Sammlung erhält Kunst zurück

Gotha, ein Wintermärchen

Von Stefan Trinks
17.11.2021
, 16:02
Da ahnte er  noch nichts von seiner späteren Vierteilung: Cranachs d. J. „Bildnis des Kanzlers Christian Brück“, 1555.
Holbein, Hals, Brueghel, Van Dyck und Rembrandt sind zurück, siebzig Prozent der einstigen Bilder aber fehlen noch: Die Geschichte der Gothaer Sammlungen liest sich wie ein Krimi. Mit Happy End?
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Ähnlich verschwippt, verschwägert und über ganz Europa verstreut wie das Haus Sachsen-Coburg-Gotha sind auch die Kunstsammlungen der Herzöge von Gotha. „Erworben – verschollen – zurückgewonnen“, so könnte die große Sonderausstellung „Wieder zurück in Gotha! Die verlorenen Meisterwerke“ im Gothaer Herzoglichen Museum auch heißen, welche die äußerst wechselhaften Ge­schicke der dortigen Sammlung beleuchtet. Wie im Brennglas deutscher Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts werden hier die enormen Verluste und kleckerweisen Rückführungen vorgestellt.

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Der Bogen spannt sich dabei vom bis heute unglaublichen Diebstahl eines Einzelnen bis hin zu den systematischen Beutezügen sowjetischer Trophäenbrigaden, die Kulturgut zum Zweck der Kriegsreparation im großen Maßstab abtransportierten. Man erinnert sich an den größten Kunstdiebstahl der DDR 1979, bei dem ein Holbein, Hals, van Dyck, Brueghel und ein – wie wir heute wissen – Rembrandt aus Schloss Friedenstein gestohlen wurden (F.A.Z. vom 6. Dezember 2019): Der Lokführer und DDR-Dissident Rudi Bernhardt kletterte mit an seiner Arbeitsstelle Eisenbahnwerk selbst geschmiedeten Steigeisen über die Regenrinne in den dritten Stock des Schlosses hinein und entwendete die Bilder. Trotz ausgedehnter polizeilicher Er­mittlungen – unter anderem wurden 2394 Menschen im Umfeld des Schlossmuseums befragt – blieb er unentdeckt und konnte die fünf Meisterwerke an eine Familie in Westdeutschland veräußern, von wo er we­nig später selbst nach Haft wegen versuchter Republikflucht freigekauft wurde. Dort hingen sie jahrelang in einem Eigenheim in grausigen Baumarktrahmen neben Ma­kramee-Tieren (in Gotha ist nun das Foto des Ingelheimer Esszimmers aus dem Al­bum der Familie zu sehen), bevor die Erben versuchten, die Bilder für viel Geld an den Oberbürgermeister Gothas zu verkaufen. Der ließ den Coup auffliegen, die Bilder kamen nach 41 Jahren zurück.

Alles Böttger-Steinzeug gehört doch nicht Dresden

Auf einer instruktiven Podiumsdiskussion vergangene Woche, deren zehn Teilnehmer allesamt aus der Praxis der Kunstobjekte abgebenden, aber auch neu empfangenden Museums- und Stiftungswelt stammten, wanderte mehrfach das Wort „Irrläufer“ durch den Tagungssaal im Herzoglichen Museum. Julia We­ber etwa, verantwortlich für die größte Porzellansammlung der westlichen Welt in Dresden, musste sich von elf Steinzeug-Gefäßen Böttgers aus ihrem Bestand trennen, die eigentlich Gotha gehörten. Wie aber ge­langten die Gefäße nach Dresden?

Ursprünglich standen sie wegen ihres beträchtlichen Werts in der Kunstkammer im Ostturm von Schloss Friedenstein, dem ersten, zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs vollendeten Barockschloss in Deutschland. Aufgrund ihrer rötlich schimmernden Oberflächen wurden sie auch „Rotes“ oder „Jaspis-Porzellan“ genannt und daher konsequent zusammen mit den Mineralien im Kunstkabinettschrank aufbewahrt, wo eben auch echte Jaspisse und Karneole als Naturalia lagen. Solche Kostbarkeiten verschleppten die sogenannten Trophäenbrigaden bevorzugt ab 1945 in die Sowjetunion, insgesamt anderthalb Millionen Objekte, die nur auf Basis hastig diktierter Listen den jeweiligen Herkunftsorten zugeordnet wurden. Vieles davon ließ Stalin bis Mitte der Fünfzigerjahre in die DDR rückführen, 150 Stück Gothaer Porzellan und kostbare Keramik aber landeten irrtümlich in Dresden und wurden nun über Jahrzehnte zwischen den Museen ausgetauscht.

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Oder ein Zufallsfund: Drei prachtvoll edelsteingleiche Emaille-Unterschalen des Augsburger Rokokomeisters Tobias Baur, ein Geschenk der Zarin Katharina der Großen von Anhalt-Zerbst an die Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, irrten lange unerkannt – trotz Lostart Register – durch die weite Welt des Kunstmarkts, weil die vom Auktionshaus im Netz eingestellten sechs Ab­bildungen alle dieselbe Schale zeigten, keines der Fotos aber die richtigen aus Gotha. Die Zuordnung ist künftig erleichtert durch den ebenfalls auf dem Kolloquium vorgestellten zweibändigen Bestandskatalog der Sammlungen.

