Dürer-Ausstellung in London

Sein Copyright bestand nicht nur im „AD“

Von Andreas Platthaus, London
25.11.2021
, 11:30
Dürers Zeichnung „Madonna und Kind auf einer Rasenbank“
Die National Gallery zeigt Albrecht Dürer von den Elsässer Studienjahren bis zu den Italienreisen. Aber die größte Überraschung wartet zehn Gehminuten entfernt.
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Was kann ein vor fast fünfhundert Jahren gestorbener Künstler wie Albrecht Dürer noch Neues bieten? Eigentlich dürfte dieser Text gar nicht in London beginnen, sondern in Concord, Massachusetts. Dort gab es vor ein paar Jahren eine Haushaltsauflösung, die etwas zutage förderte, das sich nun anschickt, eine der teuersten Altmeisterzeichnungen der Kunstgeschichte zu werden. Aber dazu später. Denn natürlich gibt es doch gute Gründe dafür, mit London anzufangen. Hier wird die Zeichnung jetzt nämlich erstmals gezeigt. Pünktlich zur Eröffnung der großen Dürer-Ausstellung in der National Gallery. Allerdings nicht in dieser großen Ausstellung, sondern zehn Fußminuten weiter, in einer kleinen, aber traditionsreichen Kunsthandlung.

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Die mutmaßlich spärlichen London-Besucher in diesen reisefeindlichen Zeiten sollten sich die gerade eröffnete National-Gallery-Schau trotzdem keinesfalls entgehen lassen. Und das auch dann nicht, wenn sie erst vor wenigen Monaten im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum die sensationelle Ausstellung „Dürer war hier“ (F.A.Z. vom 24. Juli) gesehen haben. Denn „Dürer’s Journeys“ ist zwar deren Wiederaufnahme, aber allein schon die konservatorischen Erfordernisse für die vielen subtilen Zeichnungen und Druckgrafiken haben dafür gesorgt, dass man es in London mit einer zu zwei Dritteln ver­änderten Werkauswahl zu tun hat. Insgesamt hat dieses deutsch-britische Ge­meinschaftsprojekt mehr als 250 Arbeiten aus aller Welt zusammengetragen, aber jeweils rund hundert davon mussten sich auf einen der beiden Schauplätze beschränken. Es handelt sich also in London um eine ganz andere Präsentation als in Aachen.

Dürers Gouache eines Löwen von 1494
Noch Heraldik statt Anschauung: Dürers Löwen-Gouache von 1494, heute in der Hamburger Kunsthalle. Bild: Hamburger Kunsthalle, Hamburg

Im Guten wie im Schlechten. Gut ist die gegenüber Aachen weitaus größere Zahl von Dürer-Gemälden (elf statt vier). Der Ruhm der National Gallery hat etwa dafür gesorgt, dass der Prado sein ikonisches Männerbildnis von 1521 für London freigegeben hat, das Thyssen-Bornemisza-Museum „Christus unter den Schriftgelehrten“ von 1506 und die amerikanische National Gallery sogar die Haller-Madonna von 1498. Eine ungenannte Privatsammlung hat es vorgezogen, entgegen der ur­sprünglichen Ankündigung ihre Ver­sion von Dürers kleinformatiger Kreuzweg-Komposition von 1527, die bislang nur in zwei zeitgenössischen Kopien (Bergamo und Dresden) überliefert war, ausschließlich nach London zu geben, wo die beiden anderen Bilder fehlen (und damit auch die Vergleichsgrundlage für die etwas vollmundige Zuschreibung). Die pandemiebedingten Verschiebungen des zweiteiligen Ausstellungsprojekts boten die Aus­rede dafür: In Aachen hätte schon im Vorjahr eröffnet werden sollen, zum fünfhundertsten Jubiläum des Beginns der niederländischen Reise von Dürer samt seinem mehrmonatigen Aufenthalt in Antwerpen 1520/21. London wäre dann regulär im vergangenen Frühjahr gefolgt.

