Umbenennungen in Dresden

Weg mit dem Hottentottenpaar

Von Stefan Locke
16.09.2021
, 16:13
Vermeers Bilder jedenfalls müssen wohl keine Umbenennung fürchten: Blick in die Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden.
Die Kunstsammlungen Dresden überdenken ihren kuratorischen Sprachgebrauch. Gut 150 vermeintlich diffamierende Objekttitel wurden umformuliert. Darüber ist jetzt ein politischer Streit entbrannt.

Der Name eines der berühmtesten Ex­ponate des Dresdner Grünen Gewölbes ist neuerdings nicht mehr so leicht zu finden. „**** mit der Smaragdstufe“ lautet online der neue Titel nebst der in Klammern stehenden Ergänzung „historische Bezeichnung“. Das zumindest ist schon einmal fraglich, denn die historische Bezeichnung der vor 300 Jahren die Schatzkammer Augusts des Starken geschaffenen Statuette ei­nes kräftigen, schwarzen jungen Mannes, der auf einem Tablett 16 Smaragdkristalle präsentiert, lautete seit jeher „Mohr mit der Smaragdstufe“. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ersetzten nun das seit Jahrzehnten im Deutschen nicht mehr gebräuchliche Wort Mohr durch vier Asterisken. Die Statuette ist damit eines von bisher 143 Kunstwerken, de­ren Titel beim Durchforsten der rund 1,5 Millionen Objekte der Sammlungen auf rassistische oder anderweitig diskriminierende Begriffe entweder teilweise getilgt oder geändert wurden.

Um das Prozedere ist nun ein heftiger Streit entbrannt. Es gebe Forderungen, Kunstwerke ganz zu entfernen oder Namen komplett zu tilgen, antworteten die SKD auf eine Anfrage der F.A.Z. Das tue man explizit nicht. An­dere wiederum wollten, dass alles bleibt, wie es ist. Am lautesten schreit wie stets die AfD, deren Landesvor­sitzender von einem „Skandal“ spricht, „linke Cancel Culture“ wittert und den Ministerpräsidenten auffordert, die Um­­­­benennungen rückgängig zu ma­chen. Wie hier die „Sprachpolizei“ agie­re, sei „ungeheuerlich“. Aber auch der Deutsche Museumsbund findet, dass Museen Begriffe nicht einfach tabuisieren dürfen. Wenn sich Titel über die Jahre veränderten, sollte das auch sichtbar sein, sagte Vorstandsmitglied Reinhard Spieler dem MDR. „Ich finde, wir sind als Museen historische Institutionen, und wir wollen eigentlich sichtbar machen, dass man in an­deren Kulturen und zu anderen Zeiten andere Werte vertreten hat. Das ist der Sinn von Museen.“

Kein Tilgen historischer Informationen

Die Generaldirektorin der Dresdner Sammlungen, Marion Ackermann, hält dagegen „die äußerste Sensibilisierung für Sprache“ für das zentrale Thema ih­rer Häuser, wie sie kürzlich in der Säch­sischen Zeitung schrieb. Sie gründete eine „An­ti-Diskri­minie­rungs-AG, in die so viele interne Mitarbeiter*innen wie möglich einschließlich ex­terner thinkers of color eingebunden sind“. Dabei gehe es nicht nur um Be­griffe, die historisch bewusst abwertend benutzt wurden, sondern auch um den Sprachgebrauch einer Zeit, in den „unreflektiert Begriffe Eingang fanden, die heute als eindeutig rassistisch oder diskriminierend bewertet“ würden, so Ackermann. „Um keine Menschen über die Reproduktion dieser Sprache zu verletzen, werden die Werktitel … sukzessive überarbeitet, in großen Teilen umbenannt und diskriminierende Begriffe von historischen Ti­teln durch vier Sternchen ausge­blendet.“

Nun ist es seit Jahrhunderten in Mu­seen weltweit üblich, Werksnamen zu überarbeiten, zumal es sich oft auch nicht um vom Künstler vergebene Originaltitel handelt, sondern um von Sammlern, Händlern und Museumsmitarbeitern aus dem Verständnis der je­weiligen Zeit heraus vergebene Be­zeichnungen. Gerade bei Titeln wie „Frau im Pelz mit Neger“, „Figur des Hottentottenpaares“ oder „Tanzende Negersklaven“ leuchten sprachliche Überarbeitungen durchaus ein. Die Frage ist freilich, ob mit der öffentlichen Tilgung oder Überarbeitung der Fall erledigt sein und damit quasi ungeschehen gemacht werden kann oder ob Museen nicht in der Tat auch die Aufgabe haben, die Dinge öffentlich in den historischen Kontext zu stellen. Zwar würden „grundsätzlich keine historischen Informationen oder Titel ge­tilgt“, heißt es in einer Antwort der sächsischen Kunstministerin Barbara Klepsch (CDU) auf eine Anfrage der AfD-Fraktion, „sondern im Änderungsfall für Forschungszwecke in eine nicht öffentliche Dokumentationsebene verschoben“.

Die SKD wiederum wehrten sich am Mittwoch gegen den Vorwurf, Titel stillschweigend zu än­dern. So blieben in der via Internet zu­gänglichen Onlinesammlung alle historischen Titel erhalten. Das stimmt, al­lerdings ist davor nun eine Art Beipackzettel geschaltet, der die Frage auf­wirft, für wie mündig die SKD ihre Besucher halten. Wer sich für das Anzeigen des historischen Ti­tels entscheide, werde Beschreibungen sehen, die rassistisch oder diskriminierend sind, heißt es dort warnend, und dass sich die Sammlungen von diesem Sprachgebrauch distanzierten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot