Kunst in Moskau

Der Traum vom Fliegen

Von Kerstin Holm
12.10.2021
, 12:56
Charmanter Selbstzerstörer: Die Neue Tretjakow-Galerie zeigt Juri Pimenow, der die emanzipierten und modischen Sowjetfrauen verherrlichte, aber auch Teile seines großartigen Frühwerks vernichtete.
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Die Moskauer Tretjakow-Galerie präsentiert derzeit eine Retro­spektive des wo­möglich charmantesten Malers der Sowjetepoche, Juri Pimenow (1903 bis 1977), der während der Stalinzeit, aber auch während des politischen Tauwetters und danach die Anmut der Frauen in stilisierten Alltagsschilderungen pries. Eine Ikone der Sowjetmoderne ist Pimenows Ge­mälde „Das neue Moskau“, das eine Frau in Rückenansicht am Steuer eines Cabriolets zeigt. Das während des großen Terrors im Jahr 1937 entstandene Bild führt, über die Realien der Zeit pointillistisch hinwegschauend, die optimistische An­tizipation der Zukunft exemplarisch vor. Pimenow, dem seine damals schwangere Frau Modell saß, zeigt, wie die eman­zipierte Sowjetbürgerin, die sich sozialistisch-romantisch eine Nelke an die Windschutzscheibe gesteckt hat, bei strahlendem Wetter in Richtung der neuen Stalinpaläste im Zentrum unterwegs ist. Im Kriegsjahr 1944 nimmt der Künstler das Motiv der selbstbewussten Wa­genlenkerin – nun in stahlgrauen Farbtönen – programmatisch wieder auf: Auf der „Straße zur Front“ sieht man eine blonde Frau mit Pelzkappe von hinten am Steuer eines offenen Jeeps in einer Armeekolonne. Obgleich der Weg durch winterliche Stadtruinen führt, spricht aus ihrer Ruhe und den abgeschossenen deutschen Panzern am Straßenrand auch verhaltene Sie­geszuversicht.

Dieser impressionistische Pimenow steht in entschiedenem Kontrast zu seinem früheren künstlerischen Selbst aus den zwanziger Jahren, als er, inspiriert von der deutschen Neuen Sachlichkeit, aber auch von Ferdinand Hodler expressiv gelängte, altmeisterlich modellierte Figuren von Proletariern oder Sport­lern zu seinem Markenzeichen machte. Auf dem Gemälde „Her mit der Schwerindustrie“ werden vor dem Hintergrund einer aus mehreren Durchblicken montierten Hochofenlandschaft halb­ nackte bronzefarbene Männer durch gemeinsame Anstrengung zum Kollektivkörper ver­schweißt. Das großformatige Bild „Fußball“ beschwört mit drei in den Himmel springenden Athleten, über de­nen der Ball wie eine Sonne schwebt, den Traum vom fliegenden Menschen. In dieser Zeit stilisierte der Künstler auch seine Signatur nach der Art des Dürer-Monogramms.

Als nach 1931 derartige „Formalismen“ bekämpft wurden, verfiel Pimenow in Depression und konnte monatelang nicht arbeiten. Dann erfand er sich als Künstler neu, was leider zur Folge hatte, dass er frühere Werke, deren er habhaft werden konnte, zerstörte. Die Kuratoren der Tretjakow-Galerie haben jetzt an­hand von Zeitschriftenreproduktionen ei­­nige der verlorenen Bilder, die zu den ausdrucksstärksten seines Œuvres gehörten, im Originalmaßstab rekonstruiert. So sind die sehnig-eleganten Tennisspielerinnen, die mit manieriertem Blick unter Pagenkopffrisuren in maschinenartigem Gleichtakt die Bälle schlagen, oder das überschlanke Läuferpaar auf der Ziellinie wenigstens in Schwarz-Weiß auf an Druckvorlagen erinnerndem Metallblech zu bewundern.

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Seit er sich an Vorbildern wie Renoir oder Millet orientierte, pries Pimenow in offiziösen Gemälden die werktätige Frau, aber nun in bürgerlich lyrischer Manier. Sein den Arbeiterinnen des Motorenwerks Uralmasch in Swerdlowsk (heute wieder Jekaterinburg) gewidmetes Triptychon von 1936 zeigt im Mittelteil ge­pflegte Proletarierinnen, die ein Glas mit Blümchen auf ihre Werkbank gestellt haben. Auf den Seitenflügeln sieht man sie abends mit Halskette in der Theaterloge sitzen beziehungsweise zu Hause aus Porzellangeschirr gemütlich Tee trinken.

Als der Künstler auf die sechzig zuging, schien sich unter Nikita Chruschtschow, der Wohnblöcke für die Massen bauen ließ, die Staatsführung der gesellschaftlichen Ba­sis zuzuwenden. Pimenow schilderte das als chthonisch erotischen Akt, er legte mächtige Betonrohre ins von Baggern aufgewühlte und von Pfützen durchfurchte Erdreich und ließ junge Frauen wie schmetterlingshafte Vorboten der Zukunft darüber hinwegschweben – der Traum vom Fliegen wurde zur galanten Me­tapher. Auf dem Ge­mälde „Die ersten schicken Mädchen im Neu­bau­gebiet“ er­innert ein Plakat für den Kriegsfilm „Die Kraniche ziehen“ noch an das Blut, das auf diesem Boden eine Generation zuvor vergossen wurde. Doch an den drei Mädchen, die in zierlichen Pumps und duftigen Dior-Kleidern wie aus einer Westreklame über die groben Röhren balancieren, scheint kein Dreck haften zu können. Und auf dem berühmten Gemälde „Hochzeit auf der Straße von morgen“ verleiht Pimenow dem Brautpaar, das vorbei an Riesenrohren auf Holzlatten über das feuchte Erdreich dem Betrachter entgegenschreitet, die Züge von sich und seiner Frau in frühen Jahren, als könne auch er, da die Machthaber sich endlich auf ihr eigenes Land einließen, einen Neuanfang machen.

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Juri Pimenow. In der Neuen Tretjakow-Galerie, Moskau; bis zum 9. Januar 2022. Der russischsprachige Katalog kostet 36 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Holm, Kerstin
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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