Das Woods Art Institute (WAI)

Wo schon Bismarck die Bäume umarmte

Von STEFANIE SCHÜTTE, Fotos DANIEL PILAR
Das Woods Art Institute (WAI)

10. August 2021 · Am Sachsenwald haben ein Kunstsammler und ein Verleger zwei Kunsthäuser gegründet, die selbst Hamburger staunen lassen.

Schon der Eiserne Kanzler soll diese Bäume regelmäßig umarmt haben, lange bevor das Waldbaden in Mode kam. Der Sachsenwald, Schleswig-Holsteins größtes zusammenhängendes Waldgebiet, war Otto von Bismarck 1871 vom Kaiser geschenkt worden. Und hier, auf dem im Forst gelegenen Gut Friedrichsruh, lebte er bis zu seinem Tod. Sein Beispiel machte Schule. Um die Jahrhundertwende erlebte die Gegend in Hamburgs Osten mit ihren Bauerndörfern einen unglaublichen Aufschwung. Nicht allein wegen des teils kultisch verehrten Reichskanzlers, sondern vor allem wegen der neu entstandenen Haltepunkte auf der Bahnstrecke von Hamburg nach Berlin. Schnell konnte man aus der Stadt hier in die Frische der Natur gelangen, mit dem herrlichen Wald vor der Tür, dem Flusslauf der Bille und der leicht hügeligen Landschaft.

Hanseatische Kaufleute, Reeder und Senatoren ließen sich in Wentorf, Wohltorf, Reinbek und Aumühle nun Villen erbauen. Einige sogar von den besten hamburgischen Architekten wie Martin Haller (1835-1925) oder den Gebrüdern Hans (1881-1931) und Oskar Gerson (1886-1966). Im prachtvollen Wentorfer Hotel Nancythal oder dem nahegelegenen Gasthaus „Karlshöhe“ soll damals sonntags der Zug der Gespanne gar nicht abgerissen sein. Man feierte, schlemmte und vergnügte sich zudem vom Jahr 1921 an im neugegründeten noblen Tontaubenklub in Wohltorf mit Tennis, Hockey oder Tontaubenschießen.

Tief im Grünen und doch ganz hell: Nikolaus Gelpke schlug seinem alten Freund Roger Willemsen wenige Tage vor dessen Tod im Jahr 2016 vor, seine Villa als Künstlerhaus zu nutzen.
Tief im Grünen und doch ganz hell: Nikolaus Gelpke schlug seinem alten Freund Roger Willemsen wenige Tage vor dessen Tod im Jahr 2016 vor, seine Villa als Künstlerhaus zu nutzen.

Der Klub mit angeschlossenem Badeteich, kurz TTK genannt, besteht immer noch. Doch ansonsten verblasste der Glamour der Sachsenwalddörfer. Das Jugendstilgebäude des Restaurants „Karlshöhe“ musste in den siebziger Jahren einer Wohnanlage weichen. Nancythal erging es ebenso. Viele der Villengrundstücke wurden parzelliert und mit mehr oder minder schönen Neubauten gepflastert. Aufsehen erregte der Wald erst, als hier 1982 der damals am meisten gesuchte Terrorist Christian Klar festgenommen wurde und eine Nacht in einer Zelle auf der Reinbeker Polizeiwache verbrachte. Die Rote Armee Fraktion (RAF) hatte ihre geheimen Waffen- und Vorratsdepots in ganz Deutschland verteilt, eines davon befand sich im Sachsenwald bei Friedrichsruh. Klar hatte sich als Jogger getarnt, um an das RAF-Depot zu gelangen. Und rechnete nicht damit, dass ein Heer von Polizisten seinetwegen schon auf der Lauer lag. Dem Ruf des Waldes war die Episode nicht gerade zuträglich. Zumal er durch seltsame Gerüchte über „Sachsenwaldpornos“ litt, die angeblich von den Nationalsozialisten gedreht worden waren.

