Marina Abramović in Tübingen

Die Geister, die sie rief

Von Ursula Scheer
26.07.2021
, 06:32
Transzendiert Kinder, Küche, Kirche: Abramovićs Videoinstallation „Leviation of Saint Teresa“
Peitschenknallen, Kamillenduft und eine Auferstehung in der Mixed Reality: Die Kunsthalle Tübingen widmet Marina Abramović eine Retrospektive und leuchtet die spirituellen Seiten ihres Schaffens aus.

Im Namen der Kunst hat Marina Abramović sich selbst ausgepeitscht, bis ihr Körper keinen Schmerz mehr fühlte und der Geist sich öffnete. Wie eine Märtyrerin ließ sie sich in einer anderen Performance vom Publikum verletzen und nahm die mögliche eigene Tötung in Kauf. Tränenüberströmt eine Zwiebel essend klagte sie Jahre später nicht ohne Selbstironie ihr Leid: eingefangen von der Kamera wie ein Bild der Mater Dolorosa. Vor einem Esel beichtend war sie Büßerin; von Pythons umschlungen glich sie einer Schlangenbeschwörerin; beim Erspüren von Energiefeldern über Objekten einer Geisterheilerin.

Daran, dass Marina Abramovićs Werk strotzt vor Anleihen bei spirituellen Praktiken verschiedener Traditionen, besteht kein Zweifel. Umso verblüffender, dass erst die Kunsthalle Tübingen diesen Aspekt ihres Schaffens ins Zentrum einer thematisch strukturierten Retrospektive rückt, ohne freilich die Fülle des Materials annähernd fassen zu können: Hat die 1946 geborene Künstlerin doch, um nur wenige weitere Beispiele zu nennen, auch buddhistische Mönche singen und sich von Aborigines in Telepathie unterweisen lassen, mit Hypnose sowie schamanischen Konzepten experimentiert und Lebensodem – sich gegenseitig Mund zu Mund beatmend – mit ihrem Lebens- und Arbeitspartner Ulay geteilt. Dem Ende der Beziehung pilgerte sie auf der Chinesischen Mauer entgegen.

Qual als Kunst, Kunst als Qual: Marina Abramović im Video „Spirit House – Dissolution“ (1997)
Qual als Kunst, Kunst als Qual: Marina Abramović im Video „Spirit House – Dissolution“ (1997) Bild: Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Als Medium der Grenzüberschreitung zwischen Leib und Seele, sich selbst und anderen, hat sie ihren Körper strapaziert: meditierend, fastend oder – auf der Venedig-Biennale 1997 – blutige Rinderknochen als Mahnmal des Balkankriegs schrubbend. Eine Fakirin der Kunst, unterwegs Richtung Schmerz als „heiliger Tür zu einem anderen Bewusstseinszustand“, die schließlich die Macht der schieren Präsenz entdeckte. Drei Monate sitzend, schweigend, einem Besucher nach dem anderen im Museum of Modern Art in die Augen blickend machte die Performance „The Artist is Present“ sie vor zehn Jahren zum globalen Superstar – und danach für Kritiker zum allzu populären Guru der Performance-Kunst, bei dem Lady Gaga Unterweisung sucht, Adidas anklopft oder das Publikum mit Reis und Linsen auf Selbsterfahrungstrip geschickt wird.

Ewiges Leben als Hologramm

Und in Tübingen? Kulminiert die Ausstellung in einer Mixed-Reality-Installation, die jene wirkmächtige Präsenz, für die die Künstlerin berühmt ist, in ihrer Abwesenheit herstellen will, jetzt und immerdar. „The Life“ von 2019, hier erstmals in einem Museum zu sehen, lässt sich nur mithilfe eines von schweigsamen Helferinnen in Arztkitteln gereichten (und selbstverständlich desinfizierten) Headsets erleben. Trägt man dieses nach dem pseudomedizinischen Ritual auf dem Kopf, wölbt sich vor den Augen eine transparente Brille. Wer durch sie schaut, erblickt ein dreidimensional in den realen Raum projiziertes Phantasma der Künstlerin in dem alterslosen Look, den sie schon lange kultiviert. Erst ist da nur ein Schatten, dann verdichtet sich pixelig ihre schreitende Gestalt im zeitlos roten Gewand, bis sie stehen bleibt und mit den Händen in Tai-Chi-Geschwindigkeit Gesten vollzieht, als erspüre sie ihre Aura.

Unsterblich, aber auch ziemlich leblos: Die Mixed-Reality-Projektion der Performance-Künstlerin in ihrer Installation „The Life“ (2019).
Unsterblich, aber auch ziemlich leblos: Die Mixed-Reality-Projektion der Performance-Künstlerin in ihrer Installation „The Life“ (2019). Bild: Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Virtuelle Auferstehung nach dem Tod, ein ewiges Noli me tangere aus der Konserve: Das wirkt technisch berückend, doch performativ seltsam schal. Mit heute avancierten Methoden entsteht ein aseptisches Hologramm einer Performerin fast im Ruhemodus. Als Experiment, als Pionierleistung, ist es interessant. Ein Gefühl der Nähe oder Beteiligung evoziert es weniger, womöglich aber achtsame Stille. Die enormen Kosten – anderthalb Millionen Dollar für dieses Werk – bremsten sie dabei, das Mixed-Reality-Medium weiter zu erproben, sagt Marina Abramović.

