Manifesta 2026 im Ruhrgebiet

Wie China auch die Kunstwelt dominiert

Von Georg Imdahl
10.11.2021
, 06:32
Strangulierender Laokoon oder einmaliger Blick über Duisburg nach 249 Stufen?  „Tiger and Turtle –  Magic Mountain“ von Heike Mutter und Ulrich Genth.
Sicher keine Sackgasse: Die Kunstausstellung Manifesta kommt 2026 ins Ruhrgebiet. Sie wird stark von China geprägt sein. Wird das eine kritische Veranstaltung oder pekingfreundlich?
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Wenn Hedwig Fijen über die Manifesta spricht, die sie 1996 mitbegründet hat, fällt das Wort Kunst im Gespräch einigermaßen nachgeordnet. Die Geschäftsführerin der europäischen Wanderbiennale denkt Ausstellungen in einem soziologischen Jargon, nennt urbane Transformationsprozesse, Wissensproduktion und recherchebasiertes Kuratieren als Movens. Mit der Manifesta verbinde sich der Anspruch, die Gegenwart exemplarisch sichtbar zu machen, eine Geschichte zu erzählen, die aus dem jeweiligen Standort hervorgeht und zugleich die aktuellen gesellschaftlichen Diskurse spiegelt. Jedenfalls gehe es bei dieser tourenden und darin singulären Biennale nicht bloß darum, in einer weiteren Schau „einfach nur Kunst zu zeigen“.

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Dies mag als typische Hybris der zeitgenössischen Kunst erscheinen – die Managerin weist selbst darauf hin –, es beschreibt aber den Status quo der globalen Großausstellung und ist legitim, wenn sich dahinter kein Wortgeklingel verbirgt. Tatsächlich hat sich die Manifesta wiederholt beim Wort genommen in der Forderung an sich selbst, mit echtem Interesse in die „Local Politics“ eher strukturschwacher Regionen einzusteigen wie etwa 2018 in Palermo. Die Leitung war bezeichnenderweise dem Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA) anvertraut worden, nicht etwa einem Kuratorenteam vom Fach. Akribisch inspizierte das Büro des Pritzker-Preisträgers Rem Koolhaas die Stadt vor Ort und legte, lange vor dem Start der Ausstellung, einen dickleibigen „Palermo Atlas“ vor, mit dem die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler konkret arbeiten sollten. Die Bestandsaufnahme dokumentiert die kulturelle, urbane und ökonomische Infrastruktur des Großraums Palermo, die Kunst trat nicht als Belegstück zur Theorie auf, sie überzeugte durch sich selbst.

Ein Coup fürs Ruhrgebiet

Erstmals seit 2002 und zum zweiten Mal überhaupt kommt die Manifesta nun 2026 wieder nach Deutschland, diesmal ins Ruhrgebiet, das eine schlüssigere Standortwahl darstellt als seinerzeit die Bankenmetropole Frankfurt (zwischenzeitlich war zuletzt übrigens auch Chemnitz, europäische Kulturhauptstadt 2025, im Gespräch). Gerade eben hat das Ruhrparlament, die Verbandsversammlung des Regionalverbands Ruhr, dem Vorhaben zugestimmt, dafür eine Million Euro bewilligt und die „Leadpartnerschaft“ übernommen. Das übrige Budget mit seinen insgesamt sechseinhalb Millionen Euro soll aus regionalen Stiftungen und dem NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft zusammengetrommelt werden. Nach der IBA – der Internationalen Bauausstellung Emscher Park in den Neunzigerjahren –, der europäischen Kulturhauptstadt 2010 und einzelnen Initiativen wie der temporären Ausstellung auf der A 40 („Die Schönheit der großen Straße“) stellt die Wanderbiennale einen Coup fürs Ruhrgebiet dar und nicht zuletzt ein gemeinschaftliches Projekt über die 53 kommunalen Kirchtürme hinweg.

Leitmotiv der Bewerbung ist mit der „Neuen Seidenstraße“ die prestigereiche chinesische Handelsroute unter dem Motto „One Belt – One Road“, die auf dem Schienenweg von Asien nach Duisburg führt: ein Thema, das in die Zukunft weist. Vielleicht ist der Masterplan von Staatschef Xi Jinping nicht so machtvoll wie der Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg, den Fijen zum Vergleich anführt. Doch taugt er als griffige Geschichte, schüttelt die Erzählung von Kohle und Stahl einmal ab und richtet den Blick auf andere Ökonomien als auf die montanen Rohstoffe: So lässt sich das Revier als „Modellregion“ für die künftige Generation erzählen.