Fast unverhofft schimmert nun der Glanz vergangener Zeiten wieder auf. Die Sachsenwald-Vororte werden zu Pilgerstätten für Kulturliebhaber. Das ist besonders zwei – oder besser drei – Männern zu verdanken: dem Hamburger Kunstsammler Rik Reinking, dem Verleger der Zeitschrift mare, Nikolaus Gelpke, und mit ihm indirekt auch Roger Willemsen, dem Feingeist unter den deutschen Intellektuellen, der 2016 gestorben ist. Nur ein paar Hundert Schritte voneinander entfernt haben sie in Wentorf am Waldrand eindrückliche Häuser für die Kunst begründet: das Woods Art Institute (WAI) und das mare-Künstlerhaus.

Blick in das Mare Künstlerhaus der Roger Willemsen Stiftung in Hamburger Sachsenwald
Blick in das Mare Künstlerhaus der Roger Willemsen Stiftung in Hamburger Sachsenwald

DAHINTER BEGINNT DAS GRÜN

„Man kommt mit der Bahn unten am Reinbeker Schloss an, man läuft halb rum um den Mühlenteich, und dann ist man schon bei uns. Ein leichter Anstieg, und es öffnet sich dieses Plateau. Da geht mir jedes Mal das Herz auf.“ Wenn Rik Reinking den Weg aus Hamburg zum Woods Art Institute beschreibt, hört sich das an wie in alten Zeiten. Seit 1846 hält die Bahn aus Hamburg in Reinbek – nur dass es statt des Dampfzugs Richtung Berlin heute die S-Bahn im Nahverkehr der Hansestadt ist. Zur Wentorfer Golfstraße 5, Sitz des WAI, sind es rund zehn Minuten Fußmarsch, mit dem Renaissance-Bau des Reinbeker Schlosses als Startpunkt. Unterhalb und hinter der Golfstraße fängt der Wald an.

Die Distanz zur Stadt, die auf den ersten Blick als Nachteil bei der Errichtung eines Museums erscheint, wird in Reinkings Sicht zum großen Pluspunkt: „Durch die kleine Anreise habe ich das Erlebnis, wirklich aus dem Alltag herauszutreten.“ Im Stadtzentrum gelinge das nicht so leicht. „Da falle ich förmlich aus dem Museum heraus und habe schon wieder das nächste Plakat vor der Nase. Ich glaube, für die Auseinandersetzung mit Kunst ist dieses Kontemplative entscheidend.“

Nun können im mare-Künstlerhaus der nach dem verstorbenen Autor und Moderator benannten Stiftung Künstlerinnen und Künstler in aller Ruhe arbeiten – wie die Autorin und Fotografin Franziska Hauser. Nur im Treppenhaus werden sie vom einstigen Besitzer der Villa beobachtet.

Allein schon der Park des WAI ist sehenswert mit den alten Bäumen, den Rhododendron-Anpflanzungen, den Terrassen und dem alten Schwimmbad aus den zwanziger Jahren. Auch die Sammlung muss sich nicht verstecken. Zeitgenössisches längst etablierter Künstler steht neben jüngerer Avantgarde. Zudem sammelt Reinking indigene Artefakte aus verschiedenen Kulturen. Die Klammer, die alles hält, ist die Frage nach den Antriebsfedern menschlicher Existenz, den Bildern unserer Identität. Wie gemacht dafür erscheinen die lichten Räume, die drei bis fünf Kunstwerke gleichsam miteinander reden lassen. Als weiterer imaginärer „Gesprächspartner“ dient die Natur, die überall durch die großen Fenster zu sehen ist.

Reinking setzt die Arbeiten aus verschiedenen Richtungen und Jahrzehnten bewusst nebeneinander: „Mich hat immer interessiert, was mit mir beim Betrachten passiert. Der Raum dazwischen ist wichtig.“ In einem der Räume mag das Halbrund aus Lehmziegeln, geschaffen von der deutschen Bildhauerin Madeleine Dietz (geboren 1953), die einen an uralte Grabstätten erinnern, die anderen an die Schilderung des Korans, dass der Mensch aus Lehm geschaffen sei. Daneben hängt ein großformatiges Bild des Wiener Aktionskünstlers Hermann Nitsch (geboren 1938), auf dem getrocknetes Blut sich zu einer seltsam organischen Form gefügt hat. Und schon stellt sich die große Frage, woher der Mensch denn kommt. Oder woran er glaubt: Zwei weitere Werke im Raum nehmen die christliche Kreuzsymbolik auf.

