Nicole Eisenman in Bielefeld

Die Erfindung des drastischen Realismus

Von Georg Imdahl
22.11.2021
, 17:08
Nicole Eisenmans „Night of the cheer with a spray of Bullets“, 2005.
Die Kunsthalle Bielefeld feiert das Werk von Nicole Eisenman. Die Gemälde der 1965 in Verdun geborenen Künstlerin wirken wie Echos der großen Krisen unserer Zeit.
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Wenn in der Politik dieser Tage von Zukunftsprojekten für die Zwanzigerjahre die Rede ist, richtet sich der Blick reflexartig und mit einer gewissen Bangigkeit in die Zwanziger des vorigen Jahrhunderts zurück, auch wenn man sie golden genannt hat. In der Gemengelage der Weimarer Republik und ihrer extremen Labilität erblühte die Kunst, drehte sie regelrecht auf – sie steigerte sich an all den Krisen, schuf messerscharfe Bilder einer heillos gespaltenen Gesellschaft und setzte zugleich die Idee der hehren Kunst unter Druck. Bevor ihr die Luft abgedreht wurde. Was immer die zeitgenössische Kunst an Gegenwartsdiagnose und kritischem Impuls zu bieten hat, ist in dieser Dekade in Fülle vorgezeichnet, findet seine Vorläufer in Dadaismus, Neuer Sachlichkeit und plakativer Politkunst. So bezeugt es eindrucksvoll das Werk der Amerikanerin Nicole Eisenman: Kaum jemand aus ihrer Generation lässt ein allgemeines Unbehagen so gegenwärtig erscheinen und versteht zugleich die Gegenwart so treffsicher aus der (Kunst-)Geschichte heraus wie die Künstlerin des Jahrgangs 1965.

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Auch als Bildhauerin hat sich Eisenman zuletzt profiliert, sei es museal mit rohen Köpfen aus Aluminium, Bronze, Gips und Stahl wie vor einigen Jahren in der Kunsthalle Baden-Baden, sei es im öffentlichen Raum wie bei den Skulptur Projekten Münster 2017. Nachdem ihre Figurengruppe dort mehrfach von Vandalen mit Hakenkreuzen und homophoben Symbolen beschmiert und beschädigt worden war, hatte sich eine Bürgerinitiative gegründet, um den ungewöhnlichen Brunnen an der Promenade mit privaten und öffentlichen Mitteln für die Stadt anzukaufen. Nicht weniger als 650.000 Euro wurden gesammelt, die Künstlerin verzichtete auf ein Honorar (F.A.Z. vom 13. April), kürzlich ist der „Sketch for a Fountain“ mit seinen queeren Figuren mit einem Volksfest der Öffentlichkeit übergeben worden.

Treffen, trinken, trauern, aneinander vorbei leben

Eine packende Retrospektive widmet die Kunsthalle Bielefeld jetzt der Malerin Nicole Eisenman mit rund achtzig Werken, die Schau geht auf eine Kooperation mit dem Aargauer Kunsthaus, der Fondation Vincent van Gogh in Arles und dem Kunstmuseum Den Haag zurück und konzentriert sich damit auf das Kerngeschäft der Künstlerin. Sie verhandelt in kleinen und großen Formaten, was eine offene Gesellschaft seit einiger Zeit umtreibt: soziale Schieflagen, eine Boheme in Armut, Feminismus, Transsexualität, neuerdings auch das ökologische Klima. Dazu tauchen immer wieder Allegorien des Ateliers und das lustvolle Metier der Malerei auf. In frühen Riesenbildern dekliniert Eisenman eingangs Ismen und Stile im Ausgang der Moderne und illustriert das Abenteuer der Malerei als Berufung auf schwerem Gewässer, die sich durch nichts und niemanden in Seenot bringen lässt. Jüngeren Datums ist ein Bild wiederum mit einer Barke, die auf öligem Gewässer geradewegs in den Abgrund steuert. Ein Bild wie zur jüngsten Klimakonferenz.

