Asien im Berliner Schloss

Der Himmel gehört dem Reich der Mitte

Von Ulf Meyer
17.01.2022
, 20:14
Zentral erschlossen: Wang Shu stellt die chinesische Kultur unter ein Dach aus Pappelhölzern
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Wie aufgespießt und wie auf einer Architektur-Biennale: Die Präsentation von Kunst aus Japan, China und Korea im Berliner Schloss ist ein Spiegel der neuen Weltordnung.
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Im Humboldt-Forum im Herzen Berlins – und damit in gewisser Weise des Landes –, stehen sich zwei kon­träre zeitgenössische Architekturen gegenüber, die die neuen weltpolitischen Gewichte in Ostasien de­mon­strie­ren. Wäh­­rend die Präsentation der chinesischen Kultur auf imperialen Glanz ausgerichtet ist, bezieht sich die Präsentation ja­panischer Kunst auf die reduzierte Zen-Ästhetik und die Nachkriegsgeschichte. Na­tür­lich inszenieren sich die Länder nicht selbst, aber doch Landeskinder. Das Mu­seum für Asiatische Kunst im Westflügel des barocken Schlosses bildet mit seinem Bestand von dreizehntausend Exponaten die umfangreichste und bedeutendste Sammlung nordostasiatischer Kunst in Deutschland, aber seine Innenraumgestaltung wirkt bis auf zwei Interventionen von Architekten aus Japan und China verzagt.

Während das moderne japanische Teehaus von dem Architekten Jun Ura aus Ka­nazawa eine oktogonale Form bekommen hat, die der orthogonalen Geometrie der acht Tatami-Reisstrohmatten im Raum wi­derspricht, verlieh der berühmte chine­sische Architekt Wang Shu den spröden Interieurs des Humboldt-Forums royalen Glanz. Wang ist der erste und bisher einzige Architekt aus China, der den Pritzker-Preis empfangen hat.

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Zwei Kulturen prallen aufeinander

So unterschiedlich wie diese beiden ar­chitektonischen Stile sind auch die beiden Kulturen, die vis-à-vis der Museumsinsel nebeneinander präsentiert werden. Unerwartet drückt sich die neue Weltordnung in Nordostasien auch in der Ber­liner Ausstellungsgestaltung aus: Das Reich der Mitte wird als aufstrebende Weltmacht inszeniert, in der der Kommunismus an die Stelle des Kaisers trat, während das Land der aufgehenden Sonne als Reich gezeigt wird, das in der Nachkriegszeit seinen bisher letzten Hö­hepunkt erlebte. Die chinesische Kultur hat von den Staatlichen Museen zu Berlin einen acht Meter hohen und zentral erschlossenen Saal bekommen. Durch die japanische Kollektion dagegen gehen Besucher in parallelen Wegen, niemals axial, wie man es von Zugängen zu Tempeln und Schreinen in Japan kennt. Korea wiederum – in der Geographie wie im Berliner Museum zwischen seinen beiden großen Nachbarn unglücklich eingeklemmt – bleibt im Humboldt-Forum völlig unterbelichtet, da das Museum kaum koreanische Artefakte besitzt.

Die Japan-Ausstellung wirkt verschlossen: In nüchternen Metallschränken werden Rollbilder, Keramik- und Lackarbeiten so präsentiert, dass von der japanischen Omotenashi-Kultur der Sinnlichkeit, von dem Vermögen, mit warmen, haptischen Materialien und feinen Details Wohn- und Gastlichkeit herzustellen, nichts zu spüren ist. Der Fokus der Sammlung liegt auf der säkularen Nihonga-Malerei, aber die au­ratischen Kunstwerke werden präsentiert wie in einer Vitrine aufgespießte Schmetterlinge. Der Ausstellungsdesigner Ralph Appelbaum aus New York hat sein Renommee mit der Gestaltung eines Holocaust-Museums in den Vereinigten Staaten er­worben. Besondere Affinität zur ost-asia­tischen Ästhetik zeigt sein Entwurf nicht.

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Verbindende Erfahrungen im zweiten Weltkrieg

Wie zuvor im Vorgängergebäude in Berlin-Dahlem, ist das Herzstück der japa­nischen Präsentation auch im wiederauf­gebauten Stadtschloss ein Teehaus, in dem der „Tee-Weg“, so die wörtliche Bedeutung von Cha-do, erlebt und das Gesamtkunstwerk einer Teezeremonie zelebriert werden können. Das Teehaus wird Bôki-an genannt oder „Klause, um den Alltag hinter sich zu lassen“. Der Name erinnert an Sanssouci. Im Hauptraum wird über der im Boden eingelassenen Feuerstelle Wasser erhitzt, während die Tokonoma-Nische keine praktische Funktion hat, sondern ein Ort des Geistes und der Kunst ist. Für Lars-Christian Koch, den neuen Direktor des Museums für Asiatische Kunst, bringt die Teezeremonie „Menschen zusammen und ermöglicht die Erfahrung von Gemeinschaft und Inspiration durch Kunst“.

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Der Berliner Teeraum nimmt die achteckige Form der Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche („Der hohle Zahn“) auf und erinnert so an die Deutschland und Japan verbindenden Er­fahrungen der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Trotz seines modernen Tragwerks aus Corten-Stahl, kombiniert mit Washi-Papier, lackiertem Holz und Lehmputz, leckt die rückwärtsgewandte Gestaltung des Teehauses historische Wunden. Von hier aus fällt der Blick durch eins der wenigen nicht verschlossenen Fenster des Humboldt-Forums über den Lustgarten auf Schinkels Altes Museum. Im geschlossenen Zustand hingegen lassen mit Papier bespannte Shoji-Wände das charakteristische schattenlose Licht in den Raum fallen.

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Die Schönheit der Utensilien

Drei Fachleute für die Töpfer-, Lack- und Metallbaugewerke arbeiteten unter Leitung eines Toryo (Zimmermann) zusammen, um das Teehaus zusammenzufügen. Die Bauteile wurden per Schiff nach Berlin transportiert. Ein Auftrag in Deutschland ist für japanische Architekten in den letzten Jahren zur Ausnahme geworden: Während sie in Frankreich und der Schweiz einen Auftrag nach dem anderen einheimsen, bekommen die hochverehrten Japaner hierzulande keinen Fuß in die Tür. Die deutschen Auftraggeber scheinen für die weltweit gefeierte fernöstliche Baukunst nicht offen zu sein.

Die orthogonalen Tatami-Matten aus Reisstroh geben in einem Teeraum nicht nur Größe und Proportion, sondern auch die Bewegungen der Teemeister und ih­rer Gäste vor – auch im achteckigen Gedächtniskirchen-Grundriss des Humboldt-Forums. Beim Cha-do-Ritus kommt es auf die Schönheit der Utensilien aus Lack und Bambus, der Kleidung, der Konversation und der Bewegungen ebenso an wie auf das Interieur samt Blumenkunst und Kalligraphie. Es wäre schön gewesen, wenn ein Hauch von dieser hohen Kunst der Interieurgestaltung auch die Galerien im Humboldt-Forum prägen würde.

Asynchrone Darstellungen

Denn anders als sein berühmtes Pendant in Köln hat das Berliner Museum nie eine eigenständige architektonische Form ge­fun­den. In seiner Geschichte musste es oft umziehen: Nachdem Wilhelm von Bode das Museum für Ostasia­tische Kunst als erstes seiner Art 1906 auf der Museumsinsel gegründet hatte, zog es 1924 ins Kunstgewerbemuseum (heute Martin-Gropius-Bau), bevor seine Sammlung durch Krieg, Reparationen und Teilung dezimiert und auseinandergerissen und dann teils im Pergamonmuseum, teils im Museumszentrum Berlin-Dahlem gezeigt wurde. In Dahlem wurden die knochentrockenen Mu­se­ums­bau­ten von Wils Ebert innen von Fritz Bornemann gestaltet, dessen raffinierte Lichtführung und elegantes Vitrinendesign damals in­ternational für Aufsehen sorgten. Derlei Gestaltungswillen genießt im Humboldt-Forum nur die Präsentation von chine­sischer Hoch- und Hofkunst. Der Chinasaal ist der einzige, der eine eigene Architektur besitzt. Dafür sind dort die Exponate in einem Raum gänzlich ahistorisch nebeneinander angeordnet.

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Die Präsentation im spektakulären Thronsaal kombiniert den Reisethron des Kangxi-Kaisers und einen edlen Paravent aus Palisanderholz mit Töpfen und Be­chern aus den fünfziger Jahren, die China der DDR als sozialistisches Brudergeschenk vermachte. Diese asynchrone Darstellung ist gewollt. Denn die chinesische Kultur hat unter der Kulturrevolution schwerer gelitten als die japanische unter Weltkrieg und amerikanischer Besetzung.

Hölzerner „Himmel“

Die Gestaltung des Saals ist das Werk von Kochs Vorgänger Klaas Ruitenbeek. Er hatte Wang für die Gestaltung des Berliner Saals gewonnen. Der wortkarge Baumeister aus Hangzhou verbindet chinesische Bau­techniken und -materialien mit der Mo­derne. Eine poetische und atmosphärische Kraft zeichnet Wangs Werke aus, wie bei der Kunstakademie in Hangzhou, für die er zwei Millionen Ziegel aus abgerissenen Gebäuden wiederverwendete. Wangs behutsame Verwendung von Ressourcen und der archaische Ausdruck seiner Ge­bäude sind derzeit en vogue.

Für Berlin hat Wang eine abgehängte De­cke in der Ausstellungshalle entworfen, die aus 1300 Pappelhölzern aus dem Thüringer Wald besteht. Das nach innen ge­wölb­te Satteldach, ein dichtes Gewebe aus Holzstäben, bildet einen „Himmel“ über den Exponaten. Das Dachgerippe im chinesischen Saal stiehlt den Exponaten nicht die Schau, zeigt aber, dass die Aktuali­sierung des Völkerkundemuseums an Edutainment grenzt. Ein gu­ter Gestalter könnte die Essenz einer Kultur auch in einer zeitgenössischen In­sze­nie­rung herausdestillieren, aber das würde man eher in einem Länderpavillon auf einer Weltausstellung oder der Architektur-Biennale erwarten als in einem ethnologischen Mu­seum mit wissenschaftlichem An­spruch.

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Neue geopolitische Gewichte

Während China also als himmlisches Reich der Kaiser und des Sozialismus dargestellt wird, steht der japanische Bei­trag für „menschliche Unvollkommenheit, Krieg und Frieden, Zerstörung und Schöpfung“. „In Berlin leben viele Bürger, die für den Frieden beten“, glaubt der Ar­chitekt Ura, der das „Buch des Tees“ des Kulturwissenschaftlers Tenshin Okakura aus Tokyo zitiert, der das Berliner Vorgängermuseum 1911 besucht hatte: Ura wollte eine Teestube schaffen, die die „Schönheit der Teezeremonie zeigt, unter Berücksichtigung der Unvollkommenheiten des Menschen“, wie er es nennt.

Die Akzentverschiebung im Vergleich zu den früheren musealen Darstellungen in Dahlem ist ein Ausdruck der neuen geopolitischen Gewichte. China wird als aufstrebende Großmacht inszeniert, während Japan als kriegsversehrt erscheint. Die Ent­koppelung von Architektur und Inhalt, eines der Hauptprobleme der Schloss­rekonstruktion, schafft auch neue Freiheiten im Inneren des Humboldt-Forums, die recht unbekümmert genutzt werden. Verschiedenste Nutzungen und Ge­stal­tun­gen stapeln sich hinter den barocken Fassaden wüst übereinander. Das Cha-shitsu (Teehaus) und Wangs hölzerner Himmel im Westflügel gehören dabei zu den erfreu­licheren architektonischen „Follies“ in der neuen Berliner Mitte.

Quelle: F.A.Z.
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