Das elegante Gebäude, das die Sammlung beherbergt, wurde nicht für Kunst geschaffen. Sondern für die 1960 an der Golfstraße 5 gegründete Staatliche Internatsschule für Sprachbehinderte des Landes Schleswig-Holstein. 2014 schloss die Schule. Das Anwesen wurde zum Verkauf angeboten und diente zwischenzeitlich als Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. 2017 bekamen Reinking und seine Frau Anna-Julia in einem Bieterverfahren den Zuschlag. Doch obwohl er, wie er sagt, „von der ersten Sekunde an wusste, was ich mit jedem einzelnen Quadratmeter machen könnte“, konnte er nur vage den immensen Aufwand der Instandsetzung bemessen. Der herrliche Park war verwildert, der Eingang des Haupthauses, einer Gründerzeitvilla, zugemauert und das Gemäuer mit Farbe überstrichen worden. Reinking recherchierte akribisch, engagierte spezialisierte Handwerker und legte selbst Hand an.

Blick in das Mare Künstlerhaus der Roger Willemsen Stiftung

Heute kann man die ursprüngliche Anlage gut erkennen. Das Haupthaus sieht wieder etwa so aus wie nach 1914, als es der belgische Kaufmann Georges Fester als Sommersitz errichten ließ. Sein Winterpalais befand sich in Kopenhagen. In Wentorf verbrachte er nur wenige Monate im Jahr. Doch da seine Frau Hamburgerin war, ließ er sich beim Bauen nicht lumpen. Zwei große Hallen, 20 Zimmer und ein bildschönes Torhaus mit der altflämischen Aufschrift „Weltevreden“ („wohlzufrieden“). Die Aufschrift gibt es heute noch. Bilder aus der damaligen Zeit zeigen, wie lebhaft es zuging. Die Jugend der Nachbarschaft durfte nach Belieben das Schwimmbad benutzen. Und den sechs Ziehkindern von Anna Fester wurde pro Woche ein „unartiger Tag“ zugestanden, an dem sie tun und lassen konnten, was sie wollten.

DIE IDEE EINER RESIDENZ

In den dreißiger Jahren verkaufte Fester das Haus. In der Zeit des Nationalsozialismus diente es als Müttergenesungsheim, in der Nachkriegszeit als Heim für Flüchtlingskinder. Ähnlich erging es dem nur rund 600 Meter entfernten Landhaus Haase. 1889 hatte es der Hamburger Augenarzt Gustav Haase bauen lassen und dafür auch den Hamburger Stararchitekten Martin Haller engagiert. 1935 kaufte die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt das Haus und wandelte es in ein Kinderheim um. Die Nutzung blieb bis weit nach Ende der Nazizeit erhalten. Von 2006 an stand es leer, bis eine Familie es vor einigen Jahren erwarb und aufwändig renovierte. Und 2015 an den deutschen Autor und Moderator Roger Willemsen verkaufte. Willemsen muss bei einem Spaziergang um den Mühlenteich mit einer Freundin sofort einen starken Bezug zu dem Ort entwickelt haben. „Er wollte es sofort haben“, berichtet die heutige Leiterin des Hauses, Annette Schiedeck. Er habe nicht einmal einen Gutachter beauftragt, sondern es einfach gekauft. Selbst als seine schwere Krebserkrankung diagnostiziert wurde, hielt Willemsen an dem Plan fest. Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte er in dem ehemaligen Landhaus Haase. Inmitten seiner verblüffend gut hierher passenden Möbel, der holzgetäfelten Bibliothek, der zahlreichen CDs und des wunderschönen bunten Glasfensters im Treppenaufgang, in dem sich das Sonnenlicht bricht.


Roger Willemsen schaute von seinem Schreibtisch aus in den Wald und zum Mühlenteich. „Ich hätte hier gerne alle vier Jahreszeiten erlebt“, sagte er.

