Kunst nach NS-Geschmack

Als Hermann Göring noch Modigliani lobte

Von Julia Voss
21.11.2015
, 16:21
Erfolg und Verfolgung: Wie sehen Bilder aus, die den Nationalsozialisten gefielen? In Berlin, Frankfurt und Hanau geben Ausstellungen verblüffende Antworten und üben den Betrachter in Demut.
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Zu den aufschlussreichsten Selbstversuchen, die Museumsbesucher an einer wachsenden Zahl von Orten durchführen können, gehört der folgende: Man besuche eine Ausstellung, die Kunst aus den Jahren 1933 bis 1945 zeigt. Man lasse sämtliche Angaben zu einem Werk beiseite – Titel, Künstlernamen, Datum – und konzentriere sich ausschließlich auf das Bild oder die Skulptur. Man rate daraufhin, für wen die Künstlerin oder der Künstler produzierte. Wer malte für das Regime und wurde geehrt? Wer dagegen und wurde verfolgt?

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Tatsächlich laden zurzeit einige Ausstellungen zu diesem Experiment ein. Das ist bereits ein Novum. Noch vor wenigen Jahren wurde NS-Kunst nur unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen gezeigt, als müsste jederzeit eine ungewollte propagandistische Durchschlagskraft befürchtet werden. Vor Müllsäcke etwa wurden die Werke in Ausstellungen gehängt, vor Gitter oder auf den Gang zur Toilette. Von dieser Präsentation haben sich viele Kuratoren verabschiedet. Mehr noch: Die Kunst des Nationalsozialismus wird immer häufiger der verfemten direkt gegenübergestellt. Das ergibt in einigen Fällen Sinn, weil Erfolg und Verfolgung in Personalunion auftreten konnten.

Erkenntnisgewinn durch Selbstversuch

In Frankfurt und Hanau sind derzeit zwei Ausstellungen mit dem Titel „Reinhold Ewald – 1890–1974“ zu sehen, konzipiert innerhalb eines Forschungsprojekts des Kunsthistorikers Gregor Wedekind. Im Jahr 1937 wurden Werke von ebenjenem Ewald aus Museen in Frankfurt und Darmstadt als „entartet“ beschlagnahmt. Gleichzeitig bemühte sich der Künstler, der 1933 in die NSDAP eingetreten war, Propagandabilder für das Regime zu liefern, auch solche hängen in der aktuellen Doppelschau. Als Ewald jedoch 1940 einen Frauenakt bei der Großen Deutschen Kunstausstellung in München einreichte, der jährlichen Leistungsschau des deutschen Kunstschaffens, erhielt er vom Auswahlkomitee eine Absage. Ewalds Nackte, von der sich nun jeder selbst ein Bild im Museum Giersch machen kann, trägt ihren Bubikopf wie einen kleinen schwarzen Helm, sie sitzt hell leuchtend auf dunklem Grund, einer mit dem Spachtel gemalten Tagesdecke. Zu modern gemalt? Falscher Frauentyp? Aber wenn es so einfach wäre, warum konnte Ewald sich das nicht denken, er stand ja den Nationalsozialisten nahe. Der Künstler jedenfalls war niedergeschmettert und ratlos. In der Nachkriegszeit strich er den Nationalsozialismus aus seiner Biographie.

Von den Versuchen, sich anzudienen, handelt unter anderem ebenfalls die Ausstellungen „Die Schwarzen Jahre – Geschichten einer Sammlung 1933–1945“. Der Titel spielt auf ein Gemälde Karl Hofers von 1943 an. Gezeigt werden darüber hinaus Werke, die in diesen Jahren geschaffen, beschlagnahmt oder erworben wurden und heute der Nationalgalerie gehören. Programmatisch schreibt Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, die Ausstellung wolle „die über Jahre hinweg dominierende Vorstellung einer linearen Stilgeschichte infrage stellen“. Ebendeshalb, weil die Schau nicht nur eine vergangene Zeit, sondern auch eine kunsthistorische Erzählung aufsprengen soll, die bis heute wirkmächtig ist, wurde sie in den Hamburger Bahnhof verlegt, das Museum für Gegenwartskunst. Die Ausstellungsarchitektur unterstreicht den Anspruch: Schwarze Wände durchkreuzen die Räume, es gibt Durchbrüche und Gerüste. Wie Bühnenarbeiter können die Besucher die dunklen Kulissen beidseitig einsehen. Wieder hängen Verfolgte und Geförderte dicht beieinander.

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Worin liegt in Berlin der Erkenntniswert? Ebendas kann hervorragend ein Selbstversuch klären. Gleich im ersten Raum trifft der Betrachter auf eine Gruppe von vierzehn Werken: Porträts, Landschaften, Stillleben, Genreszenen, Historienbilder. Alle sind figurativ, der Stil wechselt. Hier ein pastoser Pinselauftrag mit herunterrinnenden Farbbahnen, dort die schärferen Umrisslinien des gängigen Akademiestils, vieles nichtssagend, anderes weltberühmt. Die meisten werden etwa den Modigliani erkennen, das Porträt von 1917/18, ein langgestrecktes Mädchengesicht, dessen Form an die afrikanischer Masken erinnert. Zu sehen ist es in dieser Schau nur als Reproduktion, der Nationalgalerie gehört es nicht mehr. Warum? Dafür lohnt es sich, die aberwitzige Geschichte nachzulesen, deren Beginn sämtliche in diesem ersten Raum versammelten Bilder teilen.

Voll von Widersprüchen

Die geht so: Erworben wurden die „Neuen italienischen Meister“, wie sie damals hießen, von der Nationalgalerie bereits im Jahr 1932, im Tausch gegen einen großen Historienschinken. Als die Schau eröffnete, im Februar 1933, waren die Nationalsozialisten schon an der Macht. Die Rede hielt Reichsminister Hermann Göring, er beschwor erwartungsgemäß den „genialen Duce“, und als verbindendes Element zwischen Italien und Deutschland führte er Folgendes an: „Beide Weltanschauungen suchen auch auf dem Gebiete der Kunst in erster Linie das eigene Blut auf allen Gebieten wieder zur Geltung zu bringen.“ Diese Rede spielt in der Ausstellung eine Hörstation ab.

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Hätte man Görings Begeisterung den Bildern zugetraut? Einigen vielleicht schon, ebendort, wo Männerakte in antikisierender Kleidung zur Tat schreiten. Schon bei den Werken von Giorgio de Chirico, dessen getupfter „Serenade“ von 1909 etwa, gerät ins Schwimmen, wer glaubt, die Nationalsozialisten hätten mit klaren ästhetischen Stilvorgaben operiert. Die teigig kreidigen Bilder des Futuristen und Faschisten Mario Sironi wurden vier Jahre später als „entartet“ beschlagnahmt, wie auch der Modigliani. Die Sironis kehrten kurz darauf zurück in die Nationalgalerie, sie wurden doch nicht verfemt. Den Modigliani allerdings, der Devisen versprach und der von einem jüdischen Künstler stammte, verkaufte man; heute ist er in Privatbesitz. Wer will da behaupten, dieses Hin und Her ließe sich den Bildern ansehen? Von solchen Widersprüchen ist die Ausstellung voll.

Ein Selbstversuch als Demutsübung

Nun wäre es andererseits ganz falsch, sich die Kunstpolitik nach 1933 als kompliziert vorzustellen. Die Nationalsozialisten waren eben nicht in erster Linie eine Stilpolizei. Darum können die Werke selbst in die Irre führen. Kunst produzieren durfte im Deutschen Reich, wer einen „Ariernachweis“ vorlegte. Vieles war unmöglich geworden, aber Freiräume ermöglichte die richtige Abstammung. Jüdische Künstler dagegen mussten um Leben und Werk fürchten, ganz gleichgültig, ob sie altmeisterlich, akademisch oder modern malten. Wer wie Käthe Kollwitz als Kommunistin galt, erhielt Ausstellungsverbot – auch das erzählt die Schau.

Insofern ist der Selbstversuch auch eine Demutsübung. Darin nämlich, wie wenig uns ein Werk verrät, wenn wir den Kontext nicht kennen, seine Geschichte. Sowohl die „Schwarzen Jahre“ in Berlin als auch „Reinhold Ewald“ führen vor, wie aktiv viele Künstler die Legendenproduktion betrieben und wie unerlässlich kunsthistorische Recherchen sind.

Trotz der Verdienste dieser Ausstellungen leidet die Berliner Schau an einer konzeptionellen Schwäche: Die Zeit zwischen 1933 und 1945 wird erzählt, ohne auch nur einen Fall von NS-Raubkunst zu zeigen. Die Nationalgalerie war natürlich Profiteur der Raubzüge des Regimes. Warum findet Böcklins „Toteninsel“, die zu Hitlers Lieblingsbildern zählte, den Weg aus der Alten Nationalgalerie in die Schau, aber nicht Hans von Marées „Selbstbildnis mit gelben Hut“, ein Gemälde, das die Nationalgalerie 1935 auf einer Auktion kaufte, 1999 an die Erben Max Silbersteins restituierte – und danach wieder erwarb? Das Fehlen eines solchen Werks ist nicht nur eine Leerstelle. Sondern wirft selbst einen Schatten.

Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung 1933–1945. Im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwartskunst, Berlin, bis 31.Juli. Der Katalog kostet 29,80 Euro. Reinhold Ewald (1890– 1974). Im Museum Giersch, Frankfurt, und im Historischen Museum Hanau Schloss Philippsruhe, bis 24.Januar. Der Katalog kostet 29 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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