteren Drittel mit einem dunkleren Blau und gedeckten grau-milchigen Farben, die von stärker werdenden Leuchtrottönen abgelöst werden, um zum spitzbogig gotischen Abschluss hin an hellem Weiß zuzunehmen. Auf den ersten Blick scheinen die drei Fenster zwar – verstärkt durch die ähnliche Farbtrias – Richters vollständig abstrakten Rakelbildern zu gleichen. Bei genauerem Hinsehen allerdings zeigt sich durch den Rorschachtest-Effekt der achsensymmetrischen Spiegelungen Richters List: Das menschliche Auge und Gehirn kann gar nicht anders, als in den gespiegelten Farbstrukturen feste Form zu suchen und erkennen zu wollen – in der dunkelblauen Zone unten etwa katzenartige Köpfe, darüber insektenartige Formen, oben schließlich menschenähnliche Köpfe mit Mündern, die wie bei Francis Bacon zum Schrei geöffnet scheinen. In der späten Schaffensphase gelingt Richter damit das Bravourstück, seine inhaltlich bislang völlig separierten und parallel laufenden abstrakten Bilder mit den figürlichen zu versöhnen, ohne kitschig zu werden. Einen stilistisch schwierigen „Clash of Cultures“ in Buntglas könnte es zukünftig in Tholey allerdings geben, da Richter nicht alle siebenunddreißig Fenster der Klosterkirche gestaltet. Die übrigen Fenster in sattem Realismus und ebenso kräftigen Farben stammen von Mahbuba Maqsoodi, einer afghanischen Künstlerin aus München.

Wer wird der nächste sein?

Tholey wird jedenfalls nicht die letzte Stiftung zeitgenössischer Fenster gewesen sein: Schon plant Markus Lüpertz weitere Fenster für die hannoversche Marktkirche und St. Andreas in Köln. Und auch dieser neumittelalterliche Auftrag wird neue Künstler auf den Plan rufen. Denn Gott ist Licht. Doch gesichert „unsterblich“ werden Künstler nur in Kirchen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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