Gewissermaßen das Gegenstück zu „The Artist Is Present“: Setting von „The Life“ ohne Mixed-Reality-Brille betrachtet.
Gewissermaßen das Gegenstück zu „The Artist Is Present“: Setting von „The Life“ ohne Mixed-Reality-Brille betrachtet. Bild: Marina Abramović, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

„The Life“ hätte auch „The Death“ heißen können und steht in bestechendem Kontrast zur realen Präsenz der Künstlerin, die, aus New York angereist, vor Eröffnung der Schau im Garten des Museums ihr Faible für politisch unkorrekte Witze betont, die Pandemie – sie schäme sich fast, es zu sagen – die beste Zeit ihres Lebens nennt, in der sie ihre Opern-Performance „7 Deaths of Maria Callas“ habe vorantreiben und an einer Fernsehdoku arbeiten können. Sie gibt sich nahbar, familiär und versöhnlich.

Wirkt anthroposophisch und duftet gut: Marina Abramovićs Installation „Reprogramming Levitation Modul 2000“ bietet in Tübingen zwei Badewannen voller Kamillenblüten und je einem Chakra-Kristall auf.
Wirkt anthroposophisch und duftet gut: Marina Abramovićs Installation „Reprogramming Levitation Modul 2000“ bietet in Tübingen zwei Badewannen voller Kamillenblüten und je einem Chakra-Kristall auf. Bild: AFP

Dass diese Werkschau in Tübingen zu sehen ist, verdankt sich dem Umstand, dass Marina Abramović und Ulay Mitte der siebziger Jahre eine enge Bindung zur damals in der Stadt ansässigen Galerie Ingrid Dacić aufbauten. Einmal in der gerade fertiggestellten Kunsthalle ausstellen: „Das war damals mein Traum“, sagt die Künstlerin und dankt der Ulay-Stiftung sowie der Witwe ihres früheren Partners für die Kooperation. Kein Wort mehr über den bitteren Streit des einstigen Performance-Duos um Urheberrechte.

Vom Ich zum Du zum Wir

So kann dessen Kooperation in Frieden am Anfang der Schau „Jenes Selbst / Unser Selbst“ stehen, die kuratiert von der Kunsthalle-Chefin Nicole Fritz, mit dem Studio Abramović einen Aufstieg über drei Stufen zu höherer geistiger Erkenntnis aus dem Werk konstruiert. Der erste Teil des Titels ist der Vorstellung Ulays und Marina Abramovićs entlehnt, gemeinsam eine höhere energetische Wesenheit zu schaffen. Bildschirme stellen lebensgroß die Performer mit Videos der hypnotisch fundierten Serie „That Self“ (1980) in den Raum. Im dramatischsten Teil „Rest Energy“ spannte sie den Bogen, der den von ihrem Partner gehaltenen Pfeil durch ihr Herz hätte schießen können. Man kann an die „Ekstase der heiligen Teresa“ von Bernini denken – und wenige Schritte entfernt, wie in einer Kapelle, Marina Abramovićs Auseinandersetzung mit der Mystikerin in „Levitation of Saint Teresa“ von 2009 finden.

Damit wäre allerdings Stufe zwei übersprungen, die sich dem Energiedialog mit Natur und Publikum widmet. Es finden sich „Transitory Objects“ aus Kristall und die mit Kamillenblüten gefüllten Badewannen aus dem „Soul Operation Room“ von 2009. Stufe drei schließlich repräsentiert die Künstlerin als Lehrende, die durch das von ihr gegründete Institut wirkt, Zuschauer zur Partizipation und Selbsterkundung bewegt und mittels Mixed-Reality in andere Dimensionen vorangeht.

Vom Ich zum Du zum Wir; erst radikal, dann ganzheitlich und immateriell – so simpel sortiert sich das Werk Marina Abramovićs sicher nicht, doch die trinitarische Ordnung spannt sinnvoll rote Fäden zwischen ausgewählten Hauptwerken, ohne viele Worte zu brauchen. Sie stellt allerdings auch keine Fragen. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit Mystik und Magie im Werk der Künstlerin delegiert sie an das Katalogbuch. Die Ausstellung lädt zum Schauen, Fühlen, Sein. Wie Marina Abramović es will.

Marina Abramović: „Jenes Selbst / Unser Selbst“, Tübingen, Kunsthalle, bis 13. Februar 2022. Der Katalog kostet 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Scheer, Ursula
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot