Köln zeigt den Trabanten

Tulemond und Mondamin

Von Oliver Jungen
28.03.2009
, 09:14
Er bestand schon mal aus grünem Käse, galt als „befleckt“ und wurde seiner Magie kurzfristig von Apollo 11 beraubt. Doch je perfekter die wissenschaftlichen Bilder, umso verspielter die Kunst: eine großartige Ausstellung über den Mond in Köln.
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Was ist der Mond? Ein Körper, ein Gesicht, ein Trabant, eine Droge, angeheult von Werwölfen und Literaten. In erster Linie aber ist er ein Medium, das Urbild aller Medien sogar, und doch in der Medientheorie kaum präsent. Nicht einmal Vielfraß Marshall McLuhan, der 1964 Medien in kalte und heiße einteilte, als stehe er am Büffet, interessierte sich für jenen himmlischen Mittler, obwohl doch seit 1903 im New Yorker „Lunar Park“ zu sehen war, dass der Mond aus grünem Käse bestand. Endgültig seiner Magie verlustig gegangen scheint unser treuer Begleiter aber vor vierzig Jahren, als Apollo 11 im grauen Staub des Meeres der Stille aufsetzte.

Ganz anders jedoch die Reputation des Mondes in der Tradition: Das Christentum erkannte in ihm, der so rein das Licht der Sonne reflektierte, ganz selbstverständlich ein Medium, identifizierte ihn daher mit der Mutter Gottes. Zugleich erhielt sich allerdings die archaische Dialektik des guten Tages- und boshaften Nachtlichts, welche im konkurrierenden Bildtypus der Mondsichel-Maria ihren Ausdruck fand. Mit Bezugnahme auf eine Stelle der Johannes-Apokalypse drückt die Jungfrau den Mond hier mit den Füßen zu Boden.

Der Mond war „befleckt“

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Solche Ikonographien aus der vormodernen Epoche – darunter ein eleganter, beide Bildtypen einander annähernder Dürer-Holzschnitt, auf dem die Mondsichel fast einen Kreis beschreibt – stehen am Beginn der großartigen Kölner Ausstellung „Der Mond“, die der Direktor des Wallraf-Richartz-Museums, Andreas Blühm, kuratiert hat. Im weltlichen Bereich hatte sich der veränderliche Mond derweil als Symbol für die Unbeständigkeit etabliert. Auch dafür hält die Ausstellung mit Abraham Janssens barbusiger „Incostanza“ (ca. 1617) ein eindrückliches Beispiel parat.

Mit diesem Widerspruch kam die Theologie zurecht. Einen veritablen Schock aber stellte jene Entdeckung Galileo Galileis dar, der vor nunmehr vierhundert Jahren zwar nicht als Erster, aber doch mit dem größten Erfolg das Teleskop auf den Trabanten richtete: Der Mond war „befleckt“, keineswegs jungfräulich rein, sondern von Kratern übersät. Galileis bahnbrechender „Sternenbote“ (1610) wird gleich in mehreren Ausgaben präsentiert. Enttäuschend ist allerdings, was der ansonsten sehr verdienstvolle Begleitband als „Neues über ‚Sidereus Nuncius’“ durch den Galilei-Experten Horst Bredekamp ankündigt. Der Erkenntniswert des dürren Kommentars zur Druckgeschichte erschöpft sich darin, „dass so gut wie jeder Druck eine individuelle gestaltete Form aufweist“.

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„Schläferiger als die Schlafmäuse“

Für eine gewisse Periode nach Erfindung des Fernrohrs überwog die Faszination des Realen. Zahlreiche Künstler versuchten sich um 1650 an Mondkarten, deren Genauigkeit zu erstaunen vermag. Es ragen die Stiche von Claude Mellan und Johannes Hevelius heraus. Schon im achtzehnten Jahrhundert aber kehrte der kraterlose Effekt-Mond zurück, was nicht nur vier Gemälde von Joseph Wright of Derby stimmungsvoll belegen. Doch was dann begann, kann nur als Mondsucht bezeichnet werden.

„Die Galagos sind Nachtthiere im eigentlichen Sinne des Wortes, Wesen, für welche der Mond die Sonne ist, Geschöpfe, an denen die eine Hälfte des Tages spurlos vorübergeht, welche, schläferiger als die Schlafmäuse, während jeder Stunde in sich zusammengerollt in irgend einem geeigneten Schlupfwinkel liegen und, falls ihnen verwehrt, einen solchen aufzusuchen, durch das ängstliche Verbergen ihres Kopfes vor dem verhaßten Sonnenlichte sich zu schützen, ja durch Zusammenrollen ihrer Ohren sogar vor jedem Geräusche zu sichern sich bestreben. Werden sie durch irgend eine Ursache gewaltsam aus ihrem tiefen Schlafe erweckt, so starren sie anfangs wie träumend ins Weite“. Kann es sein, dass „Brehms Thierleben“ hiermit um 1870 weniger afrikanische Feuchtnasenaffen beschreibt als deutsche Romantiker?

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Erotische Lunarphantasien

Repräsentiert wird die neue Mondschwemme hier unter anderem durch Werke von Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus, Karl Blechen und Johann Peter Hasenclever. Damit nicht genug, überstand der meist viel zu groß gemalte, ballförmige Stimmungsmond die mediale Revolution der Fotografie – Lewis Morris Rutherford gelangen 1865 erstmals scharfe Ablichtungen, welche sehr gelungen den Mondgemälden gegenübergestellt sind – und lebte im Impressionismus fort. Edouard Manets „Mondschein über dem Hafen von Boulogne“ (1869), auf dem der Vollmond mit den weißen Kopftüchern der Frauen korrespondiert, die auf die Rückkehr der Fischerboote warten, gehört sicher zu den Schmuckstücken der Schau.

Um so perfekter die wissenschaftlichen Bilder vom Mond werden, desto verspielter reagiert die Kunst. „Dinge gehen vor im Mond,/ die das Kalb selbst nicht gewohnt“, bemerkt Christian Morgenstern, und zwar: „Tulemond und Mondamin/ liegen heulend auf den Knien“. Bei Max Ernst ist der Weltuntergang schon vorüber, der Mond ein verkohlter Stumpf. Die Belle Epoque dagegen lebt erotische Lunarphantasien aus, der Expressionismus macht aus dem Trabanten eine Leuchtreklame und gegen Georges Méliès’ filmische „Reise zum Mond“ von 1902 ist noch die Grüner-Käse-Theorie harte Wissenschaft.

Ein Mond über Köln ist kein Mond über Soho

Weil die Ausstellungsmacher nicht auf die bekanntesten Namen und Werke gesetzt haben – Van Goghs „Sternennacht“ etwa – umgibt diese kunsthistorische Mondmission eine Aura der Unerwartbarkeit: Wo führt das hin? Tatsächlich zu Neil Armstrong? In der Tat. Andreas Blühm hat die von seinem Haus eigentlich vorgegebenen Grenzen der alteuropäischen Kunst souverän überschritten. Die Apollo-Missionen bilden nicht einmal den Abschluss, sondern es sollen – gewissermaßen live – die neuesten, hochaufgelösten Bilder vom Mond eingespielt werden, die der „Lunar Reconnaissance Orbiter“ der NASA nach seinem Start Ende Mai zur Erde funken wird.

Ein willkommener Nebenaspekt dieser Konzeption: Mit Ausnahme des Manet-Gemäldes fielen die Versicherungskosten eher niedrig aus, so dass sich die Ausstellung, deren Vorbereitung zwei Jahre beansprucht hat, bereits mit 70.000 Besuchern refinanziert haben wird. Sehr wohltuend auch, dass ein Mond über Köln kein Mond über Soho ist, kein verdammter Fühlst-du-mein-Herz-schlagen-Text: Vielleicht liegt es ja an der Mitarbeit der Astronomen, dass man romantischen Allüren hier mit leichter Ironie begegnet und der Astrologie gar mit schärfster Ablehnung.

Der Mond. Im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, bis 16. August. Der Katalog (Hatje Cantz) kostet 30 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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