Eisenman schmiert, spachtelt und schichtet die Farbe bisweilen fingerdick auf die Leinwand, flirtet mit Surrealismus und Comic, ist sich für nichts zu schade. Eben damit hat sie in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren ein Œuvre als Projektionsfläche ihrer Zeit geschaffen, ihre Referenzen teilt sie erkennbar mit. In einer Reihe von Aquarellen taucht 2005 der Name Dix auf, in Versalien auf einen nackten Po geschrieben, er gehört zu einem Mann mit kantigem Schädel, ganz so wie Dix sich als Raubein und Draufgänger stilisiert hat. Dicht gedrängt entladen sich in den kleinen, in Rot getauchten Blättern unschöne, aber delikat karikierte Energien einer Welt im Chaos, sarkastisch geschildert in Chiffren von Gewalt, Prostitution, Chauvinismus. Zu den Ikonen ihres Werks zählen die Biergärten, mit denen Eisenman Programmbilder aus dem neunzehnten Jahrhundert wie Édouard Manets „Musik im Tuileriengarten“ paraphrasiert. Bei ihr sind es Hipster, die sich in eher trostloser Stimmung treffen, trinken, trauern, aneinander vorbei leben. Wie in vielen ihrer Bilder kann man sich in die einzelnen Visagen vertiefen: Die Müßiggänger sind melancholisch, böse, ausgelaugt und aufbrausend, zitieren stilistisch so manches von Vincent van Gogh bis James Ensor. Ein junger Mann schaut zwar entschlossen aus dem Bild, aber die Zukunft verheißt auch ihm nichts sonderlich Gutes (das Blackberry in seiner Hand bezeugt, dass dieses Werk von 2009 auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat).

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Die Zeit überbrückende Dialoge

In Eisenmans illusionsloser Wirklichkeit gibt es sehr wohl Empathie, Zuneigung, Liebe, vielleicht sogar Glück, wenigstens in Anflügen. Immer aber scheinen sie einem schwierigen Leben abgetrotzt, bekunden sich auch dann in satirischer Vereinfachung oder Überzeichnung. Mit einer Getränkedose in der Hand befriedigt sich eine picassoeske Frauengestalt; die Antlitze anderer Frauen sind, wenn sie nicht schwarze Tränen weinen, in giftig-kränklichem Grün gefärbt. Ein liegender Akt auf einem Flügel stellt sich einigen Barbesuchern zur Schau, während diese Szenerie beschossen wird, als ob da gerade ein Scharfschütze zugeschlagen hätte. Man sieht die Einschläge der Projektile auf dem Bild.

 Nicole Eisenmans „Ketchup vs Mustard“ 2005.
Nicole Eisenmans „Ketchup vs Mustard“ 2005. Bild: Sammlung Gaby und Wilhelm Schür

Ergänzt und bereichert wird die Werkschau durch Arbeiten der klassischen Moderne aus Bielefelder Beständen und den Sammlungen der Museen, mit denen die Kunsthalle kooperiert. Das ist spekulativ und inspirierend. Man trifft auf Bilder mit seltsamem Personal und befremdlichen Figuren, die durchaus der Fantasie Eisenmans entsprungen sein könnten: ein Brautpaar, das beklommen den Bund fürs Leben eingeht, bei Paul Camenisch; Gestalten, die wie Pflöcke ins braune Erdreich ge­rammt sind bei Karl Ballmer, oder scheinbar aus Holz herausgeschnitzt bei Max von Moos – pralle Brüste signalisieren Sünde. Solche Dialoge überbrücken tatsächlich die Zeit, und sie zeigen, wie sich weniger bekannte Künstler der klassischen Moderne sinnvoll in die Gegenwart holen lassen. Kurzweilig und vielschichtig lädt die Kunsthalle Bielefeld dergestalt in die Zwanzigerjahre ein – damals und heute.

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Köpfe, Küsse, Kämpfe: Nicole Eisenman und die Modernen. In der Kunsthalle Bielefeld; bis zum 9. Januar 2022. Ein Katalog ist in Vorbereitung.

Quelle: F.A.Z.
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