Wenige Tage vor Willemsens Tod entstand die Idee eines Künstlerhauses. Roger Willemsen bedauerte es, dass das Haus nun wieder auf den Markt kommen müsse. Er müsse sich da keine Sorgen machen, beruhigte ihn ein Freund, der mare-Verleger Nikolaus Gelpke. Er werde das Haus kaufen und eine Stiftung daraus machen. „Das war eine komplett spontane Idee“, erzählt Gelpke. Zwar habe er immer schon ein Literatur- oder Künstlerhaus für den Verlag errichten wollen. Nur habe er einen ganz anderen Ort dafür im Kopf gehabt.

Und so entstand die „Villa Willemsen“, wie die Wentorfer sie nennen, als kreativer Ort für Kulturschaffende. Fast 40 Künstler aus Literatur, Musik, Film und Bildender Kunst haben hier seit der Eröffnung 2018 als Stipendiaten gewohnt, die meisten vier bis acht Wochen lang. Vor den Corona-Maßnahmen wurden in größeren Abständen Gäste zu Lesungen eingeladen. Auflagen, etwas zu schaffen oder vorzustellen, gibt es für die Stipendiaten nicht. Die Idee ist die einer „Residenz“: Die Künstler sollen hier Zeit am Stück verbringen, ihre Freiräume haben und sich austauschen können. „Der Mensch dahinter soll wichtig sein“, sagt Gelpke, der sich vor der Stiftungsgründung intensiv mit Kunststipendien auseinandergesetzt hat. „Intern und extern wollen wir einen sehr nahen und respektvollen Umgang, der immer auch das Eigene lässt.“
Der Kunstsammler Rik Reinking stellt in dem Kunsthaus in einer ehemaligen Schule Zeitgenössisches von etabliert bis avantgardistisch aus.
Rik Reinking geht jedes Mal das Herz auf, wenn er mit der Bahn von Hamburg aus das Reinbeker Schloss erreicht, um den Mühlenteich geht und in Wentorf in seinem Woods Art Institute ankommt.
Rik Reinking geht jedes Mal das Herz auf, wenn er mit der Bahn von Hamburg aus das Reinbeker Schloss erreicht, um den Mühlenteich geht und in Wentorf in seinem Woods Art Institute ankommt.
Fast alle Stipendiaten seien länger in der alten Villa geblieben. Viele von ihnen haben tatsächlich etwas über den Wald zu Papier gebracht. Kein Wunder: Überall blickt man aus der Villa auf Bäume. „Der Wald war auch Roger ganz wichtig“, sagt Nikolaus Gelpke über seinen verstorbenen Freund. Der schaute von seinem Schreibtisch aus in den Wald und zum Mühlenteich. Mehr habe er eigentlich nicht gewollt. „Ich hätte hier gerne alle vier Jahreszeiten erlebt“, sagte er kurz vor seinem Tod zu Annette Schiedeck. Hinterlassen hat er einen Ort, der verzaubert erscheint.

Als „vornehmste, schönste und gesundeste und theuerste Sommerfrische Hamburgs“ beschrieb der Reisebuchautor August Trinius 1898 die Billegemeinden. Wenn man das WAI und das mare-Künstlerhaus besucht, kann man es nachvollziehen. Aber warum war die Gegend so lange vergessen? Zumal das Reinbeker Schloss, der Tonteich, der Bismarck’sche Schmetterlingsgarten in Friedrichsruh und natürlich der Wald mit seinen Buchen und Eichen nie an Anziehungskraft eingebüßt hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Hamburger Osten durch die Teilung Deutschlands sein vorher attraktives Hinterland. Auch nach der Wende passierte zunächst wenig. Als 2017 der Rowohlt-Verlag, der seit 1960 in Reinbek seinen Sitz hatte, bekanntgab, dass er nach Hamburg umziehen wolle, schien ein Tiefpunkt erreicht. „Dort schlägt der Puls eben lauter als an der Bille“, hieß es im Verlag über die Entscheidung für die Großstadt. Doch gerade das scheint jetzt den einstigen Sachsenwalddörfern zu neuem Glanz zu verhelfen. Das Rauschen des Waldes toppt das Grundrauschen der Stadt.

Bergführer wird Alpen-Maler Sein Bild der Berge
Franka Potente über „Home“ „Ich möchte Menschen heilen“
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