Und selbst stilistische Irrläufer können nun mit verbesserten technischen Untersuchungsmethoden glücklich eingefangen werden. Der vertrackteste unter diesen ist sicher eines der fünf Jahrhundertraub-Gemälde, das „Bildnis eines alten Mannes“, das ursprünglich als Kopie nach Rembrandt Jan Lievens zugeschrieben wurde, danach wegen einer Namensnennung dem Rembrandtschüler Ferdinand Bol. Seit der Rückführung nach Gotha Dezember 2019 blickte man, geblendet von den übrigen Schätzen Holbein, Hals, Brueghel und van Dyck, am allerwenigsten auf den dunkelmürrischen Zottelbart von „Lievens/Bol“.

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Kein Kopist Rembrandt hätte so viele Änderungen vorgenommen

Nun aber wird in Gotha eine Sensation vorgestellt: Die neuen Röntgenaufnahmen des Bärtigen zeigen auffällig viele Pentimenti. Diese in der ersten Malphase verbessernden „Reuezüge“ wären bei einer Kopie unerklärlich. Aktuell scheint es da­mit so, als sei das Gothaer Bild ein Original Rembrandts und Vorlage selbst für eine spätere Fassung im amerikanischen Cambridge, was auch die vorzügliche Qualität des suchend-zweifelnden Blicks des Alten und das impressionistisch roh stehen gelassene Dreieck in dessen Gewand erklären würde. Die Nennung Bols auf der Rückseite verstärkt ironischerweise noch die Rückzuschreibung des Irrläufers, denn der wohlhabende Bol hatte aus der Konkursmasse seines Meisters mehrere Werke aufgekauft und rückseitig mit Besitzervermerk versehen. In Bols Inventar findet sich der Bärtige als von Rembrandt stammend verzeichnet. Selbst wenn der jüngst verstorbene oberste Zu- und Abschreiber Rembrandts, Ernst van de Wetering, das Bild nicht mehr im Original sehen konnte, hatte er keine Zweifel an seiner Authentizität.

Oder man nimmt die zwei Cranachs als Kern der Gothaer Kunstschätze: Der Äl­tere zog von Kronach nach Wittenberg und ehelichte die Gothaer Bürgermeistertochter Barbara Brengbier, der Jüngere wurde dann schon in Wittenberg geboren. Beide sind in Ostdeutschland besonders ge­schätzte Identifikationsfiguren. Einst be­saß Gotha stolze 44 Cranachs, nach dem Weltkrieg hatte sich deren Zahl halbiert, heute sind es wieder 23, nachdem nun ein besonders seltenes Bild des jüngeren Cranach erworben wurde: Der malte 1555 das „Bildnis des Kanzlers Christian Brück“ anlässlich der Berufung Brücks, latinisiert Pontanus, zum Kanzler am Gothaer Hof.

Es ist das bislang einzig bekannte Porträt des glücklosen Staatsmanns, der sich in undiplomatische Händel einließ und 1567 auf dem Gothaer Hauptmarkt gevierteilt wurde. Cranach hat es wohl auch gemalt, weil Brück sein Schwager war, Ehemann seiner Schwester Barbara. Das außergewöhnlich gut erhaltene und extrem sorgfältig gemalte Brustbild mit Goldkette und pelzverbrämtem Mantel wirft wie bei den eingeflossenen italienischen Renaissance-Vorbildern einen lebendigen Schatten auf dem grün leuchtenden Hintergrund und erreicht mit 104 Zentimeter Höhe so­gar Lebensgröße. Wie aber konnte dieses Hauptwerk der Porträtkunst Cranachs des Jüngeren überhaupt verloren gehen, und wodurch gelangte es nun erst kürzlich nach Gotha? Ohne Wissen um den Dargestellten wiederholt verkauft und im neunzehnten Jahrhundert in Privatbesitz gelangt, verlor sich die Spur des Bildes über Jahrzehnte, bis es 1978 in Wien von dem deutschen Unternehmer Joachim Schulz auf einer Auktion des Wiener Dorotheums ersteigert wurde und jahrzehntelang in dessen Villa in Amorbach im Odenwald hing. Nach dem Tod der Witwe wurde die Villa zu einem Begegnungszentrum für Jugendliche. Das Bild gelangte nach jahrelangen pfiffig-tatkräftigen Aktionen des Nachnachnachfol­gers von Barbara Brengbiers Bürgermeistervater, Knut Kreuch, wieder in seine doppelt angestammte Heimat.

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Nachdem der an den Sammlungen seiner Stadt besonderen Anteil nehmende Oberbürgermeister mit Cleverness schon die fünf alten Meister zurückerobert hat, ist es bei der langen Laufzeit dieser deutsch-deutschen Verlust- und Wiedergewinnungsgeschichte von fast einem Jahr gut denkbar, dass Kreuch in dieser Zeit noch das eine oder andere der vielen weiterhin vermissten Stücke in deren Mu­seumsheimat zurückholt.

Wieder zurück in Gotha! Die verlorenen Meisterwerke. Im Herzoglichen Museum, Gotha; bis 21. August 2022. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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