Was das Herz der Ausstellung ausmacht

Diese Abfolge beider Stationen jedoch überzeugt nicht, denn Aachen wählte mit dem Zeitraum der insgesamt einjährigen Reise in die Niederlande ein eng umrissenes Thema, das durch eine hochkonzentrierte Auswahl von Dürer-Werken der Jahre 1520/21 verdeutlicht wurde – und grandios erweitert mittels von Dürer unmittelbar beeinflusster Kunst jener Zeit, sodass man von einem Antwerpener Laboratorium der Renaissance sprechen kann, das in Aachen bei der Arbeit gezeigt wurde: ein Spezialistenblick von größtem Reiz. Die National Gallery dagegen hat diese Essenz erweitert und damit auch verwässert: auf sämtliche Dürer-Reisen von den Studienjahren im Elsass und in Basel über die beiden Italien-Aufenthalte bis hin zur niederländischen Episode. Das Allgemeine kommt somit erst nach dem Speziellen. Aber man muss einem englischen Publikum wohl auch Zugeständnisse machen.

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Dessen ungeachtet, ist die Reise von 1520/21 immer noch das Herz der ganzen Zusammenstellung. Es handelt sich also um Etikettenschwindel, der in London betrieben wird. Gut so, denn der Raum mit den Dürer-Porträts jener Jahre und den parallel entstandenen Bildnissen seiner niederländischen Kollegen ist auch hier wieder eine Zauberkammer. Dagegen fallen die Teile zu Dürers Rezeption der Reformation und vor allem zu seinem legendären Silberstiftbuch, das er während der Reise füllte und dessen Bestandteile heute weit verstreut sind, im Vergleich mit Aachen enttäuschend aus; selbst das Bri­tische Museum lieh seine Blätter lieber dorthin aus. Damit fehlen auch einige der schönsten Dürer’schen Tierzeichnungen, die er in den Zoologischen Gärten von Gent und Brüssel anfertigte. Erst dadurch kam bei ihm in diesem Genre unmittelbare Anschauung zum Zuge. Allerdings ist das demselben Kontext entstammende wunderschöne Skizzenblatt mit exotischen Tieren und Landschaften aus dem amerikanischen Wil­liamstown angereist.

Und in London wird Dürers Beziehung zu dem flämischen Maler Joachim Patinir viel intensiver gewürdigt – das Museum Boijmans in Rotterdam entlieh ein kleinformatiges Landschaftsfragment, auf dem die Zerstörung von Sodom und Gomorrha zu sehen ist, während Lot und seine Töchter von Engeln geführt entkommen. Der Direktor der National Gallery protzt in seinem Kataloggrußwort, dass es sich dabei um die Überbleibsel jenes Patinir-Bildes handele, das Dürer 1520 geschenkt bekommen hat. Die Katalogautoren selbst sind da weitaus zurückhaltender. Dafür hat das Berliner Kupferstichkabinett für diese Abteilung der Londoner Schau das einmalige Skizzenblatt mit neun Ansichten des heiligen Christophorus hergegeben, das Dürer 1521 angefertigt hat – aus seinem Reisetagebuch weiß man, dass er Patinir vier autonome Christophorus-Zeichnungen geschenkt hat, von denen heute nur noch eine bekannt ist. Sie liegt sonst im Britischen Museum und macht nun in der National Gallery staunen. Schön, dass bei den institutionellen Leihgebern meist doch inhaltliche Erwägungen für die jeweilige Bewilligung ihrer Schätze ausschlaggebend waren.

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Wie hielt er's mit der Religion?

Relativ schmal fällt in London im Vergleich mit Aachen trotz der Christophorus-Suite die Berücksichtigung von Dürers religiösen Themata aus. Dabei hätte man mit der Haller-Madonna einen fulminanten Ausgangspunkt dafür gleich im Entree zur Ausstellung. Madonnen waren für Dürer Brot-und-Butter-Motive; keinem anderen Sujet abseits der Passionsszenen widmete er sich derart kontinuierlich. Seinen ersten Verkaufserfolg erlebte der damals Vierundzwanzigjährige 1495 mit einem Kupferstich, der heute als „Heilige Familie mit der Heuschrecke“ bekannt ist, und bevor Dürer ein Vierteljahrhundert später zur niederländischen Reise aufbrach, publizierte er weitere Madonnen-Druckgrafiken, die er auf Studienblättern akribisch vorbereitete. Wiederkehrendes Accessoire dabei ist die Rasenbank, auf der Maria sitzt, während sie das Jesuskind hält – ein Detail, das Dürer dem Werk des von ihm bewunderten Martin Schongauer abschaute, aber dann zu so etwas wie dem Markenzeichen seiner eigenen Madonnen erhob. In der Londoner Ausstellung kann man ihm immer wieder begegnen. Und die von ihm beeinflussten Künstler verzichteten meist just auf dieses Detail, als hätten sie ein Copyright zu beachten gehabt.