Manifesta 11 in Zürich: Mit der Manifesta verbinde sich der Anspruch, die Gegenwart exemplarisch sichtbar zu machen, sagt die Geschäftsführerin der Biennale.
Manifesta 11 in Zürich: Mit der Manifesta verbinde sich der Anspruch, die Gegenwart exemplarisch sichtbar zu machen, sagt die Geschäftsführerin der Biennale. Bild: picture alliance/KEYSTONE

Die Manifesta 16 wolle sich über die Folgen der chinesischen Großinitiative Gedanken machen, und zwar „nicht allein aus westlicher Perspektive“, so Peter Gorschlüter, Direktor des Museum Folkwang in Essen und einer von zahlreichen Betreibern der erfolgreichen Bewerbung. Der einstigen Einwanderung von Arbeitern folge nun die „Migration der Infrastrukturen“. Wenn die „Neue Seidenstraße“ denn überhaupt eine Brücke in die Reviergeschichte schlage, dann führe sie zurück zum Hellweg als historischer Handelsroute. Das Ruhrgebiet als Schauplatz des „asiatischen Jahrhunderts“, wie es der Oxford-Historiker Peter Frankopan ausgerufen hat, mit Destination „Duisport“: Ruhrromantik hört sich anders an. Eine Kooperation mit einem Konfuzius-Institut sei aber nicht geplant, merkt Inke Arns an, die die Bewerbung federführend mitkonzipiert hat. Überhaupt leuchte es ihr nicht ein, warum eine deutsche Universität mit dem chinesischen Institut so eng zusammenarbeite, so die Leiterin des Dortmunder Hartware MedienKunstVereins. In Duisburg hat es kürzlich eine Lesung über Xi – zumindest zwischenzeitlich – blockiert.

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Nachfrage in der Mercatorstadt bei Kai Yu, Geschäftsführerin „China Business Network Duisburg“: Was verheißt die neue Seidenstraße für die Zukunft der Region? Zunächst einmal ist sie aus Perspektive der Juristin und Germanistin kein Zukunftsthema, sondern, mit den rund sechzig Zügen à vierzig Containern, die wöchentlich im Duisburger Hafen einfahren, längst auf die Schiene gesetzt. Stand heute hätten sich vierzig bis fünfzig chinesische Kleinunternehmen in Duisburg angesiedelt, eine Zahl mit Luft nach oben. Was sie im Westen lernen mussten: Verwaltung und Bürokratie gönnen sich deutlich mehr Zeit für eine Genehmigung als in ihrer Heimat (wo alles immer sehr schnell geht – Ai Weiwei hat es in seinem 2008 verbotenen Blog benannt und musste auch dafür später mit traumatischem Knast bezahlen).

Containerzug aus China im Güterbahnhof Duisburg-Rheinhausen.
Containerzug aus China im Güterbahnhof Duisburg-Rheinhausen. Bild: picture alliance / Jochen Tack

„Logistisch betrachtet“, sagt Markus Teuber, gerade berufener China-Beauftragter der Stadt Duisburg, sei die neue Seidenstraße ein „enormes Projekt“. Man denke allein an den Transport auf unterschiedlichen Schienentrassen unterwegs von China über Kasachstan, Russland und Polen (der moldawische Künstler Pavel Brăila hat das bei der Documenta 11 von 2002 in seinem Film „Shoes for Europe“ dokumentiert). Rund 1500 neue Arbeitsplätze – die neue Seidenstraße sei bislang ein „interessanter Zukunftsmarkt, aber nicht gigantisch“. Nachteilige Konsequenzen irgendwelcher Art sieht Teuber nicht heraufziehen, dass die Chinesen in Duisburg „in Grund und Boden“ investieren oder gleich den ganzen Hafen ankaufen, wie in Piräus geschehen – im Ruhrgebiet kein Thema.

Folgt der „Japan-Stadt Düsseldorf“ nun also die „China-Stadt Duisburg“. In all ihrer Wissensproduktion dürfte die Manifesta 16 aber auch eine skeptische, kritische Haltung zu den Transformationsprozessen geltend machen. Der aktuelle Vorfall mit dem Konfuzius-Institut zeige doch, „dass die Einflussnahme des chinesischen Staatsapparats heute nicht nur in Wirtschaftsfragen, sondern auch in gesellschaftspolitischen Belangen bis nach Europa und ins Ruhrgebiet reicht“, so Gorschlüter. Ebendies könne die Manifesta „auch mit unabhängigen Kulturschaffenden aus China“ zur Debatte stellen. Bleibt übrigens zu klären, wer das kuratieren soll. Eine logistische Herausforderung dürfte darin bestehen, einen Parcours für die Biennale in dem Ballungsraum zu entwickeln, der für auswärtige Besucher zu bewältigen ist. Interessant wird es überdies zu beobachten sein, wie die Skulptur Projekte Münster 2027 auf die Konkurrenz vor der eigenen Haustür reagieren werden. Sie haben sich in den letzten Ausgaben nämlich darauf beschränkt, jenseits von Diskurs und Soziologie einfach nur Kunst im öffentlichen Raum zu zeigen.

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Quelle: F.A.Z.
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