Die Rasenbank ist denn auch auf jener Zeichnung zu finden, die zehn Fußminuten weiter in der Kunsthandlung Agnews zu besichtigen ist. Auch sie zeigt eine Madonna. Das Blatt ist klein, sechzehn Zentimeter im Quadrat, aber die Federzeichnung ist von größter Delikatesse und bemerkenswert in ihrer Mischung aus vertrauten und originellen Elementen. Ganz ohne Beispiel bei Dürer steht die konkrete Rückenansicht des Jesuskindes da, und auch die naturalistische Größe des Babys löst sich vom italienischen Vorbild, dem Dürer zuvor etwa bei der Haller-Madonna mit deren Wonneproppen noch gefolgt war. Die bislang einhellig von der Eigenhändigkeit überzeugten Experten (eine Ta­gung zur Neuentdeckung soll im Dezember in London stattfinden) geben als wahrscheinlichen Entstehungszeitpunkt das Jahr 1503 an, und das wiederum passt in der Tat perfekt zu einer im Louvre aufbewahrten Dürer’schen Tüchleinmalerei mit einem Madonnenantlitz aus ebenjenem Jahr, das genau das gleiche lange lockig-offene Haar aufweist.

Besonders überzeugend für die Zuschreibung ist die Papieranalyse, die ein Wasserzeichen der Familie Fugger ergeben hat, das zu einer Charge passt, mit der Dürer intensiv gearbeitet hat – und kein anderer Künstler außer ihm. Deshalb hat Agnews die Präsentation seines Schatzes mit fünf weiteren Arbeiten zum Komplex der Handelsbeziehungen von Dürer mit den Fuggern erweitert, darunter die einzige erhaltene Druckplatte von Dürer überhaupt: zu dessen Melanchthon-Porträt von 1526 – ausgeliehen aus Gothaer Museumsbesitz und hergestellt aus Kupfer, für das die Fugger ein Monopol im Deutschen Reich besaßen. Sie hätte auch die Ausstellung der National Gallery geziert, aber im Eckkabinett von Agnews ist die Pre­ziose in einer Vitrine bestens präsentiert.

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Intime Begegnung mit einer Multmillionen-Madonna

Und gleich daneben hängt in einem echten Spätrenaissancerahmen die nunmehr frisch gereinigte und von vielfachen historischen Papierhinterlegungen befreite Madonna und bezirzt durch ihren zugewandten Blick. Die Provenienzfrage ist bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert geklärt, also weit über die heiklen Dreißiger- und Vierzigerjahre hinaus. Als bislang letzte bedeutende Dürer-Zeichnung kam 1978 ein Landschaftsaquarell von 1495 zur Auktion. Es kostete damals 640 000 Pfund und ist heute im Besitz der Kunsthalle Bremen (und wird in der National Gallery gezeigt). Als Preis für das neu entdeckte Blatt erwartet die Kunsthandlung nun einen „achtstelligen Pfundbetrag“ – auf Nachfrage etwas genauer ungefähr in der Höhe eines 2009 versteigerten Musenkopfs von Raffael. Der erbrachte damals 29 Millionen Pfund. Dürers Madonna auf der Rasenbank ist auf dem Weg in den Olymp des Kunstmarkts und dann in eine finanzkräftige Sammlung. Noch aber können wir Sterblichen ihr für drei Wochen in London so intim Auge in Auge gegenüberstehen wie wohl nie wieder.

Dürer’s Journeys – Travels of a Renaissance Artist. In der National Gallery, London; bis zum 27. Februar 2022. Der gegenüber der Aachener Ausgabe nur halb so dicke englischsprachige Katalog kostet 30 Pfund.

Albrecht Dürer – The Virgin and Child with a Flower on a Grassy Bench. In der Kunsthandlung Agnews, London; bis zum 12. Dezember. Zu der neu entdeckten Zeichnung ist dort eine kleine Broschüre gratis erhältlich; ein ausführ­licherer Katalog soll Ende Januar 2022 folgen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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